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Londoner Wahrzeichen: Westminster-Palast: Exklusive Bilder aus der Herzkammer Britanniens

Der Palast von Westminster ist eines der berühmtesten Gebäude der Welt und Sitz der ältesten Demokratie. Ein Ort voll Mythen und Magie. Fotograf Mark Duffy durfte für den stern hinter die Kulissen schauen.

Gerüstbauer am Elizabeth-Tower in London. Turm und Uhr werden vier Jahre lang überholt. So lange schweigt auch Big Ben

Gerüstbauer am Elizabeth-Tower in London. Turm und Uhr werden vier Jahre lang überholt. So lange schweigt auch Big Ben

Nun, da draußen vor den Toren von Westminster verblüffende Ruhe herrscht und Touristen aus aller Welt mit gezückten Kameras vor dem eingerüsteten Elizabeth-Turm stehen, fälschlicherweise als Big Ben geläufig, und knipsen und lauschen und doch nur ohrenbetäubende Stille hören, weil die Mutter aller Glocken, Big Ben eben, wegen Reparatur für vier Jahre schweigt und ergo die Zeit stillsteht.

Nun, da drinnen im Bauch des Parlaments einige der Mächtigen noch nicht ahnen, dass ihnen alsbald die Stunde schlägt, weil sich in Hollywood gerade der große Sturm um Harvey Weinstein zusammenbraut, der nur Tage später den Atlantik queren, Westminster erreichen und Verteidigungsminister Michael Fallon und seinen Kabinettskollegen Damian Green aus Amt und Würden spülen wird. Die gerade, Zufall nur, in einem Korridor auf schwerem Teppich miteinander diskutieren.

Westminster ist eine Stadt in der Stadt

Nun also, es ist ein später Nachmittag im Herbst, bittet ein freundlicher Herr zum Gespräch in einen großen, in Grüntönen gehaltenen Raum, in dessen Mitte ein mächtiger, ovaler Tisch steht. An dem er nun Platz nimmt und zu erzählen beginnt von seinem Arbeitsplatz, den Houses of Parliament, Herz der Demokratie, Wahrzeichen Londons, ach was: Britanniens, fraglos eines der berühmtesten Gebäude der Welt.

Der freundliche Herr heißt David Natzler, er dient seit 2015 als "Clerk of the House of Commons”, ist höchster Protokollbeamter des Hauses, zugleich streng überparteilicher Ratgeber in konstitutionellen Fragen, vorgeschlagen vom Premierminister, berufen dann aber von der Königin, deren Statthalter er gewissermaßen ist als eine Art Hausherr und -meister von Westminster. In dieser Funktion verantwortlich für mehr als 2000 Angestellte im historischen Gemäuer vom Koch und Kellner, vom Elektriker und Restaurateur, vom Tourguide bis zum, tatsächlich: Falkner.

Alan James in seinem Nachbau einer Spitfire Mark 14

Darüber hinaus aber auch juristisch belangbar, falls einem, sagen wir, japanischen Touristen ein Ziegel auf den Kopf fällt. Natzlers Job, man ahnt das, ist ziemlich bunt, ziemlich kompliziert und mit annähernd 650 Jahren ziemlich alt. Er sitzt am Tisch, an den Wänden in Öl gefasste Porträts seiner Vorgänger, und erzählt von seiner Passion für diesen Ort. Er kam 1975, damals ein junger Historiker, und wollte nie mehr weg. Spricht nun: "Jeder Tag ist eine Überraschung.” Morgens trifft er die Restaurateure vom Elizabeth-Turm, nachmittags Politiker, die Rat suchen, abends eine Abordnung aus Grönland, jenes Landes, wie er mit feinem Sinn für Ironie erklärt, "das als einziges noch vor uns die EU verlassen hat”.

Er liebt diese Diversität und vergleicht den Palast mal mit einem Kreuzfahrtschiff, logistisch insbesondere. Dann wieder mit einem "lebenden Organismus”, der gepflegt werden will "wie eine Mimose” in verwinkelter Pracht – 1100 Räume auf sieben Stockwerken, 100 Treppen, 31 Aufzüge, fünf Kilometer Flure, versteckte Korridore und Türen, Gemälde und Skulpturen von immensem Wert, vor allem aber: Geschichte, Tradition, Rituale. Als stünde die Zeit wirklich still.

