VG-Wort Pixel

Bischofssynode Stunde der Wahrheit im Vatikan


In den kommenden zwei Wochen debattiert das "kleine Konzil" der katholischen Kirche über Ehe, Familie, Sex. Doch entschieden wird auch über die Bedeutung von Papst Franziskus.
Von Frank Ochmann

Unter Anrufung aller Heiligen und zumindest äußerlich auf Harmonie gestimmt, zogen Kardinäle, Patriarchen, Erzbischöfe und Bischöfe am Sonntag zur Altarinsel von Sankt Peter. Über dem Grab des Apostelfürsten galt es, die außerordentliche Bischofssynode zu eröffnen, zu der Papst Franziskus 253 Delegierte nach Rom geladen hatte. Nicht nur Geistliche sind darunter, sondern auch Wissenschaftler, 14 Ehepaare und Vertreter anderer Konfessionen. Stimmrecht allerdings haben nur jene 191 Delegierten im Bischofsrang, die als "Synodenväter" gelten, allen voran die 25 höchsten Kurienvertreter sowie die Vorsitzenden von 114 Bischofskonferenzen auf allen Kontinenten.

Zwei Wochen lang sollen sie alle sich im Vatikan mit dem Thema Familie befassen. Dabei steht diese Synode am Beginn eines Prozesses, der bis zum Oktober nächsten Jahres dauert und die Kluft zwischen dem Leben der Menschen und der Lehre der Kirche schließen soll. Diese Kluft aber ist weit. Das zeigte eine vom Vatikan organisierte globale Befragung zum Thema Familie und Sexualität.

Vor allen in den westlichen Gesellschaften kamen sofort wieder all jene Reizwörter auf die Tagesordnung, die schon seit Jahrzehnten Lehramt und Gläubige trennen. Vom Umgang mit den Geschiedenen bis zur Geburtenkontrolle. Die 52-jährige Theologin Ute Eberl ist im Erzbistum Berlin mit der Leitung der Familienseelsorge beauftragt, nimmt als einzige deutsche Frau beratend an der Synode teil und hat sich schon deshalb mit den Ergebnissen der deutschen Befragung befasst: "Gläubige Menschen haben gesagt: So und so leben wir. Und das passt nicht zusammen mit dem, was die Kirche uns sagt. Jetzt ist die Kirche daran, Antworten zu geben."

Große Erwatungen an Papst und Synode

Was also ist künftig zum Beispiel mit den Katholiken, die als "Wiederverheiratete" von den Sakramenten und damit auch vom Empfang der Kommunion ausgeschlossen werden? Was ist mit Homosexuellen und ihrem Wunsch, füreinander so viel Verantwortung übernehmen zu können, wie das heterosexuellen Paaren zugebilligt wird? Was ist überhaupt mit der Sexualität, egal welcher Couleur? Hat sie aus katholischer Sicht tatsächlich nur einen Platz in der Ehe? Und warum verbietet das Lehramt weiter eine "künstliche" Verhütung, mit der sich nicht nur die Zahl der Kinder begrenzen, sondern auch die Ausbreitung von Krankheiten wie Aids eindämmen ließe? Beides sind Probleme gerade in den armen Regionen der Welt, die dem Papst nach eigenem Bekunden doch besonders am Herzen liegen.

Es ist kein Wunder bei dieser Themenpalette, dass die Erwartungen an die Synode und ebenso an Franziskus hoch sind. "Meine große Erwartung ist, dass wir uns da gemeinsam auf den Weg machen, um zu schauen, wie wir den Menschen, die in Ehe und Familie leben, dienen können", sagt Ute Eberl. "Ich unterstreiche das: dienen können – bei allen ihren Herausforderungen in glücklichen und in ganz unglücklichen Tagen, die eben auch da sind."

