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Interview Mick Rock: "Die geschminkten Jungs bekamen die schärfsten Frauen"

Er war der Hoffotograf der Glam & Glitter-Ära, der Paparazzo der 70er Jahre, knipste David Bowie, Lou Reed, Freddie Mercury. Jetzt zeigt eine Berliner Galerie seine Fotos. Mick Rock sprach mit stern.de über Weggefährten, seine "chemischen Vorlieben" und sein berüchtigtes Archiv voller kompromittierender Fotos.

Berlin-Prenzlauer Berg, Kastanienallee 32. In einem Büro-Loft seines Berliner Verlages Schwarzkopf & Schwarzkopf empfängt Mick Rock, der tatsächlich so heißt, zum Interview. Der 59-Jährige mit der Sonnenbrille trägt die dunklen Haare halblang und hat einen schwarzen Schal um den Hals geschlungen. Dazu Jeanshemd, Jeans und schwarze Turnschuhe.

Was muss ein Fotograf anstellen, damit er scheuen und exzentrischen Rockstars näher kommen kann als andere?

Keine Ahnung. Ich weiß es nicht. Wir waren damals Künstler und noch keine Stars, David Bowie und all die anderen, und ich habe einfach mit der Kamera herumgespielt. Klar, alle wollten welche sein, waren es aber definitiv nicht. David wurde erst vor meiner Kamera zu einem Star. Das gilt auch für Lou Reed, Iggy Pop oder Syd Barrett. Mich hat die Performance der Künstler interessiert. Ich habe nie mit anderen Fotografen zusammengearbeitet, deshalb weiß ich auch nicht, wie andere das gemacht haben. Möglicherweise habe ich gar keine Distanz gehabt, weil ich mich mit den Leuten identifiziert habe. Ich war einer von ihnen, gehörte dazu.

Sie sollen immer ziemlich aufgedonnert losgegangen sein - mit Lidschatten und Rouge. Warum?

Ich habe so ausgesehen wie sie. Ich sah nicht wirklich gut aus, aber schrill. Keith Richards oder Mick Jagger sahen aber auch nicht gut aus, als sie jung waren. Aber die Jungs haben einfach den Sex in sich gehabt, der damals ankam.

Die Stars, die Sie fotografierten, waren geschminkt, hatten hautenge Goldlamé-Hosen an und sahen aus wie mondäne Tunten. Das war sexy?

Das sah alles nur so mondän aus am Anfang. Aber keiner - weder Iggy, Lou, David oder ich - hatten Geld. Und schwul waren die wenigstens. Glauben Sie mir: Die am meisten geschminkten Jungs bekamen die schärfsten Frauen ab.

Als Sie Anfang 1972 den fast noch unbekannten David Bowie fotografierten, ging nicht nur dessen Karriere los, sondern auch Ihre. Sie wurden zum Hoffotografen des Pop-Adels der Glam & Glitter-Ära. Warum Sie?

Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort, ohne es zu wissen. Rock 'n' Roll hieß das Spiel, und der Motor war Glam. Das habe ich sofort gespürt - und war das Werkzeug bei der Verbreitung des Images. Ich habe mein Ziel mit leidenschaftlicher Ahnungslosigkeit verfolgt. Es heißt immer, ich sei der einzige Fotograf gewesen, der damals in diese turbulente Szene reingekommen ist. Falsch: Ich war der Einzige, der sich dafür überhaupt interessiert hat.

David Bowie trug zwar immer gern Frauen-Klamotten vor der Kamera, ließ sich aber nie in Damenunterwäsche fotografieren. Gab es solche Sonderwünsche öfter?

David war immer unproblematisch. Und sehr professionell. Er war nicht schwierig. Die einzige Bedingung von Freddie Mercury zum Beispiel, dem Sänger von Queen, war: Zeig meine Zähne nicht! Er fand seine Zähne zu groß, wenn er lächelte. Er hatte ein großartiges Verständnis für Körperhaltung und war ansonsten ebenfalls ein Profi.

Gab es auch schwierige Zeitgenossen, die Sie ablichteten? Wie war Marc Bolan, wie Bryan Ferry?

Klar gab es auch problematische Fälle. Wir reden von den 70er Jahren. Das war alles Experiment, es gab nicht nur unsere "chemischen Experimente"... Und alles war shiny und pretty. Vieles war aber einfach nicht unter Kontrolle. Eines werde ich sicherlich niemals tun: über Sex und Drogenexzesse meiner Weggefährten in dieser Zeit berichten. Viele haben es selbst getan. David Bowie hat darüber gesprochen und Lou auch teilweise. Dass wir Jungs auch heute noch so verbunden sind, hat was mit meiner Verschwiegenheit zu tun. Ich rede nicht über bestimmte Dinge, Freunde tun so was nicht.

Gibt es Stars, die Sie enttäuscht haben?

Nein. Weil ich jeden, mit dem ich gearbeitet habe, in seinem Anderssein respektiert und akzeptiert habe. Da kann man auch nicht enttäuscht werden. Damit die Bilder gut werden, ist es wichtig, sich in Freundschaft zu begegnen. Als Fotograf musst du allerdings auch unbarmherzig sein können. Da fühlte ich mich manchmal sogar wie ein Mörder: Eher reiße ich dir dein Herz raus, als auf das Bild zu verzichten, das ich haben will - sobald ich dieses eine Foto habe, kannst du nach Hause gehen, dann interessierst du mich nicht mehr. Das kam auch vor, klar.

