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Teil 23: Kniefall vor der Zicke

Ein großer Burgunder kann einen Bordeaux in den Schatten stellen. Der rote wird aus Pinot noir gekeltert, einer launischen, wetterempfindlichen Rebsorte, die dem Winzer keinen Fehler verzeiht

Wir lieben und achten die Winzer im Burgund - sie unterwerfen sich einer der großen Diven der Weinwelt: dem Pinot noir. Diese rote Rebsorte ist kapriziös. Sie ist wetterfühlig und im Ertrag kaum berechenbar. Der Spätburgunder, wie die Zicke bei uns genannt wird, verzeiht dem Winzer keinen Fehler - nicht im Weinberg und nicht im Keller. Erntet der seine Trauben zu spät, bestraft ihn der Pinot noir mit marmeladiger Überreife. Lässt er den Most zu lange mit den Schalen gären, wird der Wein sehr schön rot, aber oft auch ziemlich bitter. Der Grat zwischen Gut und Schlecht ist extrem schmal. Trotzdem - oder gerade deshalb - hat der Pinot noir eine treue Fangemeinde. Wenn der Winzer alles richtig macht, vermählt er im Pinot noir scheinbar unvereinbare Gegensätze: Der Wein ist leicht und schwer; sanft und kraftvoll; fruchtig und würzig; und für uns auch männlich und weiblich.

Das Burgund ist eine der kompliziertesten Weinregionen. Beste Lagen liegen neben schlechten, einen Weinberg teilen sich zehn Winzer oder mehr, von denen der eine ein Gott ist und sein Nachbar schon ein Schelm. Wir halten es einfach, wir wollen nichts als einen anständigen, typischen Burgunder vorstellen. Wegen der großen Popularität der Weinschule mussten wir zwei Weine einkaufen, die die Typizität des Pinot noir jeder für sich sehr gut rüberbringen - einen aus Givry, den anderen aus Mercurey.

Gemäß AOC-Statuten (Appellation d’Origine Contrôlée) sind in Givry höchstens 45 Hektoliter Pinot noir pro Hektar erlaubt, in Mercurey sind es 40. Das sind nur 0,45 beziehungsweise 0,4 Liter Wein pro Quadratmeter. Durch derart reduzierte Erträge können konzentrierte Weine mit Eleganz und großer Langlebigkeit entstehen, wie bei unseren Kandidaten. Beides sind in der Nase fruchtige, nach Sauerkirsche und Waldfrüchten duftende Kameraden.

Der Mercurey ist auf der Zunge eher herb, erinnert an Pflaumen und Kakaopulver und zeigt eine kräftige Portion Fruchtsäure. Der Givry ist sanfter und beginnt sein Spiel mit dem Duft von reifen Preiselbeeren und Gewürzen. Im Mund deutet er eine leichte Fruchtsüße an, die von feinen Säureadern durchzogen wird. Beide Weine haben Reifepotenzial für sechs bis acht Jahre und geben zu Boeuf Bourgignon (in Rotwein geschmortes Rindfleisch) ebenso ihr Bestes wie zu Kalbsleber mit Rosinen und zu sehr würzigen Weichkäsen, zum Beispiel Epoisse.

In den Appellationen Givry und Mercurey sind knapp 20 Prozent aller Lagen mit dem Prädikat Premier Cru (erstes Gewächs) ausgezeichnet, das heißt hier entsteht tendenziell eine höhere Qualität, also mehr Aroma und Konzentration, was eine höhere Lebenserwartung der Weine nach sich zieht. Zum Burgund gehören außerdem noch Chablis, Côte d’Or, Mâconnais und Beaujolais ganz im Süden. Doch erst die Weine von den Toplagen der Côte d’Or, vom "goldenen Hang" zwischen den Städten Dijon und Beaune, haben das Burgund in der Welt berühmt gemacht. Der Grand Cru (großes Gewächs) ist eine noch über dem Premier Cru angesiedelte Edelkategorie. Diese Nirwana-Klasse kommt aber insgesamt auf nur einen Anteil von zwei Prozent an der Anbaufläche, und die Preise dieser Grand Crus sind, sagen wir es offen, manchmal völlig durchgeknallt.

Cornelius und Fabian Lange / print
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