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Interview

Coworking-Pionier Ansgar Oberholz: Diesem Café-Besitzer platzte der Kragen wegen dreister Gäste – jetzt packt er aus

Im Café St. Oberholz arbeitet die kreative Szene Berlins beim Kaffee an ihren Laptops. Ansgar Oberholz führt den Laden und ist Pionier des Coworking. Manche Gäste nutzten aber sein Konzept aus. Der stern hat mit ihm darüber gesprochen - und warum sich die Arbeitswelt mitten im Wandel befindet.

Gastronom Ansgar Oberholz hatte keine Lust mehr darauf, dass Gäste in seinem Café mitgebrachtes Essen konsumierten, er zog Konsequenzen.

Gastronom Ansgar Oberholz hatte keine Lust mehr darauf, dass Gäste in seinem Café mitgebrachtes Essen konsumierten, er zog Konsequenzen.

Auf den ersten Blick wirkt das St. Oberholz in Berlin-Mitte wie ein stinknormales Café. Gäste schlürfen Latte Macchiato in Gläsern, essen dazu ein Stück Kuchen. Nur eine Sache ist anders: Die meisten gucken konzentriert in ihre Laptops. Es herrscht eine quirlige Arbeitsatmosphäre. Es wird geklickt, getippt und telefoniert, Dinge werden auf Notizzetteln geschrieben. Ein Büro in einem Kaffeehaus. Das ist so gewollt. 

Ansgar Oberholz ist einer der bekanntesten Gastronomen Berlins. Mit seinem Coworking-Café in Mitte hat er das Arbeiten in einem Kaffeehaus erst bekannt gemacht. 

Das St. Oberholz besteht aus drei Cafés, zwei davon mit Coworking Spaces. Das Konzept? Gäste können hier arbeiten, wenn sie die Produkte im fairen Ausmaß konsumieren. Das hat bislang eigentlich immer funktioniert. Eigentlich. Kürzlich hat Ansgar Oberholz einen Brief veröffentlicht, indem er sich erstaunlich offen äußerte: Die Gäste haben sich Speisen mitgebracht und im Café konsumiert – ohne schlechtes Gewissen. Oberholz platzte der Kragen und zog Konsequenzen. Coworking in Cafés brauche eine neue Antwort. Der stern hat mit ihm gesprochen.

Sie betreiben drei Cafés mit zwei Coworking-Spaces und gelten als Pionier des Coworking in Berlin. Was haben Sie sich davon versprochen?

Vor 12 Jahren gab es den Begriff Coworking noch gar nicht. Ungefähr zur gleichen Zeit hat in New York der erste Coworking-Space aufgemacht. Wir wollten damals ein neuartiges Café eröffnen, indem man auch arbeiten kann. Wir dachten aber nicht, dass das unser USP (Anm. d. Red.: unique selling point, das Alleinstellungsmerkmal) wird. Innerhalb kürzester Zeit wurden wir von Menschen mit Laptops überrollt. 

Hatten Sie da schon Internet im Café?

Das schon. Aber es beschwerten sich Gäste, dass sie nicht ins Internet kommen würden. Was daran lag, dass ihre Laptops überhaupt nicht Wlan-fähig waren und ihnen das gar nicht bewusst war. (lacht) Wir sind mit den Bedürfnissen der Gäste gewachsen - entwickelten flexible Arbeitsplätzen und Konferenzräume. Heute ist unser Haus von oben bis unten voll mit Start-ups und es arbeiten zu Stoßzeiten gleichzeitig 250 Leute in allen Bereichen. 

Gibt es aus Ihrem Haus heraus Erfolgsgeschichten?

Ja, die gibt es. Die bekanntesten sind Soundcloud, die Gründer waren Stammgäste und haben bei uns die ersten Zeilen Code geschrieben. Genauso wie brands4friends und HelloFresh, die jetzt milliardenschwer sind. Manchmal frage ich mich, ob es nicht sinnvoller wäre von den Gründern ein Prozent Unternehmensanteil zu verlangen, als ihnen Kaffee zu verkaufen.

Gäste können bei Ihnen kostenlos arbeiten, wenn Sie die Produkte des Cafés im fairen Ausmaß konsumieren. Was bedeutet das für Sie?

