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Martin Schoeller: Der Kopfjäger

Wer sich von Martin Schoeller porträtieren lässt, muss Mut zur Ehrlichkeit aufbringen. Denn der 37-jährige Deutsche, inzwischen ein international erfolgreicher Künstler, geht so nah an seine Modelle heran wie kein anderer Fotograf.

Es gibt Tage im Leben des Fotografen Martin Schoeller, an denen er einen Auftrag bekommt für Tim Robbins und einen für Mariah Carey und er sich dennoch fragt, wie lange das noch so weitergehen kann. War es nicht Robbins, der beim letzten Fotoshooting so herumnörgelte? Weiß Carey vielleicht nicht, dass er sie so alt aussehen lässt, wie sie wirklich ist? Und werden nicht all die Stars, wenn sie seine Porträts dann sehen, über die Falten stolpern und die Krater im Gesicht und die Poren in Großaufnahme, die andere Fotografen ihnen so gern wegretuschieren?

Es gibt solche Tage, und Martin Schoeller, 37, könnte sich nun intensiv darüber Gedanken machen, aber schon wartet der nächste Auftrag auf ihn, am Strand von Malibu, in der Sonne Südkaliforniens, und er findet, es könnte Schlimmeres geben. Der gebürtige Münchner fotografiert ein Coverbild für das Magazin "Rolling Stone", zum zwölften oder vielleicht fünfzehnten Mal, diesmal eine Kultband mit Namen Weezer. Er lässt eine ausgestopfte Eule durchs Bild fliegen und den Sänger ein antikes Jagdhorn tragen und hofft auf ein bisschen Lockerheit, aber Rockstars seien oft ziemlich langweilig, findet er, oder sehr eitel wie Bon Jovi oder extrem schüchtern wie Prince. Erst als Schoeller seine Kommandos auf Deutsch spricht, ein gestochenes "Rrrrecht so", ein hartes "Achtunkkk", kommt etwas Heiterkeit auf, und schon ist der Titel im Kasten, und gleich geht es weiter, zurück nach Los Angeles, zurück nach New York, die Nacht hindurch, sodass er sich manchmal fragt, wo er eigentlich ist.

Das läuft nun seit einigen Jahren so, Sting in New York, Lance Armstrong in Texas, Eminem in Detroit, und immer geht er ganz nah ran ans Gesicht für seine "Head Shots", so nah wie kaum ein anderer, exakt 63,5 Zentimeter, angestrahlt von acht mannshohen Neonröhren, die jeden Riss in der Lippe erkennen lassen und jeden Mitesser und auch die Spuren einer durchzechten Nacht. Schoeller dreht dabei die Musik auf und redet eine Menge und hofft, dass die Sänger, Politiker, Schauspieler für einige Momente vergessen, wer sie sind oder schlimmer noch: sein möchten.

Begonnen hat alles

als ein, wie Schoeller es nennt, typisch deutsches Projekt. Er machte Gesichtsstudien von Freunden, inspizierte Köpfe, maß den Abstand zwischen Augen und Fußboden, verbot Make-up und Lächeln und arbeitete Nacht für Nacht an einer Beleuchtung, die die Augen aus den Gruben hervorholte. Als er es Jahre später bei Vanessa Redgrave für das Magazin "Time Out" zum ersten Mal ausprobieren konnte, waren schlagartig alle begeistert. Bis dahin hatte er sich mit einigen Jobs als Hochzeitsfotograf durchgeschlagen, mit Reportagen von Polizeiwachen und als Assistent bei der sehr fordernden, selten ausgeglichenen, aber oft genialen Anni Leibovitz. Doch nun, nach fünf Jahren in New York, hatte er, der Deutschland schon als 25-Jähriger verließ, es endlich geschafft.

Martin Schoeller fotografierte Bill Clinton, der für ihn im Weißen Haus Golf spielte, und Brad Bitt, der nicht viel mehr sagte als "cool, hey, yeah, great camera, awesome", bis so manches Vorurteil bestätigt war und viele andere nicht. Bon Jovi brauchte zwei Stunden für seine Frisur und zwei Garderobenständer voller Kleider. Eminem sagte keinen Ton, und wenn Schoeller ihn bat, das Kinn etwas zu heben, sagte Eminem immer noch nichts und hob auch das Kinn nicht. Angelina Jolie wollte sich kein Kunstblut aus der Nase laufen lassen, weil das nach Kokainkonsum aussehe, aber wie wär's mit Blut aus meinem Mund, schlug sie vor. Lance Armstrong kam sechs Wochen vor Beginn der Tour de France mit einer Dose Bier in der Hand und sagte: "Zeig das bloß nicht auf dem Foto, sonst denken alle, ich bin so arrogant, während der Tour-Vorbereitung noch Bier trinken zu können."

"Sie sind plötzlich sehr verletzlich, wenn sie vor mir sitzen", sagt Martin Schoeller, "nicht anders als andere Menschen auch. Ich behandele sie alle gleich, ob Promi oder Freund oder ein Obdachloser von der Lower East Side. Sie kriegen dasselbe Licht, denselben Hintergrund, dieselbe Kamera, dieselbe Behandlung. Mein Freund hat das Vorgehen mal kommunistisch genannt. Ich möchte mit keinem der Prominenten befreundet sein", schiebt er hinterher. "Ich schicke ihnen auch keine Blumen oder Weihnachtskarten. Ich will sie einfach nur in einer ehrlichen Sekunde erwischen, als würden sie zu Hause sitzen und gedankenlos aus dem Fenster schauen."

Das ist schon deshalb nicht ganz einfach, weil die meisten ihre Posen gut kennen. Colin Farrell will stets so cool wie James Dean schauen, Donald Trump will von unten nach oben blicken, um sein Doppelkinn nicht zu zeigen. Es gibt immer wieder Versuche der Manager, die Fotoauswahl zu beeinflussen, die Falten zu retuschieren oder ein graues Haar, all das auszumerzen, was auch sonst in keiner Produktion zu sehen sein wird, aber darauf lässt sich Schoeller nicht ein.

Er verändert nichts

an seinen Fotos, fast nichts, es sei denn jemand hat noch die Reste von Tomatensauce im Mundwinkel oder zu viele Nasenhaare oder Herpesbläschen auf den Lippen. "Das würde zu sehr vom gesamten Gesicht ablenken", sagt er. Seine Kunden, zu denen der "New Yorker" gehört, "GQ", "Entertainment Weekly", sagen, dass Schoellers Erfolg genau darauf beruhe. Auf dem, was sie "gespenstisch ehrlich" nennen, "hyper-real". Die Magazine haben die Schnauze voll von den Managern der Stars, die den Fotografen selbst bestimmen und die austauschbaren, perfekt gestylten, immer gleichen Posen einfordern, die wenig mit der Person zu tun haben, aber viel mit dem Image.

Mariah Carey sagt die groß geplante Produktion für ein Magazin schließlich ab, weil Schoellers Fotos nicht schmeichelhaft genug seien. Sie besteht auf einem eigenen Fotografen. Das Magazin lehnt dies ab und stellt sie vor die Wahl: Schoeller oder keinen. Und damit auch keine Promotion der neuen CD. Mariah Carey entscheidet sich - gegen Schoeller und Promotion. "Ich habe es ja geahnt, aber eigentlich weiß ich nicht, was sie hat", sagt Martin Schoeller. "So schlecht sehen die Leute bei mir doch nicht aus, oder? Vielleicht sind sie nicht alle perfekt, aber sie können doch nicht ihr ganzes Leben perfekt sein."

Jan Christoph Wiechmann