Mario Testino Verrucht in Berlin


Sie wollten etwas Erstaunliches tun, der Starfotograf Mario Testino und das Klassemodel Carmen Kass. Also inszenierten sie für den stern Mode der frivolen Art.
Von Stefanie Wilke

Sieben Männer bringen sich im Hotelzimmer von Carmen Kass in Position. Die langen Beine des Models stecken in hautengen Latexhosen, die frisch blondierten Haare fallen über die nackten Schultern. Sie bläst den Rauch ihrer runtergerauchten Zigarette durch den Fensterspalt und legt sich dann auf das Bett der kleinen Suite. Der Job kann losgehen.

Einer der Männer im Raum ist der international renommierte Modefotograf Mario Testino, der nun mit ihr und seinem Team von Stylisten, Assistenten und Make-up-Künstlern das nächste Motiv bespricht. Die Stimmung ist in etwa so intim wie bei einem Familienurlaub im Campingwagen. Mario Testino, 54, schätzt diese dichte Atmosphäre. Er scherzt gern mit den Menschen vor seiner Kamera, lockert sie auf, sagt: "Let's do something amazing!" - lass uns etwas Erstaunliches tun. In dieser Laune geben die meisten etwas von sich preis, was ihr innerer Wachhund normalerweise gut behütet.

Models werden durch ihn zu Stars

Nicole Kidman nennt ihn den wichtigsten lebenden Fotografen. Hollywoods erste Garde schätzt seine Porträts, die dem Betrachter mal lüstern, mal tiefgründig entgegenblicken. Testinos Modestrecken für Magazine befördern Models wie Gisele Bündchen und Daria Werbowy zu Stars der Branche. Für eine Gucci-Kampagne entschied er, gemeinsam mit dem damaligen Kreativ-Chef Tom Ford, dem Model ein G in die Schambehaarung zu rasieren - der Umsatz des Hauses konnte, befeuert von Bildern dieser Art, deutlich gesteigert werden.

An diesem Vormittag in Berlin pflegt es Meister "Maaario", so nennen ihn zärtlich seine Anhänger, wieder verrucht, und der Grat zum Vulgären bleibt dabei ein schmaler. Ein wenig surreal wirkt es schon, wie da der Stylist zwischen den von Latex umhüllten Beinen von Carmen Kass kauert und Lederriemen unter ihren Brustwarzen in Position zupft. Das Topmodel aus Estland lässt sich noch eine mit Diamanten besetzte Uhr anlegen, dabei verströmt sie eine Mixtur aus Anmut und Laster. Sie zählt zu den reichsten Frauen ihrer Heimat, besitzt eine Model-Agentur in Tallinn und ist eine begnadete Schachspielerin - ein Kaliber. Der perfekte Moment scheint gekommen, und Testino bedient den Auslöser. Millionenfach hat der gebürtige Peruaner schon abgedrückt, seit 30 Jahren ist er im Geschäft, und er sagt, ihn interessiere Schönheit im herkömmlichen Sinn nicht mehr. "Mein Blick dafür hat sich verändert. Ich möchte Schönheit dort aufspüren, wo andere sie nicht unbedingt erwarten."

Die Truppe zieht um auf den Potsdamer Platz, sehr zur Freude der Passanten, die das Treiben der Fremdlinge mit ihren Handykameras dokumentieren. Minimum zwei Meter misst Carmen nun auf ihren Schuhen, einer Amazone gleich schreitet sie über den mit Quadraten gepflasterten Platz. Wenn aus Carmens Augäpfeln plötzlich Laserstrahlen feuerten - kaum einen der Anwesenden würde dies wundern. "20 Jahre Mauerfall" steht in weißen Lettern auf dem roten kubistischen Infohaus am Eingang der S-Bahn-Station; die Attraktion, Historie hin oder her, ist Carmen. "She is soooooo beautiful", gurrt Mario. Die legt nun ihren Busen frei und amüsiert sich, so scheint es, wie Bolle im Gewühl.

Bruni und Lagerfeld halfen

Dreißig ist sie und damit mehr als ihre halbe Lebenszeit im Geschäft. Mit 13 wurde sie in einem estnischen Supermarkt von einem Model-Scout angesprochen. Zunächst fauchte sie den Typen an - "Was ist das überhaupt, modeln?!"; ein Jahr später traf sie ihn wieder und ging nach Mailand und schließlich nach Paris. Zum Kummer ihrer Mutter Koida, die ihre drei Kinder allein mit Jobs und Hilfspaketen aus Skandinavien durchbrachte und die Tochter nicht gehen lassen wollte. Aber Carmen - Kass bedeutet in ihrer Muttersprache Katze - biss sich durch, und es war Carla Bruni, die dem jungen Gemüse in Paris auf die Sprünge half, und es war Karl Lagerfeld, der ihr den ersten großen Job gab für Chanel.

Heute wählt sie genau aus. Wenn allerdings Mario ruft, zögert kein Model im Modezirkus. "Es ist aufregend und lustig, mit ihm zu arbeiten", sagt Carmen Kass. "Auch wenn ich mich hinterher vor meiner Familie schäme, weil ich mich ausgezogen habe - aber er schafft es einfach, dass man sich wohlfühlt in seiner Haut." Der Fotograf findet spontan eine simple Erklärung dafür, warum seine Bilder flirren vor Sex-Appeal. "Ich schätze, ich selbst strahle Sex-Appeal aus und stecke damit die anderen an. Ich bin halt ein Latino." Die naheliegenden Erklärungen sind manchmal die besten.

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