Mein jüngster Sohn, neun Jahre alt, sah diese Woche einen jungen Mann auf der Straße, ein leerer Jackenärmel, ein amputierter Arm. "War das ein Soldat aus der Ukraine?", fragt er abends im Bett. Kann sein, sage ich. "Hat eine Drohne ihm den Arm abgerissen?" Kann sein, sage ich. "Wenn ich groß bin, muss ich dann auch in den Krieg?" Kann sein – aber das denke ich nur.
Das Gefühl der Woche: Kriegsangst
Und sage stattdessen, dass der Wehrdienst freiwillig ist. Dass Deutschland ein sicheres Land bleibt. Dass Team EU und Team Nato zusammenhalten und dass dieser aggressive Angeber aus den USA über seine eigenen Fehler stürzen wird. Die Wahrheit ist: All das kann sein. Oder auch nicht. Wir wissen es nicht, wir wissen nur: Was vor einer oder zwei Wochen noch als ausgeschlossen galt – Trump nimmt sich Venezuela, Trump will Grönland, Deutschland schickt jetzt Soldaten dorthin –, passiert dann tatsächlich. Krieg? Ja, kann sein.
Diese Ungewissheit stresst mich, sie zerrt an mir, sie ist einfach eingezogen, ohne zu fragen. Ich bin damit nicht allein. Viele Deutsche fühlen sich gerade in einer "beunruhigenden Zwischenwelt, in der nichts mehr gewiss ist, aber alles möglich scheint", schreiben meine Kollegen Miriam Hollstein und Martin Debes, die sich auf die Suche nach der neuen deutschen Angst gemacht haben. Etwa die Hälfte von uns denkt, Deutschland könne Kriegspartei werden. Einen Angriff auf ein anderes Nato-Land fürchten sogar 62 Prozent.
Ich bin furchtbar schlecht gerüstet für dieses "Kann sein"-Gefühl. Krieg und Krisen waren immer woanders, weit weg. In Deutschland hingegen: Frieden, Regeln, Eierkuchen. Wie gern würde ich das Gefühl einfach vor die Tür setzen, raus mit dir! Tür zu, Ohren und Augen auch. Auf in ein neues Biedermeier! Was ich nicht sehen will, das gibt's auch nicht – klingt das nicht zumindest ein bisschen verlockend?
Nix Biedermeier: viel wissen, viel diskutieren, genau hinschauen
"Deutsche neigen zum Langzeitdenken, sind gleichzeitig aber wenig tolerant gegenüber Ungewissheit", schlaubergert die Nato-Militärexpertin Florence Gaub. Ende letzten Jahres saß ich bei Gaub im Büro, wir sprachen über Angst, Zukunft und Zukunftsangst. "Wer über das Morgen grübelt, dort aber Vorhersehbarkeit erwartet, hat in Zeiten wie diesen keine Resilienz", meint sie. Erwischt. Ihr Rezept gegen die Angst vor der Ungewissheit: viel wissen, viel diskutieren, genau hinschauen. Nix Biedermeier.
Der Sticker der Woche ...
… ist diesmal eine Fliese im Hamburger Kellinghusenbad. Sie will sagen: Für jede Notlage gibt es irgendwo auf der Welt den richtigen Knopf. Man muss ihn nur finden. Und dann beherzt draufdrücken
Okay, verstanden. Resilienz bedeutet nicht, dass wir angstfrei sind. Sondern dass die Ängste ihren Platz haben dürfen, gut sichtbar und daher beherrschbar sind. Meinetwegen, dann wohnt das "Kann sein"-Gefühl jetzt also bei mir, es kriegt sozusagen einen Platz auf dem Sofa: Setz dich doch, mach's dir bequem, wir können über alles reden.
Mein Kleiner – der mit den vielen Fragen zum Krieg – hat zu Weihnachten sein lang ersehntes Einrad bekommen. Er übt fast jeden Tag. Man kann auf einem Einrad böse nach vorn fallen oder nach hinten, zur Seite natürlich auch. Ob das Ding kippt und wenn ja, wohin – das kann kein Mensch wissen. "Wenn ich's endlich kann, Mama, lernst du es dann auch?", fragt er. Was soll ich sagen? Kann sein.
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