Das Geraune, Gegrunze, Gegröle

Westminster ist wie eine Stadt in der Stadt mit Friseur, Wäscherei, Küchen und Kantinen, Kindergarten und Gym und – unter dem House of Lords – sogar einem Schießstand. Außerdem diverse Bars, die Gelage darin legendär, zuweilen auch peinlich und schlimmstenfalls übergriffig. Einige behaupten sogar, Westminister sei ein Staat im Staat mit seinen Gesetzen und Bräuchen und Pomp und Prozessionen. Für den Besucher, Kontinentaleuropäer zumal, wirkt vieles von dem merkwürdig, im besten Sinne exzentrisch und mitunter komplett irre. Das Geraune, Gegrunze und Gegröle etwa während der Unterhausdebatten, wo kein Beifall erlaubt ist und sich die Parlamentarier nicht mit Namen ansprechen, sondern mit "The Right Honourable”, also der oder die Ehrenwerte. Was, wie Natzler sagt, aber durchaus Vorteile hat. Ordinärer Applaus erinnere ihn an nordkoreanisches Klatschvieh, wohingegen im House of Commons Umgang und Distanz gewahrt blieben – in Anrede wie auch physisch. Zwei rote Linien, der Abstand von zwei Schwertlängen, trennen die Opponenten auf ihren durchgescheuerten grünen Bänken.

Dennoch, sagt er, müssten sie natürlich ständig die richtige Balance austarieren zwischen Tradition und Moderne. Sie wollen jenseits des Mythos vor allem eines sein: ein effizientes Parlament gerade in komplexen Zeiten wie diesen. Weshalb, kleines Beispiel, Natzler die Perücken für die Clerks abschaffte. Er hielt es schlicht nicht mehr für zeitgemäß, stundenlang juckendes Pferdehaar übers echte zu stülpen, was einige Traditionalisten erzürnte, allen voran den Konservativen Jacob Rees-Mogg. Der allerdings aus einer Zeit zu stammen scheint, als alle Abgeordneten Pferdehaar trugen, und der selbst von wohlmeinenden Kollegen als "Minister aus dem 18. Jahrhundert” belächelt wird.

Robben auf St. Marys

Und Natzler war es, der das Schweigen der Hämmer von Big Ben verfügte, weil die Uhren nicht mehr richtig tickten und auch der putzbröcklige Turm Generalüberholung benötigt. Was im Übrigen lediglich Vorspiel ist. Denn dieser David Natzler wird es wohl auch sein, der mittelfristig einen gigantischen Umzug organisieren muss. Es ist nämlich so, dass tatsächlich jederzeit Ziegel auf japanische Touristenköpfe plumpsen könnten.

Bei aller Symbolik, bei aller Macht und Pracht ist der Palast eine marode Ruine, ein Ort des längst nicht mehr schleichenden, sondern rasanten Verfalls. Dringend renovierungsbedürftig, weil konzipiert und gebaut nach dem verheerenden Brand von 1834 und zu einer Zeit, als Britannien noch Empire war, es mehr um pure Demonstration denn um Demokratie ging, mehr um Prunk denn um Funktionalität, mehr um Schein als um Sein. Ein Palast aus einer Epoche, als Frauen noch nicht wählen durften und bestenfalls als Reifenrocktragende Staffage auf der Besuchergalerie geduldet waren, die noch bis vor gar nicht langer Zeit "Stranger's Gallery” hieß, als säßen hier Fremde. Und nicht das Volk.

Ersatzparlament aus Klappstühlen

Das ist die Kehrseite. Hinter prächtig Potemkin'scher Fassade bröckelt und rieselt es, Wasser leckt aus Dächern, Mäuse huschen über Flure, Kabel quellen aus Wänden. Und Spötter behaupten, das sei auch eine Metapher für den Zustand der politischen Klasse. Hätte der TÜV hier was zu melden, der Bau wäre evakuiert wegen akuter Brand-, Flut- und Einsturzgefahr.