"Was Jesus bestimmt hat, kann der Papst nicht verändern"

Würde aber auch nur eine der brisanten Fragen rund um das Ehesakrament und die "Sittenlehre" künftig anders als gewohnt beantwortet, wäre das eine Revolution. Viel steht also auf dem Spiel. Das wissen alle Seiten, die Betonfraktion wie die Reformgruppe unter den Kardinälen und Bischöfen der Weltkirche. Als bekämen es manche Offizielle deshalb schon mit der Angst zu tun, versuchen sie die Synode herunterzuspielen. "Bitte erwarten Sie nicht, dass der Papst die Lehre der Kirche über die Ehe verändert", mahnte etwa der Wiener Kardinal Christoph Schönborn noch vergangene Woche. Primär gehe es bei dieser Versammlung doch um das "Hinschauen".

Ähnlich äußerte sich nur Tage zuvor der spanische Bischof von Cordoba in einem Interview. Er selbst habe Franziskus nach der Unauflöslichkeit der Ehe gefragt. Und der habe geantwortet: Was Jesus bestimmt habe, könne doch auch der Papst nicht verändern.

Reformgruppen stellen alles in Frage

Tatsächlich beschreibt die amtliche Arbeitsgrundlage des derzeit tagenden "kleinen Konzils" zwar, wie Lehre und Leben immer weiter in Spannung geraten. Zugleich aber stellen die 159 Artikel dieses "Instrumentum laboris" die geltenden Vorschriften einschließlich der berüchtigten Pillen-Enzyklika "Humanae vitae" von Paul VI. nicht in Frage.

Aufgabe der Synode sei es, eine verständliche Sprache und neue Methoden der Vermittlung zu finden. Das allerdings reicht selbst manchen Bischöfen nicht, von Reformgruppen unter den Laien ganz zu schweigen. Außer der Pastoral gehöre auch die Lehre selbst auf die Tagesordnung, fordert etwa Johan Bonny, der Bischof von Antwerpen. Und nichts dürfe dabei ausgespart werden, auch nicht das Machtverhältnis zwischen Papst und Bischöfen.

Es geht um mehr als Kommunion und Kondome

Entsprechend heftig waren die Reaktionen auf Seiten der Konservativen. Die Gedanken Bischof Bonnys zeigen aber auch, dass die Synode noch für Überraschungen gut sein kann. Wer weiß schon, welcher Eingebung der eine oder andere Synodale noch folgen wird. Denn es geht ja tatsächlich nicht nur um Kondome und die Kommunion in zweiter Ehe. Zur Debatte steht nicht weniger als der künftige Kurs der Kirche.

Damit aber geht es auch um das Vermächtnis des Papstes. Und es ist nicht einmal klar, wo der selbst steht. Mal spricht er von grenzenlosem Erbarmen, dann wieder von ein für alle Mal geschlossenen Türen. Er umarmt einen Befreiungstheologen an einem Tag und am nächsten mit gleicher Herzlichkeit einen Prälaten des Opus Dei. Da kann es schwer fallen, sich einen Reim zu machen.

Der Traum Gottes

Zweifellos hat Franziskus in den vergangenen eineinhalb Jahren viele Herzen erobert. Auch die von Nichtkatholiken fliegen ihm zu, wenn er bei den wöchentlichen Audienzen locker scherzt, Kranke an sich drückt und immer wieder mit Nachdruck für die Armen und Unterdrückten spricht. Respekt bringt es ihm auch, wie er mit dem undurchschaubaren Finanzgeflecht des Heiligen Stuhles aufräumt, wie er – anfangs zwar zögerlich, inzwischen aber deutlicher – bei Missbrauchsfällen durchgreift und auch nicht mehr davor zurückschreckt, gegen einen Kardinal ermitteln zu lassen und einen früheren päpstlichen Botschafter unter Arrest zu stellen.

Doch ist das genug, wenn Franziskus in seiner Enzyklika "Evangelii gaudium" von sich sagt, er "träume von einer missionarischen Entscheidung, die fähig ist, alles zu verwandeln?" Reicht das als Beweis einer "ständigen Haltung des Aufbruchs?" Reicht das dem Volk, das Franziskus in seiner Predigt am Sonntag fast schwärmerisch den "Traum Gottes" nannte?

