Mehr als acht Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg soll in Hessen die Erinnerungskultur für Heimatvertriebene auch 2026 fortgeführt werden. "Vorgesehen sind Aktivitäten anlässlich des 80‑jährigen Bestehens des Landes Hessen sowie des 85‑jährigen Gedenkens an den sogenannten Stalin‑Erlass", teilten Innenministerium und Heimatvertriebenen- Landesbeauftragter Andreas Hofmeister (CDU) mit.
Der Stalin-Erlass hatte sich einstmals auf die Deportation der Russlanddeutschen in der einstigen Sowjetunion bezogen. Überdies ist 2026 unter anderem ein hessenweiter Malwettbewerb für junge Menschen zum Thema "Flucht, Vertreibung und Deportation" geplant.
Wiederaufgebaute Notunterkünfte für Heimatvertriebene
Im Rückblick auf 2025 erinnerte das Innenministerium etwa an die Eröffnung einer neuen Dauerausstellung im Freilichtmuseum Hessenpark in Neu-Anspach im Hochtaunuskreis, in der es um die Geschichte der Heimatvertriebenen geht. Die Ausstellung ist untergebracht in zwei originalgetreu wiederaufgebauten Notunterkünften für die einstigen Neuankömmlinge.
Ein weiterer Schwerpunkt im vergangenen Jahr sei die Eröffnung einer neuen Gemeinschaftsunterkunft für Spätaussiedler in Lich bei Gießen gewesen. Sie biete auch Beratung, Sprachförderung und Unterstützung im Alltag. Spätaussiedler sind Angehörige der deutschen Minderheiten in der ehemaligen Sowjetunion, die in die Heimat ihrer Vorfahren zurückkehren.
Innenminister: Entwurzelung und Entrechtung
Hessens Innenminister Roman Poseck (CDU) betonte: "Gerade mehr als 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist es wichtig, dass die Anliegen der Heimatvertriebenen und Spätaussiedler nicht in Vergessenheit geraten." Millionen Menschen hätten im 20. Jahrhundert ihre Heimat verlassen müssen. "Sehr viele Familien, auch meine eigene, haben Vorfahren und Mitglieder, die aus ihrer früheren Heimat vertrieben wurden", teilte Poseck mit. "Sie wurden entwurzelt, entrechtet und ihrer Würde beraubt.".
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Nicht mehr lange gebe es die Chance, dass sich die Menschen gemeinsam mit noch lebenden Zeitzeugen der damaligen Ereignisse an Flucht, Vertreibung und Deportation erinnern könnten. "Es liegt daher an uns, ihre Stimmen zu sichern und ihre Geschichten zu bewahren", mahnte der Innenminister.
Neue Heimatvertriebene aus der Ukraine
Zugleich wies Poseck auf den heutigen Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine hin. Hier nehme Hessen ebenfalls wieder Heimatvertriebene auf: "Auch ihr Leid ist eine Mahnung an unsere eigene Geschichte, Menschlichkeit zu leben, Frieden zu verteidigen und Freiheit zu schützen."
Hessen war nach Ende des Zweiten Weltkriegs US-Besatzungszone. Bis 1950 gelangten Historikern zufolge etliche Hunderttausende Heimatvertriebene aus dem Osten und Südosten in das junge Bundesland, womöglich sogar bis zu rund einer Million, auf der Suche nach einer neuen Heimat außerhalb des sowjetischen Einflusses. Die meisten waren Sudetendeutsche, Schlesier und Ostpreußen.
Aus Sicht von Historikern gilt die Integration der einstigen Vertriebenen in Hessen nach dem Zweiten Weltkrieg trotz zahlreicher individueller Probleme als insgesamt erfolgreich.