Getötet vom Partner Was Sie über Femizide wissen müssen

Montage: Deutschlandkarte mit anonymen Gesichtern im Hintergrund
© stern-Montage: Fotos: Adobe Stock (2); Ki-generierte Bilder (8): Catharina Cerny
Was bedeutet "Femizid", wie oft passieren solche Taten – und wie kann Deutschland Frauen besser schützen?  

Was versteht man unter einem Femizid? 

Die gängigste Definition lautet: Eine Frau wird von einem Mann umgebracht, weil sie eine Frau ist. Das Geschlecht des Opfers ist also kein Zufall, sondern steht im Mittelpunkt des Verbrechens. Der Begriff soll zeigen, dass die allermeisten dieser Fälle nicht geschehen wären, wenn das Opfer nicht weiblich gewesen wäre. Femizide werden, so Experten, aufgrund von Sexismus, Frauenhass und veralteten Rollenbildern begangen. Diese Faktoren werden begünstigt durch ein gesellschaftliches System, das in entscheidenden Bereichen noch immer männlich dominiert ist: dem Patriarchat, in dem Männer aus historischen und strukturellen Gründen mehr Macht und Privilegien haben als Frauen

Welche Formen von Femiziden gibt es?

Die häufigste Form von Femiziden in Deutschland sind intime, partnerschaftliche Femizide: Ein Mann bringt seine aktuelle oder ehemalige Partnerin um. In vielen dieser Fälle geht es um die Kontrolle über die Frau beziehungsweise den Verlust– beispielsweise dadurch, dass eine Frau sich trennt, sich nicht kleidet wie gewünscht oder selbstbestimmt Entscheidungen trifft. Auch Eifersucht oder gekränkte Ehre spielen dabei eine Rolle. Weitere Femizid-Formen: Mitgiftmorde, Ehrenmorde, geschlechtsbegründete Abtreibungen und Kindstötungen sowie Tötungen aus Frauenhass. Unter Matriziden versteht man die Tötung von Müttern durch ihre Söhne. 

Wie viele Femizide gibt es in Deutschland? 

Es gibt keine offizielle Statistik, die Femizide in Deutschland erhebt. Das hat unterschiedliche Gründe. Kurz nach einer Tat ist meist noch nicht klar, was die Hintergründe sind. Oft klärt sich das wahre Motiv erst in der Gerichtsverhandlung. Jedoch gibt es keine zentrale Stelle, die die Urteile aus allen Bundesländern sammelt und daraufhin prüft, ob es sich bei einer Tötung um einen Femizid handelt oder nicht. Außerdem gibt es keinen eigenen Straftatbestand. Was es allerdings gibt, sind Lagebilder des Bundeskriminalamts, die versuchte und vollendete Morde von Partnern und Ex-Partnern einzeln aufschlüsseln. Reine Zahlen, ohne Motivlage. Im Jahr 2024 wurden demnach 132 Frauen umgebracht. Beinahe jeden dritten Tag eine. Im selben Jahr starben 24 Männer durch Partnerschaftsgewalt.  

Was erhöht das Risiko für einen Femizid innerhalb einer Beziehung – und was sind Warnzeichen? 

Diverse wissenschaftliche Studien haben mögliche Risikofaktoren in Beziehungen untersucht. Laut des Forschungsprojekts "Polizeiliche Gefährdungsanalysen zu Tötungsdelikten in Partnerschaft und Familie" zählen zu den identifizierten Risikofaktoren demnach frühere, schwere Gewalttaten des Partners – auch wenn es nicht in allen Fällen eine Gewaltvorgeschichte gab. Weitere Warnzeichen seien unter anderem suizidales Verhalten aufgrund von Beziehungsproblemen, auffälliges Interesse an ähnlichen Gewalttaten, Verhaltensänderungen und Tatandrohungen, egal, ob gegenüber dem Partner oder gegenüber Dritten. Ein heikler Moment sei, wenn der Ex-Partner erkennt, dass eine Trennung endgültig ist. Beispielsweise durch einen Scheidungstermin oder Auszug. Eine Studie des Instituts für Polizei und Sicherheitsforschung der Rechtspsychologin Luise Greuel nennt das Kennenlernen neuer Partner oder Sorgerechtsverfahren als weitere kritische Faktoren. Ein mehrfach überarbeiteter Fragebogen der amerikanischen Wissenschaftlerin Jacquelyn Campbell enthält Fragen wie: "Hat er Sie jemals zum Sex gezwungen?", "Hat er versucht, Sie zu erwürgen?" oder "Wurden Sie jemals von ihm geschlagen, als Sie schwanger waren?" Je mehr Fragen mit Ja beantwortet werden, desto höher ist das Risiko für die betroffene Frau.

Wer sind die Opfer?

Da sich Femizide in allen Gesellschaftsschichten ereignen, sind auch die Opfer sehr divers. Zudem wird meist mehr zu den Tätern als zu den Opfern geforscht. Angaben zu den Opfern ermöglichen daher nur eine Annäherung. Laut einer Studie des Instituts für Menschenrechte zu Femiziden sind die größten Opfergruppen Mädchen unter 14 und Frauen über 60. Andere Untersuchungen kommen teilweise zu anderen Ergebnissen. So erfasste der “Monitor Gewalt gegen Frauen” aus dem Jahr 2023, dass Frauen zwischen 18 bis 20 Jahren und Frauen mittleren Alters, zwischen 21 und 59 Jahren 2023 am häufigsten von Femiziden betroffen gewesen seien. 

