Mit ihren gepunkteten Kürbissen, Netzen und Tentakeln ist die 96 Jahre alte Yayoi Kusama ein Social-Media-Star. Bilder mit ihr und ihren Kunstwerken werden millionenfach geklickt, sodass sie heute oft sogar als die bekannteste Gegenwartskünstlerin überhaupt beschrieben wird. Das Museum Ludwig in Köln zeigt jetzt zu seinem 50-jährigen Bestehen eine umfassende Retrospektive der Japanerin. 300 Werke aus 70 Jahren sind zu sehen.
Das Spektakulärste ist ein riesiger Raum, der ganz von gepunkteten Krakenarmen durchzogen wird. Als Besucher läuft man dazwischen umher und geht ganz in dem psychedelischen Punkte-Kosmos auf. Das gilt vor allem, wenn man auch noch einen in der Mitte platzierten "Infinity Room", einen Spiegelraum, betritt, in dem sich der Tentakelwald fortsetzt. Die Ausstellung dürfte schon deshalb ein Erfolg werden, weil man sich kaum eine bessere Selfie-Location denken kann.
Schon Kinderbilder von ihr sind mit Punkten übersät
Neben diesem Erlebnis-Charakter taucht der Besucher aber auch tief ein in das Leben der Welten-Schöpferin. Die allgegenwärtigen Punkte sind gar nicht so harmlos, wie es scheint. Schon ihre ersten Kinderbilder sind davon übersät. Der Grund: Sie wurde von Halluzinationen heimgesucht, fühlte sich von Punkten und Blüten überwuchert, in Netzen gefangen. "Das hat ihr natürlich Angst gemacht", sagt Kurator Stephan Diederich. "Und das hat sie schon als Kind in Kunst umgesetzt."
Getröstet fühlte sie sich dagegen von Kürbissen, die sie auch zu sich sprechen hörte. "Die lustige Form des Kürbisses, seine Wärme und menschliche Ähnlichkeit haben mich sehr inspiriert", sagte sie dazu in einem Interview. Heute sind gerade die von ihr geschaffenen Riesenkürbisse mit dem unvermeidlichen Punkte-Muster ein Hit auf Instagram.
Die Psychiatrie als Rückzugsort
Als junge Frau ging Kusama nach New York, erlebte dort Flower-Power und Pop Art. Die Punkte folgten ihr, sie zeigte sie jetzt auf ihrem nackten Körper - Body Painting. Erstaunlich ist, wie sie sich trotz aller psychischen Probleme als Frau in einer Männerwelt behauptete und mit schlagzeilenträchtigen Happenings Beachtung sicherte. Nach Tokio zurückgekehrt, zog sie freiwillig in eine psychiatrische Klinik, die ihr "safe space" wurde. Dort lebt sie nun schon 50 Jahre, mit ihrem Atelier gleich gegenüber.
Heute klettert sie in den Rankings der einflussreichsten Künstler immer höher, für ihre Werke werden Millionen gezahlt. "Die Bilder zu machen, war eine große Hilfe für meine Seele", sagt sie selbst dazu. Viele bestehen aus Abertausenden von Punkten - "es ist unfassbar, dass ein einzelner Mensch das schaffen kann", sagt Diederich. Und noch immer malt die Künstlerin jeden Tag.
So wie sie zu arbeiten, hat etwas Manisches, aber auch Kontemplatives. Der zentrale Gedanke dahinter: Unendlichkeit, Selbstauflösung im Kosmos. Der Mensch ist nur ein Punkt in einem unermesslichen Ganzen, ein Tropfen im Ozean. Ob das nun eher furchteinflößend oder beruhigend ist, muss jeder Besucher, jede Besucherin für sich selbst entscheiden.