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Korallen: Kriegszone Korallenriff – auf den Malediven erstickt die Artenvielfalt

Korallenriffe sind Heimat für ein Viertel aller Meerestiere. Schwerste Stürme überstehen sie, der Mensch aber wird zur tödlichen Gefahr. Wo das Leben blühte, bleiben oft nur graue Ruinen.

Von Frank Ochmann

Ranger im marinen Naturpark der zu Frankreich gehörenden Mayotte-Inseln im Indischen Ozean überwachen den Zustand der dortigen Korallen

Ranger im marinen Naturpark der zu Frankreich gehörenden Mayotte-Inseln im Indischen Ozean überwachen den Zustand der dortigen Korallen

Seine ersten Tauchgänge fanden immer am Sonntag statt. Dann nämlich kuschelte sich der kleine Alexis Rosenfeld in Paris vor dem Fernseher an seine Oma und ließ sich von den neuesten Unterwasser-Abenteuern seines Idols Jacques-Yves Cousteau fesseln. Der legendäre knochige Expeditionär und sein Forschungsschiff "Calypso" haben nicht nur in Frankreich eine ganze Generation Woche für Woche in ihren Bann gezogen. "Damals standen zwei Menschen im Zentrum meiner Träume", sagt Rosenfeld. "Kapitän Cousteau und der Schriftsteller Jules Verne. Beide brachten mir die Unterwasserwelt nah. Beide verband aber auch der Wunsch, Menschen an ihren Erlebnissen teilhaben zu lassen."

Als Industrietaucher glitt er in das Innere von Reaktorbehältern

Diese frühen Erfahrungen hinterließen bei Alexis tiefe Spuren. Mit acht Jahren stieg er zum ersten Mal ins Wasser, um selbst zu tauchen. Mit 17 war er bereits der jüngste Tauchlehrer Frankreichs. Schließlich wurde er Profi bei einer Firma, die ihm auch noch das Fotografieren beibrachte: Als Industrietaucher glitt Rosenfeld nun mit der etwa in das Innere von Reaktorbehältern und dokumentierte deren Zustand.

Doch die wahre Faszination geht für Alexis Rosenfeld nicht von der Technik, sondern von den Meeren aus, vom Leben in den Ozeanen und den zahllosen Geheimnissen, die in der Tiefe noch immer auf Menschen wie ihn warten. Dabei versteht er das Tauchen nicht als Egotrip. Wie sein großes Vorbild Jacques Cousteau will Alexis Rosenfeld Menschen für eine Welt gewinnen, die ihm selbst so viel bedeutet und die so wunderbar wie verwundbar ist. Beides hat er beobachtet. "Als ich über den Korallenriffen der tauchte, fielen mir meine Fotografenkollegen in den Kriegszonen ein. Es waren Ruinen, auf die ich blickte. Der Himmel strahlend blau, unter mir war nur noch Schutt. Die Korallen hatten unter der Bleiche schwer gelitten. Noch lebten sie. Doch nur wie nach einem Krieg."

Die Riffe der Malediven hat es weltweit bislang am schlimmsten getroffen. Mehr als 70 Prozent gelten als schwer oder unrettbar geschädigt.

2018 ist das internationale Jahr der Korallenriffe

Zum Internationalen Jahr der , zu dem die Umweltorganisation der Vereinten Nationen zusammen mit vielen staatlichen Partnern und Naturschützern das Jahr 2018 erklärte, widmet sich Rosenfeld besonders intensiv den "Urwäldern der Ozeane". So nennt er die Kolonien von Polypen, deren aus Kalk bestehende Fußscheiben schließlich wahre Gebirge auf dem Meeresboden wachsen lassen.

Plastikmüll

Diese einfachen, wie eine Röhre mit Nesseln aufgebauten wirbellosen Meerestiere können große Verbände bilden und sind dabei auf das Zusammenleben mit einer einzelligen Alge angewiesen. Die nistet sich in den Polypen ein und versorgt ihren Gastgeber per Fotosynthese mit Nährstoffen. So verwachsen Tier und Pflanze zu einer Einheit, die das Leben teilt – im Guten wie im Schlechten. Solch eine Symbiose stärkt, macht aber auch abhängig. Denn werden die Umweltbedingungen für einen der Partner allzu widrig, leidet zwangsläufig auch der andere. Und schließlich weitet sich die Gefahr auf das komplette biologische System aus. Zu dem gehören auch all die pflanzlichen und tierischen Bewohner, die durch die ein Zuhause im Ozean gefunden haben. Eine Million Meeresarten etwa, so Schätzungen, leben in und an den Riffen rund um den Globus. Und auch Millionen von Menschen wohnen in deren Nähe und nutzen sie vor allem in den ärmeren Ländern als Fischgründe. Aber auch die sind zunehmend bedroht. Bis zu 70 Prozent dieser so speziellen Lebensräume könnten in wenigen Jahrzehnten für immer verloren sein – nach rund 300 Millionen Jahren. Damals entstanden die ersten Kolonien. Selbst Eiszeiten und unzählige tosende Stürme haben ihnen nur wenig anhaben können. Immer wieder konnten sich die Riffe erholen. Seit aber Menschen in diese bunte Wasserwelt eingedrungen sind, droht für die Korallen das Ende.

Viele Faktoren kommen zusammen. Direkte Eingriffe vor Ort wie Tourismus und Fischfang stören das Zusammenspiel der Arten ebenso wie indirekte – die Übersäuerung der Meere durch Überdüngung vor allem und der Klimawandel, der die Wassertemperatur nach oben treibt. Dann aber steigt der Stoffwechsel der Algen derart an, dass die Polypen sie ausstoßen – und sich so ihr eigenes Ende bereiten. Kurze Stressperioden kann ein solches System überstehen. Lässt der Druck aber nicht nach, stirbt die Koralle, und kilometerlange Riffe können sich nicht mehr erholen. Was das für die ganze Menschheit bedeutet, möchte Rosenfeld vermitteln. "Die Riffe sind so wichtig wie die Regenwälder", sagt er. Alle bedeutenden Korallengärten hat der Fotograf schon besucht und dort den Verlust von Lebensräumen ebenso dokumentiert wie die zaghaften Versuche, künstliche Kolonien anzupflanzen und damit das Fundament für neue Riffe zu legen.

"Mach aus deinem Leben einen Traum"

So gibt es zumindest ein wenig Hoffnung. Und die kann noch wachsen, wenn sich mehr Menschen von der Welt unter den Wellen begeistern lassen. Davon ist Alexis Rosenfeld überzeugt, und dafür möchte er sich weiter einsetzen. "Antoine de Saint-Exupéry schrieb einmal: Mach aus deinem Leben einen Traum, und dann lass deinen Traum Wirklichkeit werden. Diesem Rat werde ich immer folgen."

Traumstrand aus "The Beach" wird geschlossen
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