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Nannen Preis

Fotoreportage: Dutertes brutale Anti-Drogenpolitik – "Sie schlachten uns ab wie Tiere"

Auf den Philippinen lässt Präsident Rodrigo Duterte Drogendealer oder wen immer er dafür hält, brutal ermorden. Der Fotograf Daniel Berehulak dokumentiert die grausamen Nächte von Manila. Seine Reportage ist für den Nannen Preis 2018 nominiert, den der stern heute Abend vergibt.

Von Daniel Berehulak (Fotos und Text)

Dutertes Anti-Drogenpolitik – "Sie schlachten uns ab wie Tiere"

Ein Tatortermittler beugt sich über die Leiche von Romeo Torres Fontanilla, genannt "Tigas". Der 37-Jährige wurde von zwei Männern auf einem Motorrad erschossen. Morde dieser Art sind mittlerweile so häufig, dass sie einen eigenen Namen bekommen haben: "Tandem"

Diese Fotoreportage erschien 2017 im stern. Sie ist in der Kategorie Reportage-Fotografie für den Nannen Preis 2018 nominiert, der am Abend in der Hamburger Elbphilharmonie vergeben wird. Aus diesem Anlass veröffentlichen wir sie heute noch einmal auf stern.de.

Den Tatort eines Mordes, das habe ich auf den gelernt, hört man, bevor man ihn sieht. Die verzweifelten Schreie der künftigen Witwe. Die Sirenen der Polizei. Das Trommeln des Regens hier auf den Asphalt dieser Gasse von Manila – und auf den Rücken von Romeo Torres Fontanilla.

"Tigas", wie Fontanilla auch genannt wurde, lag mit dem Gesicht nach unten auf der Straße, als ich kurz nach eins in der Nacht am Tatort ankam. Zwei auf einem Motorrad hätten ihn niedergeschossen, erzählten mir Zeugen.

Die überspülte Gasse im Pasay Distrikt von war mein 17. Tatort an meinem elften Tag vor Ort. Ich war hierhergekommen, um die mörderische Kampagne von Präsident Duterte gegen Drogendealer – oder wen auch immer er dafür hält – zu fotografieren.

"Tandem-Mord"

In diesen gut eineinhalb Wochen im Land hatte ich Leichen schon an jedem beliebigen Ort gesehen. Auf Bürgersteigen, Bahngleisen, vor einer Schule, in Betten und auf Sofas. Nicht weit von der Stelle, wo "Tigas" getötet wurde, hatte ich ein paar Tage zuvor schon den 29-jährigen Michael Araja gefunden. Seine Leiche lag vor einem Laden. Nachbarn erzählten mir, dass Araja Zigaretten und etwas zu trinken hatte kaufen wollen. Auch er war von zwei Männern auf einem Motorrad niedergeschossen worden. Morde auf diese Art sind auf den Philippinen mittlerweile so verbreitet, dass sie einen eigenen Namen bekommen haben – "Tandem-Mord".

Ich habe als Fotograf schon in 60 Ländern gearbeitet, habe die Kriege im Irak und in Afghanistan dokumentiert und fast das gesamte Jahr 2014 in den Ebola-Ländern Westafrikas gelebt. Doch was ich auf den Philippinen erlebte, fühlte sich an wie eine neue Dimension der Brutalität: Polizisten, die einfach jeden töten, der verdächtig erscheint, mit zu handeln oder sie zu nehmen; Polizisten, die die Worte ihres Präsidenten als direkten Befehl deuten, nämlich: "alle abzuschlachten".

"Tokhang" nennt die Regierung ihre Antidrogenpolitik, übersetzt heißt das etwa: anklopfen und bitten. In den reichen Vierteln von Manila klopfen Polizeibeamte tatsächlich an Türen und überreichen Faltblätter, in denen steht, womit man rechnen müsse, wenn man mit Drogen erwischt wird. In den Slums aber greifen sich die Polizisten die Männer einfach von der Straße, um sie zu verhaften – oder umzubringen.

Dutertes Anti-Drogenkrieg auf den Philippinen

Die bisherige Bilanz dieser Politik: Etwa 2000 Menschen wurden von Polizisten getötet. Mehr als 35.600 Drogenabhängige oder Dealer wurden verhaftet. Und fast 800.000 Menschen haben sich gestellt, viele wohl schlicht aus Furcht, sonst umgebracht zu werden. Die Gefängnisse sind überfüllt. In einem wurde sogar ein Basketballfeld in einen Schlafsaal umgewandelt.

Meine Nächte in Manila begannen abends gegen neun bei einer Polizeistation. Ich wartete dort mit anderen Reportern. Sobald wir mitbekamen, dass irgendwo jemand getötet wurde, rasten wir im Konvoi los. Manchmal hängten wir uns an die . In anderen Nächten fuhren wir allein zu Tatorten. Die Nachbarn und Verwandten erzählten uns dann meist ganz andere Geschichten als jene, die am Ende im Polizeibericht standen.

Das Haus von Florjohn Cruz erreichte ich, als seine Leiche gerade weggefahren wurde. Es war gegen elf Uhr nachts. Neben dem toten Florjohn hatte seine Nichte eine Papptafel gefunden: "Sei kein Dealer und Junkie wie er." Im Polizeireport stand später: "Der Verdächtige schoss auf die Gesetzesvertreter, was diese dazu veranlasste, das Feuer zu erwidern."

Sie jubelten, während sie den Leichensack trugen

Die Witwe von Cruz erzählte mir eine sehr andere Fassung des Ablaufs. Ja, ihr Mann habe Drogen genommen. Aber er habe sich schon vor Monaten der Polizei gestellt. An diesem Abend sei er gerade dabei gewesen, das Radio seiner Mutter zu reparieren. Plötzlich seien Bewaffnete ins Haus eingedrungen und hätten ihn erschossen.

Eine Nichte und ein Neffe von Cruz hatten gesehen, wie die Zivilpolizisten das Haus nach der Tat verließen. Bei einem der beiden habe das Handy gepiept, eine Textnachricht, offenbar hatte sein Basketballteam gewonnen. Die Polizisten, so erzählten es mir die Jugendlichen, jubelten – während ihr Onkel in einem Leichensack aus dem Haus getragen wurde.

Wir fuhren zurück, doch kaum zwei Stunden später waren wir schon wieder in der Gegend. Nur ein paar Straßen entfernt lag ein weiterer toter Mann auf der Straße.

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