Marktl am Inn "Das Dorf wird Kopf stehen"


Der neue Papst Benedikt XVI. ist einer der ihren: Joseph Ratzinger wurde vor 78 Jahren im bayrischen Marktl am Inn geboren. Das ganze Dorf steht am Abend Kopf.

Die ganze Welt schaute gebannt auf Rom und besonders auf jenen kleinen Kamin über der Sixtinischen Kapelle auf dem Petersplatz, der signalisiert, ob ein neuer Papst gewählt ist. Noch gespannter blickten die Bewohner des kleinen bayerischen Dörfchens Marktl an der Grenze zu Österreich auf die "Ewige Stadt". Denn der neue Papst Benedikt XVI ist einer der Ihren: Joseph Ratzinger wurde hier vor 78 Jahren geboren.

Im "Oberbräu" von Marktl direkt gegenüber dem Geburtshaus des prominentesten Sohnes der Gemeinde läuft am Dienstag pausenlos der Fernseher. Schon vor der Wahl Ratzingers brachten die Einwohner ihr Mitgefühl für die schwere Aufgabe zum Ausdruck: "Das Amt wäre eine Zumutung für einen 78-Jährigen", sagte der 67 Jahre alte Josef Winichner. Stolz auf Ratzinger wären die Dorfbewohner ohnehin gewesen, auch wenn er nicht Papst geworden wäre. Für fähig halten ihn die Stammtischbrüder aber allemal. "Er wäre der geeignete Papst", meinte Winichner, noch bevor der weiße Rauch aus dem Kamin der Sixtinischen Kapelle stieg. An den Stammtischen der fünf Wirtshäuser von Marktl wird bezweifelt, ob Ratzinger wirklich Papst werden wollte. "Aber ich glaube, der Ratzinger sagt im Konklave selber, oh Herr, lass diesen Kelch an mir vorübergehen", gibt der pensionierte Schuhhausbesitzer die Meinung der Runde im "Oberbräu" wieder.

Fest auf dem Marktplatz

Der ehrenamtliche Bürgermeister von Marktl und Lehrer an der dortigen Volksschule, Hubert Gschwendtner, hatte für den nun eingetretenen Fall der Fälle vorgesorgt. Für den Abend war ein Fest auf dem Marktplatz geplant. Die Blaskapelle sollte aufspielen, die Böllerschützen Salut schießen, die Kirchenglocken unentwegt läuten. In der Dorfkirche, wo Ratzinger noch am Tag seiner Geburt, einem Karsamstag, getauft wurde, sollte es einen Dankgottesdienst geben. Gschwendtner will den aus ihrem 2700-Seelen-Dorf stammenden Papst Benedikt einladen, Marktl so bald wie möglich einen Besuch abzustatten. "Nicht sofort" solle er kommen, meint der 56 Jahre alte Rathauschef, "aber bald nach seiner Amtseinführung würden wir uns schon auf ihn freuen." Ein Papst war schließlich noch nie in Marktl am Inn. Und da der Papst nun einer der ihren ist: "Das Dorf wird Kopf stehen."

Der kleine Joseph träumte vom Kirchenamt

Der Sohn eines Gendarmeriemeisters aus Marktl am Inn wollte angeblich schon als kleiner Junge Kardinal werden - von Papst als Berufswunsch war bisher nicht die Rede. Nach Theologie- und Philosophiestudium wurde er 1951 zum Priester geweiht, mit nur 30 Jahren habilitierte er und wurde Dogmatik-Professor an der Freisinger Hochschule. Die Wissenschaft hatte ihn gepackt, später lehrte er in Bonn, Münster, Tübingen und Regensburg. Einer seiner prägenden Erlebnisse sei gewesen, als er in Tübingen während der Studentenbewegung niedergeschrien wurde. 1977 wurde er zum Erzbischof von München und Freising berufen, wenig später zum Kardinal. Der ganz große Karrieresprung kam 1981, als Papst Johannes Paul II. ihn nach Rom berief.

Von Paul Winterer, DPA DPA

Mehr zum Thema