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Pottwale im Fokus: Tanzen mit den Giganten

Pottwale sind die größten Raubtiere der Welt. Sie können Schiffe zertrümmern und Riesenkalmare verspeisen. Der Freitaucher und Youtube-Star Guillaume Néry ist ihnen begegnet.

Pottwal im Fokus: Guillaume Néry tanzt mit den Giganten

Man nennt Guillaume Néry den "Mann, der unter Wasser läuft". Auf den Rücken eines Pottwals jedoch würde er sich nie wagen – auch wenn es auf dem Foto dank der Perspektive so wirkt

Am sechsten Tag ist die See spiegelglatt, die Luft steht still. Der Blick von Guillaume Néry verliert sich, wo Meer und Himmel an einer flirrenden Grenze verschmelzen. Irgendwo zwischen der kleinen Motoryacht und dem Horizont sind die, die er sucht: Pottwale – die mythenumwobenen größten Raubtiere der Welt. Sie werden bis zu 20 Meter lang und haben die Kraft, mit ihren Rammschädeln Schiffe zu zertrümmern. Den berühmtesten fiktiven Pottwal kennt der Freitaucher Guillaume Néry seit seiner Kindheit – Moby Dick, den weißen Riesen, der sich mit Kapitän Ahab in Herman Melvilles Roman einen Kampf auf Leben und Tod liefert.

Um diesen Meeresungeheuern zu begegnen, haben sie sich nun, im April dieses Jahres, zu viert aufgemacht: Néry, seine Lebensgefährtin und Kamerafrau Julie Gautier, ihre gemeinsame Tochter Maï-Lou, die erst fünf Jahre alt ist und schon vier Meter tief taucht – und Franck Seguin, der Unterwasserfotograf.

Vier Weltrekorde ohne Sauerstoffflasche hat Néry bereits geholt

Mauritius ist die erste Station für ihr Foto- und Dokumentarfilmprojekt. In den Fluten, die die Insel im Indischen Ozean umspülen, sollen sich in jedem Frühjahr bis zu 200 tummeln. Eine Woche, so dachte Néry, werde sicher reichen.

Doch bisher hatten sie Pech. Am ersten Tag war das Meer zu aufgewühlt, in 14 Stunden spürten sie nur einen einzigen Pottwal auf. An den folgenden Tagen sahen sie mal gar keinen, mal zwei oder drei Exemplare – doch sobald das Team im Wasser war, tauchten die Tiere ab.

Guillaume Nérys Tochter Maï-Lou ist gerade mal fünf Jahre alt. Doch die Begegnung mit den Walen wollte sie sich nicht entgehen lassen

Guillaume Nérys Tochter Maï-Lou ist gerade mal fünf Jahre alt. Doch die Begegnung mit den Walen wollte sie sich nicht entgehen lassen

Nun, am letzten Tag, an dem die Gruppe das teure Boot samt Kapitän gemietet hat, steht Néry unter Druck. Heute muss es passieren. Diese Tauchtour ist sein Lebenstraum, seit er vor zwei Jahren seine Karriere als einer der besten Apnoetaucher beendete. Vier Weltrekorde ohne Sauerstoffflasche hatte Néry geholt, als ihn ein Unfall fast sein Leben kostete. Er erinnert sich an jedes Detail dieses 10. September 2015. Weltmeisterschaft auf Zypern. Néry wollte 129 Meter tief tauchen, einen Meter tiefer als der russische Rekordhalter. Am Abend zuvor wurde Néry von Ängsten gequält, er rief einen Freund an, der riet: "Wenn du dich schlecht fühlst, gib auf. Niemand zwingt dich." Doch Néry kannte diese Angst schon länger. Seit geraumer Zeit litt er unter Vorahnungen, dass Maï-Lou vaterlos aufwachsen würde. Immer wieder hatte er das Gefühl überwunden, und so wollte er es wieder tun.

Um kurz vor neun Uhr traf er die letzten Vorbereitungen. Dann glitt er ins Meer, zog die Flosse an, legte sich auf den Rücken, das Wasser sein Bett, über ihm der Himmel. "Diese Minuten vor den Wettkämpfen, da empfand ich immer die pure Freude, zu existieren." Er machte "den Karpfen", schluckte also mehrfach Luft, um den Druck in der Lunge zu erhöhen – so können Apnoetaucher zusätzlichen Sauerstoff gewinnen. Um Punkt neun Uhr sank Néry senkrecht in die dunklen Tiefen, die Flosse majestätisch schwingend wie ein Wal – entlang eines Seils.

Das Blut setzt Gase frei, die einen rauschartigen Zustand auslösen

Nach zehn Metern sah er das erste weiße Markierungsband. Alle zehn Meter kam ein weiteres, alle fünfzig ein rotes. Etwa vier Minuten dauert ein solcher Tauchgang. Néry erinnert sich, dass er konzentriert in seinen Körper lauschte, während der Druck, der auf seine Organe presste, alle zehn Meter um ein Bar stieg. Auf 100 Metern, bei zehn Bar, haben die Lungen noch die Größe von zwei Orangen. Das Blut setzt Gase frei, die einen rauschartigen Zustand auslösen. Vielleicht merkte Néry deshalb nicht, dass etwas nicht stimmte. "Ich dachte nur: Irgendwie braucht es länger als normal", sagt Néry. Auf 140 Metern hatte sich ein weißes Band gelöst, es hingen dort zwei rote und drei weiße, das Zeichen für 130 Meter – Néry war zehn Meter zu tief. Beim Auftauchen verlor er das Bewusstsein und wurde gerade noch rechtzeitig gerettet.