Wenn jemand bei uns vier bis acht Stunden verweilt, bin ich schon glücklich, wenn pro Stunde ein Gastbon von fünf Euro herauskommt. Manche Gäste konsumieren wie wild, andere sind sechs Stunden da und trinken nur einen Kaffee.

In einem offenen Brief haben Sie sich darüber beklagt, dass Gäste Ihr Konzept ausnutzen. Was war passiert?

Statt die relativ große Freizügigkeit des Konsums zu honorieren, haben die Gäste dies immer mehr ausgenutzt. Der Klassiker ist: Jemand bestellt eine Limonade, trinkt davon ein paar Schlücke ab und lässt die dann fünf Stunden auf dem Tisch stehen. Aber auch Wasserflaschen auffüllen auf den Toiletten gab es immer wieder. Zudem haben Gäste vermehrt ihr eigenes Essen mitgebracht, obwohl wir Frühstück, Lunch, Kuchen und Sandwiches anbieten. Einige Gäste haben gewissermaßen am Konzept gesägt, dass sie ja eigentlich lieben.

Was war das Dreisteste, was Sie erlebt haben?

Ein Gast hat sich eine Pizza in unser Café bestellt. Aber noch dreister war der Döner.

Ein Döner? 

Ein Gast brachte einen Döner mit ins Café. Als wir ihn darauf aufmerksam machten, dass das hier nicht ginge und er etwas bestellen müsste, reagierte er pampig. Wir hätten ja keinen Döner im Sortiment. Er packte ihn dann widerwillig ein und bestellte etwas. Arbeiten wollte er natürlich trotzdem bei uns.

Die Vorfälle haben sich immer wieder gehäuft. Sie haben reagiert. Wie?

Wir haben uns lange Gedanken gemacht, Gäste gefragt und andere Betreiber von Coworking-Cafés. Die Lösung war am Ende ganz einfach: Wir haben Servicekräfte eingestellt, die direkt an den Tisch kommen.

Und das hat was gebracht?

Es hat sofort Wirkung gezeigt. Die Atmosphäre war wieder inspirierend und die Gäste, die unser Konzept ausnutzen wollten, sind von heute auf morgen nicht mehr gekommen. Bei unseren Kellnern kann man jetzt auch neben einem Cappuccino Ladekabel, Schreibmaterial oder Mini-Whiteboards bestellen.

Was motiviert Sie, ein Café wie dieses zu betreiben?

Ich bin im Herzen Entrepreneur und habe schon vieles gegründet. Es treibt mich an, Orte zu schaffen, die andere Menschen ermutigt, ausgetretene Pfade zu verlassen und ihre Ideen zu verfolgen. Was als Nische anfing hat heute gesellschaftliche Relevanz. Die Frage, wie wir arbeiten wollen, braucht eine neue Antwort.

Warum?

Wir stecken im größten Wandel der Arbeitswelt seit dem Beginn der Industrialisierung. Aber viele Menschen - auch Unternehmen - haben das noch nicht verstanden. Und das ist schon jetzt ein Problem und kann sehr schnell zu großen Nachteilen führen.

Welche Herausforderungen sehen Sie?

Arbeitnehmern und auch einigen Gründern mangelt es an einer grundlegenden Selbstkompetenz. Sie wissen nicht, wie sie mit der neuen Freiheit und auch nicht mit neuer Kommunikation angemessen umgehen sollen. Es fehlt eine neue Kultur, die den Umgang mit Smartphones und all den Kommunikationskanälen grundlegend regelt. Die größte Herausforderung für Arbeitnehmer ist die Frage: Wie kann ich die Veränderung positiv für mich nutzen, für mein Wohlbefinden, nicht für noch mehr Stress. Hierbei ist auch Bildung gefragt. Arbeitgeber und Arbeitnehmer sollten ihre Angst vor Veränderungen ablegen und mutig gemeinsame Lösungen anstreben.

Was glauben Sie, wie werden wir zukünftig arbeiten?

Zwei Attribute werden die Zukunft sicher prägen: Arbeit wird immer dezentraler und gleichzeitig auch immer vernetzter sein. Coworking wird selbstverständlich sein und kaum noch Erklärung benötigen. 

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