Früher war nicht alles besser. Manche Dinge waren sogar ziemlich schräg. Aber Nostalgie ist eine seltsame Sache: Mit genügend Abstand verursachen einem Phänomene, die man damals bitterernst nahm und anschließend lange völlig egal fand, plötzlich ein wohlig-warmes Gefühl im Bauch, wenn man an sie denkt. Diese Kolumne soll einen liebevollen, aber prüfenden Blick auf die Vergangenheit werfen. Was war so cool, dass man ihm mit Recht nachtrauern darf? Und was ist in den Untiefen der Geschichte eigentlich ganz gut aufgehoben?
Irgendwann war es so weit: Die meisten im Freundeskreis näherten sich der magischen Achtzehn. Einige Glückliche hatten die Grenze zur Volljährigkeit sogar bereits überschritten. Und in jeder Clique gab es diesen einen (oder diese eine), der quasi noch am Tag seines Geburtstags sowohl seinen Führerschein in der Hand hielt als auch ein eigenes Auto besaß. Entweder den ausrangierten, kastigen Opel von Vaddern oder den vom angesparten Konfirmationsgeld selbst gekauften Renault Twingo, gebraucht natürlich.
Und das war in der Regel für alle anderen in der Gruppe eine größere Offenbarung als für den frischgebackenen Autofahrer selbst. Denn der sah sich nun verpflichtet, die ganze Bande sehr regelmäßig herumzukutschieren. Das war vermutlich zwei, drei Monate spaßig und gut fürs Ego, aber dürfte direkt danach schnell lästig geworden sein. Glücklicherweise besagte das Gesetz des Universums, dass der erste Autofahrer eines Freundeskreises ein tiefenentspannter, gutmütiger Menschenfreund zu sein hatte – der seine neue Aufgabe einigermaßen klaglos annahm.
Autofahrten mit Freunden: Der erste Autobesitzer war ein Menschenfreund
Was folgte: Abends quetschten sich fünf aufgebrezelte junge Menschen in die Karosse, die bis in die letzte Plastikpore mit dem Aroma von Zigarettenrauch imprägniert war. "Richtige" Zigaretten, keine Selbstgedrehten, denn das Gesetz des Universums besagte ebenfalls, dass es der erste Autofahrer einer Clique als einen Akt der Selbstachtung betrachtete, ausschließlich teure Filterzigaretten zu rauchen.
Im Auto sollte dieser Geruch durch ein Pappbäumchen mit Kokosduft überdeckt werden. Was natürlich nicht funktionierte, sondern ein ganz neues olfaktorisches Amalgam erschaffte, das gleichzeitig abstoßend und merkwürdig angenehm roch. Machte aber so oder so nichts, denn die fünf Insassen brachten ihre ganz eigene Duftwolke von viel zu viel herbem Axe-Deo, Haarspray, Jil Sander Sun und Patchouli-Duftöl mit. Die überdeckte alles, sofort.
Duftwolken und Hormone
Und dann ging es ab in die Disco. In die einzige taugliche Kneipe der Stadt. Zur Flatrate-Party (ja ja, zu Recht kein Ding mehr, aber wir waren chronisch pleite und noch jung genug, um Wodka-Energy irgendwie runterzubekommen). Egal, wohin es ging, im Auto liefen laut die Black Eyed Peas oder Sean Paul oder Moloko. Weil das so gehörte. Ein Auto voller Bass, Hormone und Vorfreude. Und vielleicht hatte sogar noch jemand ein paar Flaschen Smirnoff Ice dabei (Teuer! Schreiend süß! Absurd ungesund! Aber damals ein Highlight).
Manchmal ging's aber auch nur zur Videothek. Die in jeder Stadt irgendwo zwischen City und Industriegebiet lag. In die Videothek ging man nicht zu Fuß. Man nahm nicht den Bus und auch nicht das Fahrrad. In die Videothek fuhr man nur, wenn der Kumpel mit dem Auto entschied, dass man ja heute mal "einen Ruhigen" machen und einen Film ausleihen könnte. Netflix und Chill quasi, bevor wir den Namen "Netflix" je gehört hatten. Nur, dass vor dem Chillen eben eine Autofahrt mit Freunden anstand.
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Fahrten zu "Mäckes", zur Party, zur Videothek
Gegenüber der Videothek – ja ja, Gesetz des Universums und so – fand sich grundsätzlich ein McDonald's oder ein Burger King. Und dort wurde nach dem Videothekentrip gehalten, während die DVDs von "Donnie Darko" und "The Sixth Sense" auf der Rückbank warteten, und man nahm sich tütenweise Zeugs mit. Die Jungs drei große Burger auf einmal. Die Mädchen einen traurigen Gartensalat, weil der neu war und Heidi Klum dafür warb – und Heidi Klum war damals noch allgemein umschwärmt.
Fast-Food-Restaurant-Besuche waren alternativ aber auch nach dem Partybesuch eine Option, wenn der genervte Autobesitzer als einzig Nüchterner eine Karre voll beschwipster Freunde nach Hause kurvte, die vermutlich allesamt bei ihm übernachten würden. Kleinstädte, Dorfkinder, man arrangierte sich eben. In dieser Situation war eine Ladung Pommes für die Konstitution aller Beteiligten eine gute Idee. Besonders, wenn man lange durchgehalten hatte – das konnte man ja damals – und um vier Uhr morgens nichts anderes offen hatte als der "Mäckes" im Industriegebiet.
Irgendwann war die Videothek verschwunden, der Imbiss war nicht mehr reizvoll sondern ranzig, und Partys fühlten sich immer früher immer anstrengender an. Aus dem verbeulten Twingo wurde eine geleaste Familienkutsche, und aus uns wurden nichtrauchende Erwachsene, die auf gesunde Ernährung achten und den Dry January praktizieren. Auch alles schön und unheimlich vorausschauend und vernünftig. Aber diese zehn Minuten Euphorie auf dem Weg in die Disco – sorglos, vorfreudig, unbeschwert –, die haben wir so nicht wieder erlebt.
Autofahrten mit Freunden
Was ist das? Meist ca. zehnminütige Fahrten irgendwohin, das Auto voll besetzt
Wer hat's erfunden? Bertha Benz?
Gab es von: ca. 1920 – heute
Größter Hit: Die Babyboomer-Generation erzählt oft von Abenteuern in VW Käfern …
War toll, weil: … die Fahrt schon Teil der spaßigen Aktivität war, die folgen würde
Comeback – yay oder nay? Es gibt immer weniger Gründe, rumzufahren: Netflix und Lieferdienste machen das überflüssig. Immer weniger junge Menschen kaufen sich zudem Autos (was ja eine gute Entwicklung ist). Dennoch wird diese spezielle Erfahrung wohl noch lange nicht völlig aussterben
Alle Texte unserer Nostalgie-Reihe finden Sie hier: Gefühlt gestern