Sehnsucht nach einer glaubwürdigen Kirche

Die Kurienreform und die Eindämmung des höfischen Gehabes hinter den Toren des Vatikans sind ein wichtiger erster Schritt in diesem Pontifikat. Doch was aus den Befragungen der Katholiken vor allem spricht, ist eine tiefe Sehnsucht nach einer glaubwürdigen Kirche, in der sie mit dem eigenen Leben ernst- und angenommen werden. Auch dann noch, wenn es Brüche hat und nicht so makellos strahlt wie das der Heiligen.

Was der Papst als Person vormacht, soll die Kirche als Institution nachmachen: demütig sein und dienen, nicht aber herrschen und verurteilen. Bescheidenheit hat der Papst auch den Synodalen bei der Eröffnungsmesse noch einmal verordnet. Alles seien sie Sünder, sagte Franziskus in seiner Predigt. Und es seien die schlechten Hirten, die dem Volk unerträgliche Lasten auf die Schultern legen würden. Vom Schrei dieses Volkes gar sprach der Papst am Vorabend der Synode, ein Schrei den die Kirche nicht überhören dürfe. Doch was heißt das konkret?

Kardinäle im Clinch

Es wird der Synodenprozess der nächsten zwölf Monate sein, der entscheidet, ob die Hoffnungen in Franziskus berechtigt sind. Schon deshalb, weil ein fast 78-Jähriger nur einen engen Zeitrahmen hat, um etwas zu bewegen. Und das wird noch viel Reibung erzeugen. Dabei sind es zwei deutsche Kardinäle, die bei der Ehe- und Familienfrage für die beiden konträren Lager stehen. Der 82-jährige Kardinal Walter Kasper war als weltweit anerkannter Theologe vom Papst schon im Februar gebeten worden, seine liberale Position dem Kardinalskollegium vorzutragen. Wütende Proteste und beleidigte Mienen unter den Brüdern im Purpur waren die Folge.

Das schien den Papst nicht zu stören. Eine weitere Folge war allerdings das gemeinsame Buch von fünf Kardinälen, das am 1. Oktober, nur Tage vor der Synode, erschien und in dem das glatte Gegenteil von dem vertreten wird, das Kasper etwa mit Blick auf einen einladenden Umgang mit den Geschiedenen gefordert hatte. Einer der Autoren ist pikanterweise der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, der frühere Bischof von Regensburg, den noch Benedikt XVI. in den Vatikan geholt hatte.

Franziskus sei verärgert gewesen über das Buch und mehr noch über dessen Erscheinungstermin, hieß es. Müller habe er jede Werbung dafür untersagt. Aber womöglich ist auch das nur Propaganda. Diesmal von der anderen Seite. Immerhin war es der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Münchens Kardinal Reinhard Marx, der vergangenen Donnerstag öffentlich klarstellte, die Synode werde sich von Müller die Diskussion über wiederverheiratete Geschiedene nicht verbieten lassen. Am Ende aber zählt nur, was das Resultat dieser Debatte ist.

Reformpapst oder freundlicher alter Mann?

So entscheidet sich von dieser Woche an, ob Franziskus einmal zu den großen Reformpäpsten gezählt werden kann, wie das viele Anhänger bereits vorhersagen. Dazu aber muss er die Bischofssynode bis zur nächsten Vollversammlung im Oktober 2015 zum Erfolg führen. Und Erfolg hat die nur, wenn sie ohne neue Risse große Schritte hin zu einer Kirche macht, die unübersehbar lebt, was sie verkündet. Gelingt das nicht, bliebe Franziskus wohl noch eine Zeit als freundlicher alter Mann in Erinnerung, der gern in kleinen Autos fuhr und die Armen liebte. Nicht wenig für einen Priester und Bischof. Nicht genug aber, um als Papst Geschichte zu schreiben.

Hier können Sie dem Autor bei Twitter folgen.


Mehr zum Thema