Eine umfassende Studie der Universität Tübingen, die hunderte Fälle aus dem Jahr 2017 analysierte, bestätigte, was die Forschung schon lange besagt: Die meisten Frauen werden im Moment der Trennung getötet.  

Von diesen Partnerschaftstötungen sind Frauen mit Migrationshintergrund überproportional häufig betroffen. Laut den Forschern aus Tübingen hatten bis zu 59 Prozent der Opfer Migrationshintergrund. Die Erklärung der Forscher: Die Frauen hätten die Möglichkeit gesehen, in Deutschland ein selbstbestimmtes Leben zu führen und wollten sich deswegen von ihrem Partner lösen. Weitere Risikofaktoren sind eine schlechte sozioökonomische Lage oder psychische Erkrankungen.

Wer sind die Täter? 

Den typischen Täter gibt es nicht. Männer, die ihre Partnerinnen töten, sind jung und alt, leben auf dem Land und in der Stadt, sie kommen aus allen gesellschaftlichen Schichten. Man weiß aber zumindest, dass ein Großteil der Täter zwischen 26 und 55 Jahre alt ist. Auch die Umstände von Femiziden sind individuell, aber sie ähneln sich. Die Täter haben meist einen hohen Besitzanspruch, leben nach patriarchal geprägten Rollenbildern. Ein im Sommer 2025 vorgestellter Forschungsbericht zu Femiziden in NRW ergab, dass es im Vergleich zu anderen Tötungsdelikten – und ähnlich wie bei den Opfern von Femiziden – überproportional viele Täter nicht-deutscher Staatsangehörigkeit gibt: rund ein Viertel. Laut einer Femizid-Studie der Universität Tübingen und des Kriminologischen Instituts Niedersachsen hatten bei Partnerschaftstötungen in Zusammenhang mit Trennung oder Eifersucht sogar zwei Drittel der Täter einen Migrationshintergrund. 

Wieso ist der Anteil von Migranten unter den Tätern so groß? 

Wenn beide Partner aus einem patriarchalisch geprägten Land stammen, könne dies bei Trennungskonflikten wie ein "Katalysator" wirken, heißt es in der Studie "Femizide in Deutschland". Viele zugewanderte Frauen versuchten, in Deutschland ein selbständiges Leben zu führen. Zum traditionellen, oft sexistischen Rollenbild mancher Täter gehöre, der Familienversorger zu sein und die Partnerin zu kontrollieren. 44 Prozent der Täter, die ihre Frau in einem Trennungskonflikt töteten, waren arbeitslos. Ohne Arbeit, sozial schlecht eingebunden, könnten sie die Erwartung an die eigene Rolle nicht erfüllen. Die Beziehung könne dann zur wichtigsten Quelle von Selbstwert werden. Wenn ihre Frauen sich emanzipieren, sich aus der Beziehung lösen wollen, sähen Täter dies als Bedrohung. Zudem haben zugewanderte Frauen weniger Netzwerke und es mangele an Unterstützung durch ihre Herkunftsfamilien. 

In anderen Ländern sollen Fußfesseln Femizide verhindern – wird es sie auch in Deutschland geben? 

In Spanien müssen Männer, die ihre Ex-Partnerin bedrohen, schon seit 2009 Fußfesseln tragen, wenn ein Gericht dies anordnet. Mit GPS-Signalen können sowohl der Standort des möglichen Täters als auch der Frauen überwacht werden. Frauen sollen damit nicht nur in ihrer Wohnung oder am Arbeitsplatz geschützt werden, sondern erhalten auch im öffentlichen Raum eine Warnung aufs Handy, wenn sich der Mann ihnen nähert. Laut der Madrider Staatsanwältin Teresa Peramato wurde keine Frau, die an dem Modell teilgenommen hatte, getötet. Das Bundesjustizministerium brachte im vergangenen August einen Gesetzesentwurf auf den Weg, der vorsieht, dass auch deutsche Gerichte Gefährder zum Tragen einer Fußfessel verpflichten können. Kritiker warnen jedoch davor, Fußfesseln als Allheilmittel zu betrachten. Um Femizide nachhaltig zu bekämpfen, müssten viele Faktoren zusammenkommen. 

Das gesamte Rechercheteam: Ingrid Eißele, David Holzapfel, Jana Luck, Johanna Wagner, Isabelle Zeiher 

Verifikation: Michael Lehmann-Morgenthal, Christian Schwan, Andrea Wolf

Grafik: Catharina Cerny,  Nikolas Janitzki

Digitales Storytelling & Datenvisualisierung: Tatjana Anisimov-Wippermann, Nils Erich, Patrick Rösing

Koordination: Johanna Wagner, Isabelle Zeiher

Leitung: Félice Gritti, Marc Neller

Warum sind Femizide keine "Beziehungstaten" oder "Liebesdramen"? 

In vielen Texten werden mutmaßliche Femizide oder versuchte Femizide als Beziehungstat oder als Liebesdrama oder Familientragödie bezeichnet. Experten halten diese Begriffe für problematisch, weil sie diese Verbrechen verharmlosen. Der kriminalistische Begriff der Beziehungstat zeigt zunächst nur an, dass es eine irgendwie geartete Beziehung zwischen Täter und Opfer gab – verschleiert damit laut Kritikern aber, dass die Opfer nahezu immer Frauen sind. Und dass ein strukturelles Problem hinter solchen Taten liegt. Femizide sind keine tragischen, privaten Angelegenheiten, sondern ein gesellschaftliches Problem. Die Taten werden auch nicht aus Liebe begangen, wie der Begriff "Liebestat" suggeriert.