Welche Rolle spielen Inszenierungen in ihrer Fotografie?

Einige Platten-Cover von Lou Reed sind von vorne bis hinten inszeniert, zum Beispiel "Transformer". Mit Erfolg. Und die meisten Queen-Shots waren auch gestellt, aber das wollten die Jungs auch so. Aber sonst? Ich habe einfach das gemacht, was ich wollte. Es hat sich entwickelt. Ich habe das einfach gelebt. Im Rückblick sieht das dann vielleicht so aus, als sei das alles inszeniert gewesen. Aber es sind viele der Images geblieben, auch später noch, als ich nicht mehr fotografiert habe.

Sie sagten einmal: "Es gibt keinen Glitter, der ohne Blut kleben bleibt. Früher oder später gibt es Opfer. Leichen. Zerstörte Leben." Sie selbst sind dem Tod einmal von der Schippe gesprungen. Wann war das?

An Weihnachten vor zehn Jahren. Ein Herzinfarkt. Ich hatte chemische Vorlieben...

Sie sollen vor allem Kokain geschnupft haben.

...für die ich fast gestorben wäre. Die Rettung war eine vierfache Bypass-Operation. Oh Mann, sie waren da, um mich abzuholen damals. Ich hatte es einfach übertrieben, und dann war eben Zahltag.

In den 80er Jahren sind Sie ein wenig in Vergessenheit geraten.

Die 80er waren hart für mich, ja. Ich hatte nicht nur einen schlechten Ruf wegen meiner chemischen Vorlieben, ich war auch ausgebrannt, erledigt, nicht nur psychisch, auch körperlich. Ich lebte in New York City, trank Unmengen von grünem Tee, machte Yoga, und mir wurde bewusst, dass ich nirgendwo mehr hingehörte. Weil meine Arbeit und auch ich mit den 70er Jahren identifiziert wurden, und das war in den 80er einfach nicht mehr gefragt. Aber die Zeiten haben sich wieder verändert, und nun ist meine Arbeit wieder aktueller denn je.

Heute stellen Sie nicht nur Fotobücher aus Ihrem riesigen Archiv zusammen, Sie fotografieren auch wieder. zum Beispiel das Model Kate Moss. Was unterscheidet Kate Moss von den Stars von früher?

Kate Moss ist großartig. Sie ist meine Rock 'n' Roll-Katie. Sie trägt mehr davon in sich als die meisten Rock ’n’ Roller. Ich mag sie sehr. Sie ist ein wenig wie die Jungs von früher. Ich arbeite gerade an einem neuen Buch mit ihr.

Erinnern Sie sich an Ihre erste Kamera?

Meine erste Kamera war eine kleine schwarze Pentax, die mir ein Freund gegen cash verkauft hat. Mit dieser Kamera sind auch die Bilder von meinem Kommilitonen Syd Barrett entstanden, der dann bei Pink Floyd ausgestiegen ist und eine Solokarriere ausprobiert hat. Anfang der 70er habe ich eine Nikon gehabt, mit der ich David, Lou und die anderen fotografiert habe.

Ist es richtig, dass Sie nicht nur ein riesiges, sondern ein ebenso berüchtigtes Archiv unveröffentlichter Bilder haben? Mit angeblich schockierenden und kompromittierenden Aufnahmen berühmter Popstars?

Oh ja, und die bleiben auch unveröffentlicht. Die gehören nur mir, und ab und zu schaue ich sie mir an und habe riesigen Spaß dabei. Es geht niemanden an, was wir getan haben, als wir jung waren. Wofür sollte ich die Bilder zeigen? Wegen Geld? Fuck it!

Sie sind Vater einer Tochter. Keine Angst, dass sie in Ihre Fußstapfen tritt - was Ihren exzessiven Lebensstil angeht?

Oh ja, ich habe eine wunderschöne 17-jährige Tochter. Nathalie wächst in einer privaten Mädchenschule auf, weit oben in den Bergen Jeder muss natürlich sein eigenes Leben leben. Und die Kids heute wissen, was alles passieren kann…

Wer hat Ihnen in den für Sie so schwierigen 80er Jahren beigestanden?

Es waren viele Menschen um mich herum. David Bowie hat mich mal finanziell unterstützt, besonders als ich so krank war. Mir wurde viel Hilfe angeboten, ich habe aber selbst nie nach Hilfe gesucht. Die Menschen sind von selbst auf mich zugekommen.

Hätten Sie in dieser Zeit nicht ein paar von den unveröffentlichten Bildern verkaufen können?

Oh, man hätte sie mir aus den Händen gerissen. Nein, niemals hätte ich das getan. Lou Reed sagte einmal, dass er mich so sehr dafür schätzt, dass ich nicht käuflich bin. Nein, das bin ich nicht, das gehört sich nicht. Das hat was mit dem Respekt vor sich selbst zu tun.

Was wird wohl später mit diesen Bildern passieren?

Sehr gute Frage. Ich weiß es nicht. So lange ich lebe, werden diese Bilder nicht gezeigt, wenn ich tot bin, wird wohl meine Tochter die Bilder kriegen. Ich kann sie auf keinen Fall vernichten, sie bedeuten mir sehr viel. Na ja, wenn wir alle tot sind, stört es vielleicht auch keinen mehr, wenn sie gezeigt werden.

Interview: Almut F. Kaspar