Bundesverfassungsgericht Der ungewollte Sohn


Eine Affäre, ein Kind, ein Streit: Ein Vater will unter keinen Umständen seinen unehelichen Sohn sehen, er befürchtet sonst das Ende seiner Ehe. Ein Gericht will ihn aber dazu zwingen. Heute verhandelt das Bundesverfassungsgericht über den Fall. Familienverbände warnen: Bekommt der Vater Recht, hätte das weit reichende Konsequenzen.
Von Malte Arnsperger

Sie kämpfen, sie schwitzen Blut und Wasser. Viele Männer müssen viel tun, um ihre unehelichen Kinder besuchen zu dürfen. Sie zerren die Mutter des Kindes vor Gericht, um wenige Stunden mit ihrem Sohn oder der Tochter verbringen zu dürfen. Normalerweise. Doch nun verhandelt das Bundesverfassungsgericht über die Verfassungsbeschwerde eines Vaters, der ebenso große Anstrengungen unternimmt, um seinen Sohn nicht sehen zu müssen.

Rückblende: Der verheiratete Dirk B. aus dem Städtchen Brandenburg an der Havel hat eine Affäre mit der unverheirateten Camilla P. Jahrelang fliegt die Liebelei nicht auf. Doch dann wird Camilla P. schwanger, 1999 kommt ein Junge, Felix, zur Welt. Dirk B. scheint nun seiner Familie gegenüber ein schlechtes Gewissen zu bekommen. Er beendet sofort die Affäre, zahlt jedoch brav für den Unterhalt des unehelichen Kindes. Doch Kontakt will er mit seinem Sohn nicht. Denn er befürchtet, dass sich seine Ehefrau, mit der er zwei Kinder hat, dann von ihm scheiden lassen wird. Dabei ist es genau diese Ehefrau, die Monat für Monat der Ex-Freundin ihres Mannes das Geld für den unehelichen Sohn überweist. Als ob eine schwammige Begründung nicht ausreicht, argumentiert der heute 42-Jährige Dirk B. zudem, Felix sei gegen seinen ausdrücklichen Willen gezeugt worden und er empfinde keinerlei Bindung zu seinem Sohn.

Oberlandesgericht will Vater zwingen

Nach zwei Jahren reicht es Camilla P. Sie zieht vor das Amtsgericht und will den Vater zwingen, sich auch persönlich um seinen Sohn zu kümmern. Die Richter schmettern den Antrag ab. Denn das Kindeswohl sei gefährdet, wenn der Vater zu einem Umgang gezwungen werden muss. Die Mutter gibt nicht auf und hat Erfolg: Das Oberlandesgericht (OLG) Brandenburg teilt ihre Ansicht und beruft sich auf ein 1998 geändertes Gesetz. Danach haben Kinder das Recht, leibliche Eltern und Großeltern regelmäßig zu treffen. Das bedeute im Umkehrschluss eine Umgangspflicht der Erwachsenen. Im Jahr 2004 wird der Vater deshalb vom OLG zu einem Zwangsgeld in Höhe von 25.000 Euro verurteilt, sollte er die regelmäßigen Besuchstermine mit seinem Sohn verpassen. Als Ort legten die Richter die Praxis eines Psychologen fest.

Der 42-jährige Vater akzeptiert diesen Zwang nicht. Er zieht vors Bundesverfassungsgericht. Denn er sieht sowohl sein in Artikel zwei des Grundgesetzes garantiertes Grundrecht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit verletzt wie auch seine eheliche Familie gefährdet, die durch den Artikel sechs geschützt werde. Seine Anwältin Heike Hase kritisiert den Beschluss des OLG: "Man kann Verantwortung nicht erzwingen." Ihr Mandant habe den Jungen noch nie gesehen und von Anfang an jede persönliche Beziehung abgelehnt.

"Kind braucht Klarheit"

Familienverbände warten nun mit Spannung auf die Entscheidung der Karlsruher Richter. Rüdiger Meyer-Spelbrink, Bundesgeschäftsführer des Vereins "Väteraufbruch für Kinder" warnt: "Wenn das Bundesverfassungsgericht dem Vater Recht gibt, hat das erhebliche Sogwirkung. Denn dann können Eltern, die keine Lust auf ihre Kinder habe, sich in Zukunft immer vor ihrer Verantwortung drücken. Das wäre auch ethisch sehr fragwürdig", sagte er stern.de. Meyer-Spelbrink, der bei der Verhandlung als Experte aussagen wird, hält es für absolut angebracht, auch unwillige Eltern zu einem Kontakt mit ihren Kindern zu zwingen. " Eine Beziehung ist notwendig, und zwar zunächst unabhängig von der Qualität. Das Kind benötigt Klarheit und muss ein Bild seines Vaters haben. Auch die bittere Erfahrung, dass der Vater kein Interesse hat, ist besser als falsche Hoffnungen."

Von einem generellen Zwang zum Umgang mit einem Kind hält der Verband alleinerziehender Mütter und Väter wenig. "Es ist unwahrscheinlich, dass es gelingt, durch gerichtlichen Zwang eine positive Vater-Kind-Beziehung herzustellen", heißt es in einer Stellungnahme des Vereins. Doch die Vorsitzende Edith Schwab schränkt dies im Gespräch mit stern.de ein. "Wenn das Kind einen eigenen Willen entwickelt hat und den Umgang mit dem Vater wünscht, sollte der Vater auch dazu gezwungen werden können", sagte Schwab. Auch im Fall des achtjährigen Jungen aus Brandenburg plädiert sie dafür, das Kind zu befragen. Sollte das Bundesverfassungsgericht der Beschwerde des Vaters Recht geben, sieht sie die Gefahr eines Dammbruchs: "Es wäre fatal. Eltern könnten sich aus ihrer Verantwortung stehlen."

So richtig Verantwortung scheint momentan niemand für den bemitleidenswerten achtjährigen Felix aus Brandenburg übernehmen zu wollen. Denn die arbeitslose Mutter hat das Kind mittlerweile an ein Kinderheim abgegeben, ein Gutachter hat ihr angeblich Erziehungsmängel attestiert. Bei der Verhandlung in Karlsruhe wird keiner der beiden Eltern zugegen sein, erscheinen werden lediglich Vertreter des Jugendamtes. Die halten momentan nichts davon, dem Vater zu Besuchen seines Kindes zu zwingen. "Das Kindeswohl muss im Vordergrund stehen.", sagte die Amtsleiterin stern.de. "Und da das Kind momentan andere Probleme hat, ist das Risiko zu groß, ihm einen solchen unsicheren Kontakt zuzumuten."


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