Die erste und einzige Dauerausstellung in Deutschland zu dem Philosophen Immanuel Kant (1724-1804) ist von Donnerstag an in Lüneburg zu sehen. Acht Millionen Euro kostete der 700 Quadratmeter große Anbau des Ostpreußischen Landesmuseums in der Altstadt der Hansestadt. Drei Etagen sind den essenziellen Fragen des Lebens gewidmet, die sich der Denker der Aufklärung aus dem früheren Königsberg stellte.
"Er ist wichtig wie selten, aber unheimlich kompliziert", meint Museumsdirektor Joachim Mähnert. Themen wie Vernunft, Aufklärung und Bildung werden mit der heutigen Zeit verglichen und erklärt. "Was bedeutet Wissenschaft, was die Künstliche Intelligenz? Wahrheit oder Fake News? Gibt es Grenzen der Erkenntnis?" lauten einige Fragen des streitbaren Philosophen, der die Existenz Gottes infrage stellte. "Wir wollen, dass die Leute hier rausgehen und sich fragen, wie kann man mit dem heutigen Wissen Zukunft gestalten", sagt der Historiker.
Besonders imposant ist der Blick in einen Sternenhimmel in der Mitte des Neubaus - im Rundblick sind die Themenfelder angerissen, die Kant bearbeitete. Und eines scheint dem Junggesellen besonders wichtig gewesen zu sein: das kritische, selbstständige Denken.
Champagnerglas als ältestes persönliches Objekt
Geschirr, Münzen und ein berühmtes Champagnerglas: Die nach eigenen Angaben weltgrößte Sammlung zu Kant ist in Vitrinen ausgestellt. Das Museum hatte 2016 die umfangreiche Sammlung aus Duisburg mit Objekten des Philosophen übernommen, auch Gegenstände aus seinem Haushalt wie eine Haarlocke und Porträts. Damit habe man etwa 80 Prozent der erhaltenen Originalstücke im Haus.
"Kant ist immer in seiner Heimat geblieben, war nie verheiratet, hatte keine Kinder oder Erben", erzählt Mähnert. Das älteste Objekt sei ein Champagnerglas, das man aus Privatbesitz erstanden habe. Damit habe er mit Freunden auf das Kriegsende 1763 angestoßen. Überhaupt war der nur 1,58 Meter große Sohn eines Handwerkers, der früh Waise wurde und sein Studium mit Billard- und Kartenspielen aufbesserte, ein geselliger Mensch.
Er stand frühmorgens um 4.45 Uhr zum Studieren auf - sein Diener musste im Morgengrauen Tee und Pfeife bereithalten - zur Mittagsmahlzeit lud er dann regelmäßig Reisende, Seeleute, Kaufleute und Pastoren zu anregenden Diskussionen ein. "Er war kein weltfremder Stubengelehrter und galt als unglaublich witzig", berichtet Mähnert.
Mit Virtual-Reality-Brillen können Besucher in eine dreidimensionale Welt eintauchen. Königsberg, damals die fünftgrößte Stadt im deutschsprachigen Raum, wurde mittels KI historisch fundiert virtuell rekonstruiert. Kant führt als Avatar durch seine Heimatstadt. Der Philosoph Tim Kunze kuratierte die Ausstellung.
Vertriebene siedelten sich in Lüneburg an
Das von der Ostpreußischen Kulturstiftung getragene Museum wird vom Bund und vom Land Niedersachsen institutionell finanziert. Von den acht Millionen Euro Baukosten für den Kant-Anbau trägt der Bund 5,7 und das Land 2,3 Millionen Euro.
Ostpreußen wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen der damaligen Sowjetunion und Polen aufgeteilt, seine frühere Hauptstadt Königsberg in Kaliningrad umbenannt.
Bis zu 14 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene kamen 1945 aus den deutschen Ostgebieten und weiteren Regionen im östlichen Europa. Nach dem Krieg siedelten sich viele Vertriebene in Lüneburg an, die Bevölkerung wuchs damals um mehr als die Hälfte. "Die Lüneburger Heide wurde auch das kleine Ostpreußen genannt", berichtet Mähnert.
Zur Eröffnung lädt das Kant-Museum bis Sonntag zu einer Festwoche ein. Bei freiem Eintritt gibt es Führungen, Kurzformate, Blicke hinter die Kulissen der Ausstellung, Gespräche mit den Kuratoren, Gestalterinnen und Architekten.