Fahrsicherheit im Alter Autofahren im Alter - Praxis-Checks für mehr Sicherheit?

Versicherer empfehlen Autofahrern und Autofahrerinnen ab 75 sogenannte Rückmeldefahrten zur neutralen Bewertung der eigenen Fahr
Versicherer empfehlen Autofahrern und Autofahrerinnen ab 75 sogenannte Rückmeldefahrten zur neutralen Bewertung der eigenen Fahrtüchtigkeit. (Symbolbild) Foto
© Wolfram Kastl/dpa/dpa-tmn
Fahrsicherheit im Alter – kein einfaches Thema. Gerade in einem Flächenland wie MV geht es dabei auch um Unabhängigkeit und Selbstständigkeit. Versicherer empfehlen Praxis-Tests der Fahrtüchtigkeit.

Ob Arztbesuch, Besuch bei der Familie oder Wocheneinkauf – gerade in einem vielerorts ländlich geprägten Bundesland wie Mecklenburg-Vorpommern führt häufig kein Weg am Auto vorbei – auch für ältere Menschen. Es ermöglicht Selbstständigkeit und ein Stück weit Freiheit.

Entsprechend "emotional belastet" ist das Thema Fahrsicherheit im Alter nach Aussage Kirstin Zeidlers, Leiterin der Unfallforschung der Versicherer (UDV) im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. "Man sagt das ungern dem eigenen Vater oder der eigenen Mutter, dass sie besser das Auto stehen lassen sollten, wenn man bezweifelt, ob sie noch sicher mit dem Auto unterwegs sind."

Vonseiten der Städte und Kreise in Mecklenburg-Vorpommern kommt teils die Warnung vor Verallgemeinerungen. Seniorinnen und Senioren könnten ausdrücklich nicht pauschal als "Problemgruppe" eingestuft werden, heißt es vom Landkreis Ludwigslust-Parchim. Eine Sprecherin der Stadt Schwerin betonte: "Alter allein sagt nichts über die Fahrtüchtigkeit eines Menschen aus. Ältere Menschen fahren häufig besonders vorsichtig und verantwortungsvoll."

Sie verweist etwa auf Zahlen des Statistischen Bundesamtes, nach denen ältere Menschen, wenn sie in Unfälle verwickelt sind, zwar häufig Hauptverursachende sind. Gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil sind sie demnach aber seltener in Unfälle verwickelt.

"Badewannen-Kurve" beim Unfallrisiko

In Mecklenburg-Vorpommern waren Menschen zwischen 65 und 75 Jahren 2024 laut Unfallstatistik seltener Verursacher von Verkehrsunfällen als im Jahr davor. Laut Verkehrsunfallstatistik des Schweriner Innenministeriums ging die entsprechende Zahl von 583 im Jahr 2023 auf 557 zurück. Anders sieht es jedoch bei Senioren ab 75 Jahren aus. Diese galten demnach 2023 bei 453 Unfällen als Verursacher und 2024 bei 482 Unfällen.

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Nach Aussage Zeidlers sind absolute Unfallzahlen aber nur die halbe Wahrheit. Ältere Menschen würden durchschnittlich kürzere Strecken fahren, etwa weil der tägliche Weg zur Arbeit oder auch die weite Autoreise wegfällt. Gemessen an der Fahrstrecke sei die Beteiligung an Unfällen mit Personenschäden höher. "Ab 75 Jahren steigt das Unfallrisiko deutlich."

Zeidler spricht mit Blick auf die Statistik von einer "Badewannen-Kurve". Diese zeige ein höheres fahrleistungsbezogenes Unfallrisiko bei jüngeren Fahrern und Fahrerinnen zwischen 18 und 24 Jahren, etwa wegen fehlender Fahrerfahrung oder eines riskanteren Fahrstils. Im mittleren Alter sinke das Risiko wieder, bevor es im höheren Alter erneut ansteige.

