Jan Grarup: "Shadowland" Weltschmerz in Schwarzweiß


Leid, Überlebenskampf und Tod in anrührenden Schwarzweißbildern zwischen nüchterner Bestandsaufnahme und verstörender Poesie: In "Shadowland" erzählt der Fotograf Jan Grarup jene Geschichten weiter, denen die Tagesnachrichten keinen Platz mehr einräumen.
Von Philipp Gülland

"Wie erkläre ich meinen Kindern, dass nur wenige Autostunden von ihrem Zuhause Jungen und Mädchen im gleichen Alter leben, die nicht zum Arzt oder in die Schule gehen können, weil sie Roma sind - ein Volk, von dem keiner wissen will und das gezwungen ist auf Müllkippen und in Ghettos zu leben?", fragt sich Jan Grarup in der Einleitung seines Bildbandes. Kann man erklären, was Menschen einander aktiv oder passiv antun und warum? Unmöglich. "Dieses Buch liefert keine Antworten, sondern legt Zeugnis ab für all diese Menschen", schließt der Fotojournalist seine einführenden Worte ab. Was dann folgt sind ein Vorwort des Dalai Lama und über 200 Seiten schwarzweißer Weltschmerz. Ein leidenschaftliches Plädoyer für die Menschlichkeit.

Beginnend mit seiner Reportage über die Folgen des verheerenden Erbebens 2005 in Kaschmir, erzählt Jan Grarup in "Shadowland" elf Geschichten: Flüchtlingsdrama und Diamantenkrieg in Sierra Leone, Angst und Hoffnung in Tschetschenien, Genozid in Ruanda, das tragische Schicksal der Kosovo-Albaner, die Schattenexistenz der osteuropäischen Roma, das gefährliche Spiel junger Palästinenser in Ramallah, der Alltag jüdischer Siedler in Hebron, inhaftierte Kinder im Irak, 43.000 Erdbebenopfer im iranischem Bam und die unbeschreibliche Tragödie Darfurs.

Elf Geschichten, zahllose Schicksale

Zwei Aspekte ziehen sich dabei wie ein roter Faden durch die Reportagen: der geradezu stoische Überlebenswille der Menschen und Einzelschicksale, insbesondere die der Kinder. So begleitet er in Ramallah den jungen Palästinenser Ramzi und seine Freunde. Mit Steinschleudern verleihen sie ihrer Wut Ausdruck, kämpfen gegen israelische Soldaten mit Gummigeschossen und Scharfschützen. Eine Schlacht zwischen Religion und jugendlichem Leichtsinn, die Ramzi - wie viele andere Jungen - mit dem Leben bezahlt.

Das Rezept eines Überzeugungstäters

Der 1968 geborene Däne ist Fotojournalist durch und durch. Schon als Schüler fotografierte er für eine Lokalzeitung, studierte danach Fotojournalismus und arbeitete für die Tageszeitungen "Ekstrabladet" und "Politiken", erhielt für seine Reportagen immer wieder Preise und Auszeichnungen. Fragt man ihn nach den Beweggründen seines Tuns, antwortet der fotografierende Überzeugungstäter, was seine Bilder schon vermuten lassen - Empathie: "Am meisten interessiert mich, wie die Menschen leben - vor allem die Kinder. Ich mag es, mich persönlich einzumischen - als Fotografen können wir Dinge beeinflussen", sagt er dem Journalistenmagazin "freelens" in einem Interview. Seine Arbeit folgt einem ebenso simplen wie luxuriösen Rezept: Er nimmt sich Zeit, denn "nur mit viel Zeit kommt man Menschen nahe, und erst dann fangen sie an, von ihrem Leben zu erzählen und dich daran teilhaben zu lassen. Zeit zu investieren, ist die Grundlage meiner Arbeit."

Zwischen 100 und 150 Tage im Jahr ist Jan Grarup unterwegs, um an seinen Geschichten zu arbeiten. In Ramallah war er zum Beispiel sechs Mal, hat 600 Filme belichtet. Am liebsten arbeitet er analog: "Wenn ich auf Film arbeite, bin ich unsicher, gehe wieder und wieder in eine Szene oder ein Motiv hinein, und daher habe ich dann sehr viele Bilder, unter denen ich wählen kann. So wird eine Geschichte besser."

Einfühlsame Klarheit, schwere Kost

Grarups Bilder sprechen eine deutliche Sprache. Sie sprechen auch von der Leidenschaft und Kompromisslosigkeit des Fotografen, aber in erster Linie erzählen sie die Geschichte der Opfer - jener, deren schiere Existenzen von Erdbeben, Bürgerkriegen, Hunger Armut und Verfolgung bedroht werden. Der Däne schaut in "Shadowland" auf zwölf Jahre seiner Arbeit zurück und serviert Fotoliebhabern und Politikinteressierten schwere Kost: Fotografien, die scheinbar spielend den Bogen zwischen visueller Poesie und bloßer Dokumentation schlagen, entführen den Leser auf eine zuweilen verstörende Reise - schmerzhaft real und zugleich so wundersam surreal, dass einem der Kopf schwirrt.

Soll man Grarups geniale Reportagefotos bewundern? Schwarzweiß, großartig ausgearbeitet, von virtuoser Schnappschussästhetik und atemberaubender Empathie, ohne Effekthascherei und in ihrer Aussage absolut auf den Punkt. Soll man die harten Fakten, die der Reporter in diesen zwölf Jahren zusammengetragen hat, sacken lassen? Erbeben in Kashmir und alle schauen schnell wieder weg, Flüchtlingsdrama und Diamantenkrieg in Sierra Leone, Kein Nachrichtenwert? Am besten nimmt man sich Zeit - viel Zeit - und tut beides.


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