VG-Wort Pixel

Brasilienisches Nationalgetränk Rettet die Caipirinha!


Auch wenn viele Spezialitäten des WM-Gastgebers noch unentdeckt sind - die Caipirinha kennt fast jeder. Dass es mittlerweile zahlreiche Varianten von ihr gibt, gefällt aber nicht jedem.
Helmut Reuter/DPA

Routiniert zertrümmert Barkeeper Paulo mit dem weißen Marmorstößel die Eiswürfel in seiner Hand. Dann lässt er die Stücke locker ins Glas purzeln, wo die zuvor zerstoßenen und mit Zucker überstreuten Limonen schon warten. Zur Krönung gießt er weißen Cachaça (Zuckerrohrschnaps) dazu - im hohen Bogen, nicht zu knapp. "Das ist die klassische Caipirinha", sagt Eveline Sidi, die Miteigentümerin der Bar "Academia de Cachaça" in Rio de Janeiro.

Damit kein Zweifel besteht, was Caipirinha ist, wurde Brasiliens Cocktail Nummer 1 auch amtlich definiert, und zwar mit dem Dekret Nr. 4.851. Dort wird Caipirinha als "typisches brasilianisches Getränk mit einem Alkoholgehalt zwischen 15 und 36 Prozent" festgelegt, das ausschließlich aus "Cachaça, hinzugefügten Limonen und Zucker" besteht. Soweit die Theorie, denn die Liste der "Caipi"-Varianten ist inzwischen lang und nicht immer ist Zuckerrohrschnaps mit dabei.

Varianten: lecker, aber keine Caipirinha

Wodka, Sake, selbst Steinhäger dienen als Alkoholanteil und bei den Früchten sind Erdbeeren, Maracuja, Kiwi, Ananas, Mandarinen und Beerenmischungen im Angebot. Das hat mit der traditionellen Caipirinha wenig zu tun. "Die schmecken oft sehr gut, aber sie sollten eben nicht Caipirinha heißen. Denn der Begriff ist geschützt", meint Eveline, die in der Academia unter anderem die Eigenmischung "Caipira Brasileira" mit zwei Limonenarten und Orange anbietet. Die "Caipiroska", also Caipi mit Wodka, wird vor allem von Frauen gerne bestellt.

Unter dem Titel "Salve a Caipirinha" läuft im Internet indes ein Aufruf, um das Nationalgetränk zu retten. "Wir können nicht tolerieren, dass man die Seele des Caipirinhas tötet: den Cachaça", heißt es auf Webseite. "Wir erklären formell, dass wir unseren Caipirinha nicht mit Wodka oder Sake anstatt Cachaça gemacht sehen wollen." Klar, der Aufruf ist nicht ganz uneigennützig und geht vom Cachaça-Hersteller "Maison Leblon" aus.

Insgesamt gibt es über 4000 Marken des Zuckerrohrschnapses in Brasilien. Mit dem Ruf des Cachaças stand es in der Vergangenheit nicht zum Besten, denn er galt oft als Armeleute-Getränk. "Früher hat man eher Wodka getrunken, der war importiert und galt als schick", erzählt Eveline. Das hat sich heute geändert. Die Academia führt 100 unterschiedliche Cachaça-Sorten. Eine der teuersten Flaschen (600 ml) "Anísio Santiago Salinas" kostet 285 Reais, fast 100 Euro. Die Hälfte aller Marken stammt wie der Anísio auch aus Minas Gerais, der klassischen Cachaça-Region Brasiliens.

Ursprung unbekannt

Über den genauen Ursprung des Mischgetränks kann man nur rätseln. Einer Legende nach wurde ein "Caipi"-Vorläufer früher als Medizin gegen die Spanische Grippe verwendet. Der Name des Cocktails könnte auf "Caipira" zurückgehen, womit Landbewohner bezeichnet wurden. Doch anders als die Caipirinha hat dieser Ausdruck einen etwas negativen Beigeschmack, denn er steht eigentlich für "Landei" oder "Hinterwälder".

Heute werden für das Mischgetränk meist weiße Cachaça-Sorten genommen und nicht die gold-gelben. "Das hängt aber vor allem von den Früchten ab. Der Cachaça soll den Eigengeschmack der Früchte nicht zu stark überlagern", erklärt Darci, die schon seit sieben Jahren in der Academia arbeitet und die Frage, wie viele Caipirinhas sie denn schon an die Tische gebracht hat, mit einem lauten Lachen quittiert: "Viele."


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker