Schluss mit "Hitlerisierung" Britische Schulen entdecken Nachkriegsdeutschland


Ja, es gibt eine deutsche Geschichte nach Hitler - diese profane Ansicht soll nun auch britischen Schülern nahe gebracht werden. Die Schulbehörde hat dazu neue Lehrpläne entwickelt und baut auf die Fußball-Weltmeisterschaft.

Es gibt eine Schreckensvision für die deutsch-britischen Beziehungen im Jahr 2006. Der Schauplatz ist Nürnberg, das Datum der 15. Juni. Der harmlose Anlass ist das Spiel der Fußballweltmeisterschaft zwischen England und Trinidad/Tobago. Ein paar Bier, ein paar Schnäpse. Ein paar Hitlerwitze, wie Briten sie immer noch lieben. Dann dürften nach Ansicht der "Times" englische Fans soweit sein, dass sie unter den Augen deutscher Polizisten "im Stechschritt marschieren, den rechten Arm zum Gruß ausgestreckt und den linken Zeigefinger über der Oberlippe".

Wenig spricht dafür, dass neue britische Lehrpläne für den Geschichtsunterricht über Deutschland, die jetzt mit Beginn des Jahres in Kraft traten, derart peinliche Szenen im Sommer noch verhindern können. Dafür kommen sie um Jahrzehnte zu spät. Wenigstens wollen Lehrer, wie das Blatt "Daily Mirror" schrieb, das riesige Interesse am Fußball-Weltcup nutzen, um "Teenagern zu erklären, dass es eine deutsche Geschichte nach Hitler gibt".

60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, sagt auch Ken Boston, der Direktor des staatlichen Lehrplanzentrums, müssten britische Schulen endlich stärker "im Unterricht vermitteln, was in Deutschland nach 1945 geschah". Zu der Einsicht, dass Schluss gemacht werden sollte mit der "Hitlerisierung" des Geschichtsunterrichts für 11- bis 14-Jährige, war im Dezember eine vom Bildungsministerium berufene Expertengruppe gekommen.

Der scheidende deutsche Botschafter Thomas Matussek, der die Bundesrepublik künftig bei den UN vertreten soll, kann sich darüber freuen. Er hatte keine Gelegenheit ausgelassen, um vor einem verzerrten Deutschlandbild zu warnen und auf die Hitler-Besessenheit vieler Briten hinzuweisen. Schon seine Vorgänger kämpften gegen den weit verbreiteten Verdacht an, dass viele Deutsche im Herzen Nazis geblieben seien.

Zweifel, dass die britische Begeisterung für Naziwitze abklingt

Was die Lehrpläne bewirken, mit denen nun stärker jene guten Deutschen vorgeführt werden sollen, die auf den Trümmern des Nazireiches eine friedliche Demokratie aufbauten, bleibt abzuwarten. Dass der Unterricht etwas an der morbiden britischen Begeisterung für Naziwitze und Naziverballhornungen ändern könnte, wie sie im letzten Jahr durch Prinz Harrys Hakenkreuz-Kostümierung einmal mehr zum Ausdruck kam, wird in London bezweifelt.

"Die Meinungsverschiedenheit über die Humortauglichkeit Hitlers ist vielleicht der größte Kulturkonflikt zwischen Briten und Deutschen", schrieb der angesehene Kolumnist Simon Barnes. "Und ich sehe wirklich nicht, wie das beim Fußball-Festival im Sommer umgangen werden kann." Der Autor hatte vor einigen Jahren den Rennfahrer Michael Schumacher mit einem Gestapo-Offizier verglichen. "Solche Witze", schrieb er jetzt, "sind sogar noch lustiger, wenn Deutsche sie missvergnügt miterleben."

Thomas Burmeister/DPA DPA

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