Neulich probten sie für den Fall der Fälle, also für den Notfall, und errichteten ein Ersatzparlament – aus Klappstühlen. So weit ist das schon. Und also wird seit Jahren die überfällige Restauration diskutiert, die eine Umsiedlung für mindestens sechs Jahre erfordern und wenigstens 3,5 Milliarden Pfund kosten oder aber – bei laufendem Betrieb – 35 Jahre dauern und grob das Doppelte kosten würde. Zu den größten Paradoxen des Hauses gehört, dass ausgerechnet die 650 Parlamentarier, die darüber befinden müssen, nicht zu Potte kamen und erst Ende Januar nach ewigem Zaudern dem Umzug zustimmten, allerdings frühestens im Jahre 2025. Falls ihnen nicht zuvor die Decke auf den Kopf fällt. Einerseits.

Eine Reiterin in traditioneller Kleidung sitzt auf ihrem braunen Pferd, das ein Mann am Zügel hält. Sie hält ihre Gerte über den

Andererseits kann die Verzagtheit der Politiker nachvollziehen, wer jemals unter der grandiosen, mittelalterlichen Dachkonstruktion von Westminister Hall gestanden hat. Man versteht in diesem Moment, was der alte Churchill meinte mit seinem Satz: "We shape our buildings, and afterwards our buildings shape us”, wir formen Gebäude, aber danach formen die Gebäude uns.

Könige feierten unter diesem hölzernen und freitragenden Dach sieben Jahrhunderte lang ihre Krönungsbankette, und einer, George IV., soll 1821 derart voll gewesen sein, dass er ohnmächtig vom Thron fiel. Was, wie der hauseigene Historiker Mark Collins sagt, aber nur Legende ist.

Eine Zeitreise mit Collins beginnt vor knapp tausend Jahren, als an dieser Stelle die erste Residenz entstand, damals noch Sitz der Monarchen, seit dem späten 13. Jahrhundert Heimstatt des Parlaments. Westminster überstand Brände und Sprengstoffanschläge und, vergangenes Jahr, auch Terror. Es überstand Kriege, insbesondere den Zweiten Weltkrieg, als deutsche Bomben das Unterhaus zerstörten und die Abgeordneten jahrelang im House of Lords tagen mussten. Es überstand den König Charles I., der 1642 ins Parlament eindrang, fünf mutmaßlich verräterische Abgeordnete verhaften lassen wollte, stattdessen aber vom "Speaker of the House” nach allen Regeln der rhetorischen Kunst gemaßregelt wurde und den Palast wie ein begossener Pudel verließ. Es war der Beginn des englischen Bürgerkriegs, zugleich aber ein Sieg der Demokratie. Bis heute darf kein Monarch das Unterhaus betreen, das House of Lords aber sehr wohl.

Vom Regent zum begossenen Pudel

Collins doziert jetzt über "Stephen's Hall”, deren Gemälde an den Seitenflügeln britische Geschichte illustrieren. Erzählt von den Suffragetten und ihrem Kampf für das Frauenwahlrecht, zeigt auf die Stelle, wo sich eine der Damen 1909 an die Statue von Lord Falkland kettete und dem versehentlich den Sporn am Stiefel abriss. Dann kommt der Cloakroom dran, die Garderobe, wo jeder Parlamentarier einen Haken besitzt, an einigen noch rote Schleifen für, falls gewünscht, Säbel und Schwerter. Und während seines Parforceritts durch tausend Jahre demontiert Collins ganz beiläufig auch noch ein paar Legenden zu urbanen Mythen. Zum Beispiel die, wonach es strikt verboten ist, im Palast zu sterben, "Unfug”. Oder dass die roten Linien im Unterhaus deshalb den symbolischen Abstand von zwei Schwertlängen haben, weil man einst befürchtete, Wortduelle könnten in echte Duelle umschlagen. Er spricht dann aber auch noch von wahren und sogar lebenden Legenden. Und zwar just in dem Moment, als der alte Labour-Abgeordnete Dennis Skinner vorbeischlendert, Dienstältester im Haus und berühmt für seine Zoten, die er auch schon mal der Queen nachwirft.

Ein paar Wochen vergehen, es weihnachtet schon, die Premierministerin hat ihr Kabinett nach den Sexskandalen umbauen müssen, als man auf eine solche lebende Legende trifft. Betty Boothroyd, Arbeitertochter aus Yorkshire, geboren drei Wochen vor dem Wall-Street-Crash 1929, als junge Frau Tänzerin und Schönheitskönigin, Wahlkampfhelferin für den jungen John F. Kennedy, Labour-Abgeordnete nach fünf Anläufen. Und dann, 1992 und nach 700 Jahren Parlamentsgeschichte, erste Frau auf dem Posten des "Speaker of the House”. Heute darf sie sich offiziell "Baroness” Boothroyd nennen, weil sie auf den letzten Metern ihres politischen Wegs noch Mitglied des House of Lords geworden ist. Sie bevorzugt aber Betty als Anrede.