Auf seiner Suche traf das Taucherteam auch auf den größten Hai der Welt, den Walhai. Er wird bis zu 13 Meter lang und ernährt sich von Plankton und kleineren Fischen. Für Menschen ist er ungefährlich

Auf seiner Suche traf das Taucherteam auch auf den größten Hai der Welt, den Walhai. Er wird bis zu 13 Meter lang und ernährt sich von Plankton und kleineren Fischen. Für Menschen ist er ungefährlich

Nach dem Aufwachen dämmerte er stundenlang zwischen Realität und Rausch, die Lungen brannten. Er hatte Glück. Viele Apnoetaucher sterben, andere er leiden Schlaganfälle, so auch der deutsche Apnoepionier Benjamin Franz, der 2002 verunglückte. Noch am Tag seines Unfalls verkündete Néry, dass er nie wieder an einem Wettkampf teilnehme.

Doch dem damals 33-Jährigen war klar, dass er sein Leben weiterhin seiner größten Leidenschaft widmen wollte. Schon als kleiner Junge hatte er viele Stunden täglich mit Flossen und Schnorchel im Meer vor Nizza verbracht. Er liebte das Wasser. Es war sein Element. In seiner Wettkampfzeit hatte er den Grundstein für seine zweite Karriere gelegt – und immer wieder kunstvoll inszenierte Unterwasser-Clips ins Internet gestellt. Sie wurden Abermillionen Mal geklickt. In einem der Videos stürmt Néry zum Beyoncé-Hit "Runnin" über den Meeresgrund, minutenlang, als habe er den Atemzwang überwunden, bis er schließlich in inniger Umarmung mit einer Frau entschwebt. Diese anmutigen Bilder machten Néry weltbekannt. Er war: "der Mann, der unter Wasser läuft".

Wenn Pottwale sich gestört fühlen, wird es schnell bedrohlich. Ein Schlag mit der Schwanzflosse kann tödlich enden. Doch Néry kennt die Warnzeichen

Wenn Pottwale sich gestört fühlen, wird es schnell bedrohlich. Ein Schlag mit der Schwanzflosse kann tödlich enden. Doch Néry kennt die Warnzeichen

Nun, mit diesem Projekt, will Néry noch einen Schritt weiter gehen – noch inniger mit der Unterwasserwelt verschmelzen. Und tatsächlich, es ist neun Uhr morgens, als plötzlich wenige Hundert Meter neben dem Boot eine große Gruppe Pottwale auftaucht. Einige stehen senkrecht im Wasser, den Kopf nach oben gerichtet, andere liegen dicht daneben, alle verharren reglos.

Eine Gruppe wurde mit einer dicken Wolke Exkremente umhüllt, die ein Pottwal ausstieß

Sofort gleitet Néry ins Wasser. Langsam schwimmt er den Tieren entgegen. Nur nicht verschrecken. "Wir waren bei unseren Annäherungsversuchen in den Tagen zuvor zu rabiat." Der Kapitän hat ihm erklärt, auf welche Warnzeichen er achten soll. Ein Wal, der sich schnell bewegt oder viel Wasser ausbläst, könnte angriffslustig sein, und ein Schlag mit der Schwanzflosse tödlich enden. In Internetforen berichten Taucher, dass sie von Pottwalen verfolgt wurden. Eine Gruppe wurde mit einer dicken Wolke Exkremente umhüllt, die ein Wal ausstieß, während er sich wie wild im Kreis drehte.

Guillaume Néry, 35, beendete vor zwei Jahren seine Wettkampfkarriere als einer der weltbesten Freitaucher. Jetzt bereist er die schönsten Unterwasser-Universen für einen Dokumentarfilm. Geplanter Titel: "In einem Atemzug um die Welt"

Guillaume Néry, 35, beendete vor zwei Jahren seine Wettkampfkarriere als einer der weltbesten Freitaucher. Jetzt bereist er die schönsten Unterwasser-Universen für einen Dokumentarfilm. Geplanter Titel: "In einem Atemzug um die Welt"

Doch Guillaume Néry spürt keine Angst. "Sie waren so friedlich. Ich empfand nur großen Respekt vor diesen gewaltigen Kreaturen", erzählt er. Sie scheinen neugierig zu sein. Manchmal löst sich ein Wal aus der Gruppe und schwimmt ihm entgegen. Auch Nérys Team nähert sich nun. Gemeinsam genießen sie zwei Stunden lang das Schauspiel. Immer wieder taucht Néry ab, nachdem er tief ausgeatmet und alle Luft aus seinem Körper gepumpt hat. Anders als mit prall gefüllten Lungen hält er so maximal zwei Minuten unter Wasser durch. Der Vorteil ist: "Ich komme schneller nach unten, weil ich keinen Auftrieb habe."

Bei einem dieser Tauchgänge gelingt dem Fotografen Franck Seguin jenes Bild, das vielleicht bald das Cover des Buches schmücken wird: Guillaume Néry, der scheinbar über die Rücken der Pottwale läuft.

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