DNA-Spur zu Tatverdächtigem
Fall Amy Lopez - Wie winzige Spuren Mörder enttarnen können

Das Landeskriminalamt in Hessen ist führend in der Analyse winziger DNA-Spuren. (Archivbild) Foto: Boris Roessler/dpa
Das Landeskriminalamt in Hessen ist führend in der Analyse winziger DNA-Spuren. (Archivbild) Foto
© Boris Roessler/dpa
Wie kann man nach Jahrzehnten noch entscheidende DNA-Spuren finden? Anderthalb Wochen nach der Festnahme im Fall Amy Lopez erzählt ein Experte, der auch den Mord von Walter Lübcke mit aufklärte.

Wenn Ermittlungen zu Kapitaldelikten stocken, können Fachleute des Landeskriminalamtes (LKA) Hessen entscheidend weiterhelfen. Sie sind spezialisiert auf die Analyse winziger DNA-Spuren. Das Team um Harald Schneider war schon am Fall des ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke maßgeblich beteiligt. Nun führte es die Polizei über 30 Jahre nach dem Mord an Amy Lopez in Koblenz auf die Spur des Tatverdächtigen. Wie geht das?

Die Zauberwörter heißen: selektive Hautschuppenanalyse. Grob gesagt wird dabei aus winzigen Hautbestandteilen, die beispielsweise auf Tatwerkzeugen oder auf Kleidung und Körpern von Opfern haften, DNA isoliert und mit anderen DNA-Proben abgeglichen. Dahinter steckt viel Detailarbeit und immenser Aufwand, wie Schneider der Deutschen Presse-Agentur erklärt.

Von Spuren auf Klebefolien

Ermittler sichern Spuren an Tatorten unter anderem mit Hilfe spezieller Klebefolien. So werde versucht, kleinste Textilspuren oder Hautreste zu bewahren, erläutert der Molekularbiologe. Lange Zeit sei es allerdings unmöglich gewesen, solche Spuren auszuwerten, bis die Technik in den 1990er und 2000er Jahren enorme Fortschritte gemacht habe. 

Zu aktuellen Fällen und zu Altfällen - auch Cold Cases genannt, wie dem nun möglicherweise gelösten der 1994 in Koblenz getöteten US-Touristin Amy Lopez - liegen mit Folie gesicherte Spuren in Asservatenkammern der Polizei oder der zuständigen Staatsanwaltschaften. Auf sie greift man in der Regel immer dann zurück, wenn es an klassischen biologischen Spuren wie Blut, Sperma, Speichel oder Haaren fehlt, wie Schneider erklärt. 

"Es ist eine Fleißarbeit"

Dann werde geschaut, wie eine Gewalttat mutmaßlich begangen wurde, wo der Täter oder die Täterin das Opfer berührt haben könnte. Es folgt der gezielte Blick auf winzige Spurenreste auf den Klebefolien von genau diesen Körperteilen. "Es ist eine Fleißarbeit", sagt Schneider. 

Gefunden werde jegliche Fremd-DNA, auch die, die mit dem Fall oder Täter gar nichts zu tun habe. Nötig sei zur Abstraktion der DNA die Analyse jedes einzelnen Hautpartikels. Pro Klebefolie kommen Schneider zufolge mehrere hundert solcher Partikel zusammen, auf einer Leiche teils hunderte Folien. 

Betrieben werde dieser immense Aufwand nur in Fällen, in denen es in einem vertretbaren Zeitrahmen die Aussicht auf Erfolg gebe, sagt Schneider. Auch deshalb, weil zwar zahlreiche Schritte der Arbeit inzwischen automatisiert erledigt werden könnten, nicht aber die Präparation der einzelnen Hautschuppen. Die müsse stets händisch unter dem Mikroskop erfolgen.

Lübcke-Kleidung war schon im Klinik-Abfall

In dem bundesweit bekannten Fall Lübcke führten die Mühen zum Erfolg. Weil man zunächst gar nicht von einem Tötungsdelikt ausgegangen sei, sei die blutige Kleidung des Politikers bereits im Krankenhausabfall gewesen. Dort sei sie herausgeholt und intensiv untersucht worden, erinnert sich Schneider. 

Das Ergebnis: Unter mehr als 2.000 Spuren an der Oberbekleidung Lübckes fand sich in genau einer die DNA von Stephan Ernst, dem inzwischen wegen Mordes verurteilten Rechtsextremisten. Das sei für ihn bis heute das Aha-Erlebnis seiner Berufslaufbahn gewesen, sagt Schneider.

Altfälle lassen Ermittler nicht los 

Eine DNA-Spur alleine überführe keine Täter, betont er. Es sei zunächst immer nur ein Ermittlungshinweis, anschließend brauche es weitere Ermittlungen. 

Im Fall Amy Lopez war nach Angaben der Staatsanwaltschaft Koblenz eine DNA-Spur vom Hosenbund der damals 24-Jährigen mitentscheidend für die Festnahme des heute 81-jährigen Tatverdächtigen. Sie stimmte überein mit einer DNA-Probe, die der Mann erst vor kurzem freiwillig abgegeben hatte.

Bei einer Pressekonferenz in der vergangenen Woche gewährte der Koblenzer Oberstaatsanwalt Mario Mannweiler einen Einblick in sein Gefühlsleben. Er habe an Schwerdonnerstag, dem Donnerstag vor Rosenmontag, von dem DNA-Treffer erfahren, sagte er und ergänzte: "Ich war, das muss ich zugeben, nach Überwindung einer ersten Ungläubigkeit noch selten in meinem Berufsleben so erleichtert wie in dem Moment."

Löschfristen können hinderlich sein 

Ein solch lange Zeit ungeklärtes Verbrechen sei für Ermittler wie eine offene Wunde, der Fall sei bei Polizei und Staatsanwaltschaft über die Jahre hinweg nie in Vergessenheit geraten. Mannweiler zufolge hat sich der Beschuldigte noch immer nicht zu den Vorwürfen eingelassen. Weitere Details nannte er zu den laufenden Ermittlungen nicht, sie würden priorisiert vorangetrieben. 

In vielen anderen Fällen werden im hessischen LKA winzige DNA-Reste an Opfern, auf Kleidung oder an Waffen mit der seit 1998 in Deutschland existierenden DNA-Analyse-Datei abgeglichen, einer Datenbank voller DNA-Profile. Die Daten würden allerdings in der Regel nach zehn Jahren gelöscht, wenn die Person seitdem nicht weitere Delikte begangen habe, die eine längere Speicherung rechtfertigten, sagt Schneider. "Für uns viel zu früh." 

Bei dem Verurteilten im Mordfall Lübcke wäre die DNA ein Jahr später aus der Datenbank getilgt worden, wie Schneider sagt. "Ich bin fest davon überzeugt, dass es dann extrem schwer, wenn nicht sogar unmöglich geworden wäre, diese Tat aufzuklären."

Spuren auch noch nach Jahrzehnten für DNA-Analyse geeignet 

Für ihn steht fest: Ohne die selektive Hautschuppenanalyse hätten hunderte Fälle nicht aufgeklärt werden können. Ein erster "Cold Case" sei Dank dieser Technik 2000 gelöst worden - seinerzeit ein Mord in Hanau. "Jetzt sehen wir nach weiteren mehr als 20 Jahren, dass die Methoden immer sensitiver geworden sind, dass wir im Prinzip jeden an einem Tatort identifizieren können." 

Das bietet in Cold Cases völlig neue Möglichkeiten, zumal winzige biologische Spuren häufig auch nach mehr als 40 oder 50 Jahren geeignet für die DNA-Analyse sein könnten, wie Schneider erklärt - solange sie nicht verunreinigt seien. 

Der Molekularbiologe schätzt, dass im hessischen Landeskriminalamt mit der Methode inzwischen etwa 30 Altfälle entscheidend vorangebracht wurden, auch einer aus Norwegen war dabei. Es lasse sich jedoch kein Fall mit dem anderen vergleichen. Wie genau technisch vorgegangen werde, welche Spuren näher betrachtet würden - "das alles ist hochindividuell".

dpa