Freiwillige Abgabe der Fahrerlaubnis eher selten

Dabei sind laut Zeidler in erster Linie nicht unbedingt altersbedingte Krankheiten maßgeblich, sondern vielmehr Konzentrationsfähigkeit, Reaktionsgeschwindigkeit oder Aufmerksamkeit. Diese ließen im Alter nach. Dadurch komme es gerade in komplexeren Verkehrssituationen, etwa an Kreuzungen, zu Vorfahrts- oder Abbiegefehlern.

Dass ältere Autofahrer oder -fahrerinnen freiwillig ihre Fahrerlaubnis abgeben, kommt in Mecklenburg-Vorpommern höchstens vereinzelt vor. Einer Umfrage der Deutschen Presse-Agentur bei den zuständigen Stellen zufolge erfolgt die Rückgabe häufiger, nachdem zuvor schon eine Eignungsüberprüfung eingeleitet wurde. Dies kann etwa nach Hinweisen der Polizei passieren, wenn diese Anhaltspunkte für eine eingeschränkte Fahreignung sieht.

Ein Sprecher des Landkreises Nordwestmecklenburg erklärte, ältere Menschen ließen mitunter auch einfach das Auto stehen, etwa auf Initiative von Familienangehörigen. "Viele Betroffene akzeptieren beziehungsweise beschließen eine solche Zäsur auch, ohne dass auf die Fahrerlaubnis verzichtet wird. Sie machen dann einfach keinen Gebrauch mehr von ihrer Fahrerlaubnis."

Versicherer empfehlen Rückmeldefahrten

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) sieht in sogenannten Rückmeldefahrten für Menschen ab 75 Jahren eine geeignete Maßnahme für mehr Fahrsicherheit. Dabei fahren laut Zeidler die Teilnehmer 45 Minuten in ihrem eigenen Wagen unter Beobachtung eines Experten und durchfahren auch komplexere Verkehrssituationen. Die Experten geben dann Rückmeldung. Diese reiche von einer Bestätigung der umfassenden Fahrkompetenz über Empfehlungen, etwa nur bekannte Strecken, nicht nachts oder nicht während Stoßzeiten zu fahren bis hin zur Empfehlung, das Auto besser stehenzulassen.

"Das Expertenurteil nimmt man mit nach Hause. Es geht an keine Behörde oder sonst wen, sondern ist vertraulich", sagte Zeidler. Dies sei wichtig für die Akzeptanz. Teils käme ein Urteil auch besser an, wenn es von einem Experten, statt von einem Familienmitglied komme. Untersuchungen hätten gezeigt, dass sich Fahrer die Bewertung zu Herzen nähmen und bei nachfolgenden Fahrten weniger Fehler machten.

"Es geht darum, das Autofahren möglichst lange zu erhalten, aber sicherer zu machen. Wir würden das gern als verpflichtend vorsehen", sagte Zeidler. Andernfalls erreiche man nicht alle diejenigen, die ihre Fahrkompetenz zu Unrecht als gut einschätzten. Zeidler würde derartige Rückmeldefahrten gern positiv besetzt sehen, ähnlich einer "ärztlichen Vorsorgeuntersuchung".

Freiwillige Tests nicht für Ältere

Das Schweriner Innenministerium nennt das Projekt "Apropos Verkehrssicherheit III" der Landesverkehrswacht beispielhaft. In Seminaren würden Teilnehmer unter anderem für altersbedingte Einschränkungen der Fahrtüchtigkeit sensibilisiert und lernten Möglichkeiten kennen, wie sie diese kompensieren können. Praktische Tests bieten unter anderem der TÜV, der ADAC, die Dekra und teils auch Fahrschulen an.

Der Dekra-Mobilitäts-Check etwa richtet sich nicht nur an Senioren und Seniorinnen: Auch Menschen mit chronischen Erkrankungen, Menschen, die auf bestimmte Medikamente angewiesen oder von abnehmendem Hör- und Sehvermögen oder Problemen der Beweglichkeit betroffen sind oder in Unfälle verwickelt waren, soll er helfen – und auch allen anderen, "die sich unsicher beim Fahren fühlen und eine neutrale Bewertung wünschen".

dpa

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