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Jagoda Marinić Warum Einwanderung kein Risiko ist, sondern eine Chance

Die deutsche Staatsbürgerschaft war schon immer ein heikles Thema in politischen Kreisen. Vielleicht zu heikel?
Die deutsche Staatsbürgerschaft war schon immer ein heikles Thema in politischen Kreisen. Vielleicht zu heikel?
© getty images
Wie ein Herrscher will die CDU bestimmen, wer zu Deutschland gehört. Dadurch würgt sie den Motor ab, der unsere Gesellschaft antreibt

"Der Staat bin ich!", soll Ludwig XIV. gerufen haben und hat wohl damals, um 1655, schon die deutschen Konservativen vorausgedacht. Sobald es um Staatsbürgerschaftsdebatten geht, lautet deren Motto seit Helmut Kohl nämlich: "Der Staat sind wir!" Sie wollen bestimmen, wer Deutscher ist! Natürlich definieren Regierungen das Staatsbürgerschaftsrecht, doch Teile der CDU und FDP reden bei jedem Neuaufschlag der Debatte so, als hätten sie ihre eigene Politik der letzten Jahrzehnte verschlafen.

So dürfte es eigentlich nur am rechten Rand klingen: Die Ampel verramsche den deutschen Pass, der Pull-Faktor steige. Und natürlich wedelt man mit dem angeblichen Loyalitätskonflikt der Doppelstaatler, als wären zwei Pässe für viele Europäer nicht längst Normalität. Seit Langem kann man unter gewissen Auflagen nach acht Jahren deutscher Staatsbürger werden. Wozu der scheinheilige Aufschrei von CDU und FDP bei der Herabsenkung auf fünf, wenn sie bei acht einverstanden waren?

Fehlende Anerkennung der Gastarbeiter

Ich gebe zu, die fünf Jahre lassen mich schlucken. Meine Elterngeneration verbrachte das Leben im Dienste der Wertmarke "Made in Germany". Die Einbürgerung blieb jedoch immer schwierig für viele ungebildete Arbeitskräfte. Ihr charmantes Pidgin-Deutsch wurde nie anerkannt.

Manchmal tut sie schlicht weh, die fehlende Anerkennung der enormen Leistung dieser ersten Millionen Einwanderer im Nachkriegsdeutschland. Es tut weh, dass ihr Aufstieg bis heute keine deutsche Erfolgsgeschichte ist. Einwanderung erzählt man oft noch als Problem. Die Arbeitsamen, die Fleißigen, die still Leidenden, die ihren Beitrag leisteten, waren selten des Lobes und der Rede wert. Ja, manchmal finde ich es ungerecht, wenn neue Einwanderer so schnell Deutsche werden. Doch ich korrigiere mich und denke: Warum sollen die Nächsten auch leiden, nur weil wir damals nicht dazugehören sollten?

Integration dank Einbürgerung

Die Staatsbürgerschaft zu erwerben ist einer der größten Integrationsmotoren. In Deutschland leben inzwischen mehr als zehn Millionen Menschen ohne deutschen Pass, so viele wie noch nie. Wir müssen nach Wegen suchen, mehr Menschen in demokratische Prozesse einzubeziehen. Einwanderer sind keine Menschenschatten, die nur Flughäfen und Krankenhäuser sauber halten. Sie sind Menschen mit Familien, Träumen und Hoffnungen und hoffentlich bald auch mit Rechten.

Ich könnte jetzt wieder über den billigen Populismus von Merz und Co. toben, könnte Roland Koch erneut anfeinden für seine Unterschriftenaktion von 1999. Doch damit hinge auch meine Plattennadel im Gestern fest. Die Einwanderungsdebatte braucht aber das Heute und die Zukunft. Denn heute fehlen Deutschland bis zu einer Million Fachkräfte. Restaurants schließen, der Einzelhandel hängt Schilder aus wie zuletzt in den Achtzigern: Ab 17 Uhr geschlossen. Über den Mangel in Kliniken und Pflegeheimen wäre viel zu sagen. Meine Sorge ist eher, ob wir guten Gewissens unseren Bedarf decken dürfen, während andere Länder deshalb ausbluten.

Deutschland ist liberaler als die CDU tut

Gerade die CDU hat, aus wirtschaftspolitischen Gründen, das deutsche Zuwanderungsgesetz zu einem der modernsten der Welt gemacht. Ich wurde sogar ins Bundesamt für Migration und Flüchtlinge eingeladen, das zu feiern. Stolz auf die neue Weltoffenheit war der damalige CDU-Innenminister Thomas de Maizière. Deutschland ist so viel progressiver und liberaler, als viele seiner Debatten gerade wirken.

Wir brauchen einen Neustart für das Reden über Einwanderung. Wir sollten von Erfolgen der Vergangenheit erzählen und angstfrei an die Zukunft denken. Denn Einwanderung ist kein Risiko, sondern eine Chance.

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