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Null Umdrehungen und trotzdem cool - eine Ode an das alkoholfreie Bier

Alkoholfreies Bier war für mich jahrzehntelang ein fieses Gebräu für trockene Alkis oder bemitleidenswerte Autofahrer. Bis zu diesem Sommer. Jetzt trinke ich ohne Umdrehungen. Und liege damit auch noch im Trend - wie unangenehm.

Alkoholfreies Bier ist Trend

Alkoholfreies Bier liegt im Trend - was für ein Schock.

Alkoholfreies Bier war immer uncool. Spätestens seit dem Werbespot mit dem pikierten Herrn, der die junge Frau hinter der Bar darauf hinweist, dass das servierte Bier ja gar kein Alkoholfreies sei. Dumme Nuss - das sagt er zwar nicht, denkt es sich aber. "Ist bestimmt Ihr erster Tag?", fragt er dann noch aalglatt. Und die kecke Kellnerin antwortet nur schnippisch, dass es sich doch um Clausthaler handelt. Offenbar ein Trottel, der Typ.

Warum eine uralte Werbung für alkoholfreies Bier so im Kopf hängen bleibt? Weil wirklich alles daran so fürchterlich war, dass man das Grusel-Etikett auch gleich auf das umdrehungslose Bier übertragen konnte. Und blinzelt man sich durch die anderen Reklamefilme für das Gebräu trifft man Klugscheißer mit zotteligen Kötern oder klapprige Opas, die sich über ihre Getränke unterhalten, als ob sie die Sprache erst vor wenigen Minuten gelernt hätten: "Warum wir Clausthaler trinken? Weil wir gerne Bier trinken. Deshalb trinken wir gerne Clausthaler." Alkoholfreies Bier? Das sind schleimige Typen, freche Mäuschen und senile Vatis. Nicht meine Szene. Ich nehm dann ein Astra.

Bis zu diesem Sommer. Und zwar durch einen Satz, den mir mein guter Freund Tobi sagte. Ein Satz, der sich offenbar in den hintersten Hirnwindungen festgesetzt hat. 

Ohne Alkohol - für die schlanke Linie?

Wir hatten uns verabredet, es war noch früh, eher Nachmittag als Abend. Und warm. Die Bierbänke waren voll besetzt, Leute machten sich auf den Weg zum Hamburger Hafen. Zeitlich gesprochen: Noch zu früh für . Aber auch schon weit entfernt von Apfelsaftschorle. Getränkezwickmühle. Tobi bestellte ein alkoholfreies Hefeweizen. In Norddeutschland liegen in dieser Getränkewahl gleich zwei Fehler: Alkoholfrei und Hefeweizen. Doch er schob eine Erklärung hinterher: "Is lecker - und hat weniger Kalorien als Apfelsaftschorle." Hmmm, ein Diätgetränk?


Im Kopf rattert es: Er trinkt das Zeug dauernd. Und er hat deutlich abgenommen. Ja, und wie! Aber was trinke ich denn jetzt? Wo ist sein Bauch geblieben? Wenn ich jetzt eine Apfelsaftschorle trinke, werde ich fett - das hat er doch quasi gesagt, oder nicht?! Achtung, Selbstgespräche im Hinterkopf - beeil dich lieber mit deiner Entscheidung! Ach komm, egal, nehm ich halt auch so ein spaßbefreites . Mit Gruppenzwang kriegt man alles runter. Notfalls zieh ich mir halt noch ein anderes Getränk, wenn es so schmeckt, wie es aussieht (oder so schlecht ist wie die Werbespots).

Alkoholfreies Bier ohne fiesen Begleitgeschmack

Das war zu Beginn des Sommers. Inzwischen ist alkoholfreies Weizen ein fester Bestandteil in meinem Kühlschrank. Und offenbar nicht nur bei mir: Alkoholfreies Bier ist im Trend. Im Vergleich zum Vorjahr stieg der Absatz damit um knapp sieben Prozent. Pils legte nicht mal um zwei Prozent zu. Das liegt sicherlich nicht nur an den Sport-Aposteln, die sich dieses isotonische Wunder reinpfeifen. Sondern hat einen Grund: Das Zeug schmeckt inzwischen. Der modrig-pappige Begleitgeschmack ist rausgefiltert, der Geruch nach etwas jüngst Verstorbenem ist verschwunden. Sicherlich, mit einem richtigen Bier haben diese Getränke nur bedingt etwas zu tun. Aber wenn man sich die umdrehungslose Variante nicht als Zwillingsschwester des wahren Bieres vorstellt, sondern nur als die entfernte und angeheiratete Cousine - dann hat man Freude an dem Gebräu. Und fühlt sich nicht wie eine dieser Luschen aus den Werbespots von damals.

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