75 Jahre Rennsteiglied
Zwischen Kitsch, Kultur und Identität: Rennsteiglied wird 75

Mit dem Rennsteiglied setzte der Volksmusikant Herbert Roth vor 75 Jahren seiner Heimat ein musikalisches Denkmal. (Archivbild)
Mit dem Rennsteiglied setzte der Volksmusikant Herbert Roth vor 75 Jahren seiner Heimat ein musikalisches Denkmal. (Archivbild) Foto
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Mindestens ein Olympia-Sieger beherrscht es und ein Ministerpräsident ist Fan: Nach 75 Jahren gehört das Rennsteiglied zum Kulturerbe Thüringens und beschäftigt auch die Politik.

Ob Herbert Roth damit gerechnet hatte? Auch 75 Jahre, nachdem er es als Komponist und Sänger erstmals öffentlich vorgetragen hatte, wird das Rennsteiglied noch gefeiert. Oft wird es als "heimliche Hymne" Thüringens beschrieben; es gilt als musikalische Liebeserklärung des Suhlers Roth (1926-1983) an seine Heimat. 

Als Roth und seine Instrumentalgruppe das Rennsteiglied 1951 zum ersten Mal in einem Gemeindesaal in Hirschbach bei Suhl öffentlich spielten, soll es – so die Überlieferung – mit heftigem Applaus gefeiert worden sein. In den drei Strophen geht es um die Verbundenheit zur Natur und die Freude am Wandern und natürlich um den Rennsteig – den nicht ganz 170 Kilometer langen Höhenwanderweg im Thüringer Wald.

Die Zeile "Am Rennsteig, wo ich wandere" soll Roth selbst geschrieben haben, später dichtete sein Jugendfreund Karl "Kaschi" Müller (1925–2011) den Text mit der bekannten Anfangszeile "Ich wandre ja so gerne am Rennsteig durch das Land".

Gerümpfte Nasen und dann doch Kult

Das Lied löste nicht nur Begeisterung aus. Musikhistorikern zufolge warfen DDR-Funktionäre dem 1944 zur Kriegsmarine eingezogenen Roth Kitsch vor und witterten hinter der besungenen Heimatliebe Nationalismus. Später soll ihn dann aber SED-Chef Walter Ulbricht zu einem Privatkonzert eingeladen und die Musik goutiert haben. Roth und das Rennsteiglied wurden in der DDR zum Kult.

So blieb das auch nach dem Fall der Mauer, und über die Jahre entdeckten auch bekannte Musiker das Lied für sich: Florian Silbereisen und die Wildecker Herzbuben haben es gesungen, auch von Gunther Emmerlich gibt es Aufnahmen. 

Textsicherer Olympia-Sieger

Immer wieder tauchen im Netz Versionen auf: Auf der Video-Plattform Youtube gibt es mehrere Clips, die im Laufe der Zeit zigtausende Mal geklickt wurden. Ein Video, in dem Roth selbst zu sehen ist, zählt demnach mehr als eine Million Aufrufe. Auch beim Musik-Streaming-Dienst Spotify ist die Hymne zu finden. 

Dass auch jüngere Generationen das Lied beherrschen, bewies etwa der Thüringer Spitzen-Rodler Max Langenhan (27), als er im Februar nach seinem Olympia-Sieg in Italien mit angereisten Fans textsicher die Zeilen sang und auch den früheren Chef des Internationalen Olympischen Komitees Thomas Bach zum Mitklatschen brachte.

In Kulturerbe-Reihe mit Bratwurst und Karneval 

Obendrein erfolgte dieses Jahr quasi der kulturelle Ritterschlag: Thüringen nahm das Singen des Rennsteiglieds in seine Liste des immateriellen Kulturerbes auf. Dort findet sich etwa auch die Karnevalstradition Ostdeutschlands, das Skatspielen und die Thüringer Bratwurstkultur. 

In der offiziellen Einordnung dazu heißt es, dass das eingängige Lied die Liebe zum Thüringer Wald und das Wandern auf dem Rennsteig beschreibe. Gesungen werde es in Thüringen zu vielen Anlässen, auf Wanderungen, bei Volksfesten und Sportveranstaltungen. "So stiftet das Rennsteiglied Identität, stärkt den Gemeinsinn und vermittelt ein Gefühl von Heimat und Zugehörigkeit."

Ein Ministerpräsident mit Mission

"Heimat ist ein besonderes Gefühl. Und dieses Gefühl hat niemand so wunderbar in Noten gegossen wie Herbert Roth, der in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte", so die Einschätzung von Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt. Die Liedzeilen erzählten "von Menschen, die hinausgehen in die Welt – und doch im Herzen wissen, wo sie hingehören", so der CDU-Politiker, der laut Staatskanzlei selbst Fan des Lieds ist. 

Noch deutlicher in seiner Begeisterung für das Liedgut wurde Voigt in seiner Regierungserklärung am 27. März im Landtag in Erfurt: Darin sagte er, dass an allen Thüringer Schulen das Rennsteiglied gelehrt werden solle, "weil wir auch wollen, dass unsere Traditionen und unsere Geschichte geschätzt und wertgeschätzt werden".

dpa