Betty hatte ein sehr bewegtes politisches Leben, und von diesem Leben erzählt erstens eine 500 Seiten dicke Autobiografie. Und zweitens eine Stimme, die auf viele Drinks und noch mehr Zigaretten schließen lässt, als man in Westminster noch rauchen durfte im Smoking Room, wo sie sich trafen nach den Debatten und Labour- und Tory-Abgeordnete gemeinsam soffen und manchmal sogar gemeinsame Sache machten. Es waren die Siebziger, fast jeder Parlamentarier der großen Parteien hatte einen Gegenpart beim politischen Rivalen, mit dem man sich absprach, "Pairing” hieß das Prozedere. War der eine krank, ging der andere aus Solidarität auch nicht wählen.

Mit Maggie Thatcher verflüchtigte sich dieser Geist der Solidarität. Wie sich grundsätzlich so einiges verflüchtigte im Laufe der Jahrzehnte, manchmal sogar die Abgeordneten selbst. Wenn Betty heute spätabends und manchmal in Puschen über die Flure schlappt, wundert sie sich, wie leer die Büros sind, selbst die Bars nicht mehr so voll wie zu ihren Zeiten als Speaker. Ein Erdrutschsieg damals, denn Boothroyd war wegen ihrer unverstellten und klaren Ansagen beliebt über alle Parteigrenzen hinweg. Man musste sie nicht mal auf den Stuhl des Speakers zerren, noch so ein Ritual, das auf eine Ära rekurriert, in der Sprecher auch Überbringer unangenehmer Nachrichten für den König waren, gefährlich und nicht lange lebten und gleich neun von ihnen ein jähes Ende fanden. Die politischen Exekutionen übernimmt heutzutage das Revolverblatt "Daily Mail”.

Ein Teil dieses Organismus

Betty sitzt in ihrem flauschigen Büro im House of Lords und erinnert sich mit rauchiger Stimme an die acht Jahre, in denen sie im Haus für Ordnung sorgte, "Time's up!” raunte, wenn wieder einer die Redezeit überzog. Einmal fetzte sie sich mit dem renitenten Nordiren Ian Paisley und verwies ihn schließlich aus der Kammer, und anderntags kam der zu ihr ins Büro geschlichen, entschuldigte sich und sprach: "Betty, es hat sich gelohnt. Ich bin auf Seite eins und du auf Seite drei.”

Betty Boothroyd wurde jedenfalls irgendwann eins mit Westminster, Teil dieses lebenden Organismus. Sie heiratete nie. Ihr Leben war die Politik, "wie Kohlenstaub unter den Fingern, das geht nie weg”. Arbeitete dort tagsüber und wohnte da auch, im Speakers House. Sie empfing Staats- und Regierungschefs aus aller Welt, hielt Händchen mit Nelson Mandela, "das Highlight meines Lebens”. Und sie reiste um die ganze Welt, sah Duma, Kreml, Kapitol, die Lok Sabha in Indien und, und, und. So was wie Westminister aber sah sie nirgendwo, "alles für sich schön, aber nicht vergleichbar”. Sagt, manchmal habe sie versonnen auf die Themse geblickt, und das habe sich angefühlt wie Venedig, sie nennt das "liquid history”, flüssige Geschichte. Schließlich, auch Könige kamen ja früher übers Wasser von einem Palast zum anderen, von Hampton Court flussabwärts nach Westminster.

"Magie”, sagt sie, "es ist ein magischer Platz.” Die Prozessionen, die Uniformen, das Feierliche, der Geruch von altem Stein. Mit 88 Jahren darf man sich Romantik leisten, auch wenn die hoffnungslos ist. "Ich weiß, dass diese Restaurierung sein muss, jeder weiß und sieht das”, sagt Betty Boothroyd. Punkt und Pause. "Aber ich weiß auch, dass es danach nie mehr so magisch sein wird, wie es mal war.”

Eine Frau im schwarzen Minikleid sitzt und zieht sich mit übereinander geschlagenen Beinen einen High Heel an den rechten Fuß