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Einsamer Tod Ein Amtsarzt in Berlin hält Trauerfeiern ab – für Menschen, die niemand sonst verabschiedet

Patrick Larscheid, Amtsarzt im Berliner Bezirk Reinickendorf
Patrick Larscheid, Amtsarzt im Berliner Bezirk Reinickendorf
© Paul Zinken / Picture Alliance
Viele Menschen sterben allein. Wenn sich nach dem Tod niemand um eine Bestattung kümmert, übernimmt das Amt. In Berlin betrifft das rund sieben Prozent der Todesfälle. Ein Dokumentarfilm behandelt den einsamen Tod berührend. Und ein Amtsarzt setzt sich für einen würdevollen Abschied ein. 

Patrick Larscheid ist Amtsarzt im Berliner Bezirk Reinickendorf und ist dort auch für Todesfälle aller Art zuständig. Ein Thema, das ihm besonders am Herzen liegt, sind würdevolle Bestattungen, wenn allein der Staat sie übernimmt. In Berlin sind im vergangenen Jahr mehr als 2700 Menschen von den zuständigen Behörden bestattet worden. Das sind rund sieben Prozent der Verstorbenen. Zu einer ordnungsbehördlichen Bestattung kommt es, wenn nach dem Tod keine Angehörigen ermittelt werden können und auch sonst niemand aus dem Umfeld eine Bestattung organisiert.

Der neue stern-Podcast "Die Suche nach dem guten Tod" befasst sich ebenfalls mit dem Thema Sterben. Hören Sie hier alle bisherigen Folgen:

Einsames Sterben unter Millionen Menschen. Die Anonymität der Metropole – dieser Gedanke drängt sich auf. Doch Larscheid stellt klar: "Das ist kein Großstadtphänomen, das gibt es genauso in Kleinstädten mit 15.000 Einwohnern." 

Einsamer Tod: Guter Kontakt zu den Töchtern, doch die waren nicht zu erreichen

Der Amtsarzt räumt mit weiteren Missverständnissen auf. Es sei ein großes Irrtum, dass ordnungsbehördliche Bestattungen für ein einsames Leben stehen. Als Beispiel erzählt er von einem Mann, der gestorben ist und zu seinen zwei Töchtern einen guten Kontakt hatte. Die waren aber gerade auf einer mehrwöchigen Kreuzfahrt, als der Vater starb. Es habe keine Möglichkeit gegeben, sie zu kontaktieren. 

Es sei ohnehin sehr schwierig, Kontakte von Angehörigen zu finden. Also wurde der Mann am Ende vom Staat bestattet. "Es muss ja auch schnell gehen, wir können niemanden wochenlang liegen lassen", sagt Larscheid. Ein weiteres Missverständnis sei, dass ordnungsbehördliche Bestattungen für ein Leben in Armut stehen.

Man kann auch einsam in einer Villa sterben. Im Tod sind wir alle gleich.

Oft betreffe das einsame Sterben kinderlose Menschen. "Je älter jemand wird, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Menschen um einen herum sterben und man alleine übrig bleibt." Larscheids Ratschlag: "Wer eine Vorstellung davon hat, wie er bestattet werden möchte, dem rate ich dringend, das schriftlich festzuhalten. Und zwar so, dass wir das dann auch finden." Manche hätten tatsächlich in ihrer Wohnung prominent auf einem Tisch einen Zettel liegen, auf dem steht: Oben links im Schrank liegen Informationen zu meiner Beerdigung. "Sobald es Wünsche gibt, richten wir uns natürlich auch danach."

Eine Trauerfeier einmal im Jahr

Neben dem Emotionalen und Persönlichen geht es bei Bestattungen auch ums Finanzielle. Gibt es einen Nachlass, wird das Geld für die Bestattung abgezogen. Kommt der Staat für eine Bestattung auf, handelt es sich immer um eine Urnenbestattung – weil das am günstigsten ist. "Auch bei der Auswahl des Friedhofs, bei allem, schauen wir hier in Berlin auf das günstigste Angebot", sagt Larscheid. Die Kosten für eine ordnungsbehördliche Bestattung liegen hier bei 835 Euro. Das sei im Vergleich mit anderen Städten sehr günstig. Der Amtsarzt geht mit der Politik hart ins Gericht: "Wir haben aber auch keinen Blumenschmuck oder Musik. Der Politik hier ist ein würdevolles Sterben egal." Patrick Larscheid ist es nicht egal. 

"Ich finde das so traurig, dass ich vor ein paar Jahren gemeinsam mit einem befreundeten Pastor eine Trauerfeier ins Leben rief." Jeweils am dritten Sonntag im Januar laden sie seitdem zu einer Trauerfeier ein, um an alle Menschen zu erinnern, die im vergangenen Jahr ordnungsbehördlich bestattet worden sind. "Es kommen meistens um die 60 Menschen und es ist ein schöner Rahmen. Ich lese dann alle Namen vor und erzähle etwas aus dem Leben von Verstorbenen, über die ich etwas in Erfahrung bringen konnte."

Dokumentarfilm "Alleingang" über einsames Sterben in Berlin

Larscheid hat auch bei der Berlin-Premiere des Dokumentarfilms "Alleingang" Ende Juni gesprochen, der sich seinem Herzensthema annimmt. Filmemacher Raphael Schanz hat ordnungsbehördliche Bestattungen auf einem Berliner Friedhof begleitet. Entstanden ist eine ruhige Doku mit starken Bildern. In wiederkehrenden Szenen ist zu sehen, wie Urnenbegleiter Bernd Simon eine Urne in einem Netz ganz langsam und mit einer Art Kniefall in den Boden lässt. Er verleiht diesen einsamen, schlichten Abschieden eine gewisse Würde. Einzig ein kleines Namensschild lässt die Verstorbenen nicht völlig anonym zurück. 

Raphael Schanz sagt, die Premiere sei sehr bewegend gewesen und es hätten sich sehr spannende Diskussionen ergeben. "Es gibt beim Thema Sterben und Tod sehr viel Gesprächsbedarf." Bei der Arbeit an dem Dokumentarfilm sei ihm bewusst geworden, wie sehr wir das Sterben von unserem Alltag entkoppelt haben. "Wir beschäftigen uns kurz damit und dann geht es zurück zur Tagesordnung."

Der Filmemacher sieht unseren Umgang mit dem Tod als Spiegel der Gesellschaft: "Warum sterben Menschen einsam? Weil sie einsam leben." Es sollte uns wachrütteln, dass das so viele betrifft. Wir sollten uns fragen: "Wer lebt eigentlich in meinem Haus und in meiner Nachbarschaft?" 

Neuer stern-Podcast "Die Suche nach dem guten Tod"

Das Thema Sterben wird auch im neuen stern-Podcast "Die Suche nach dem guten Tod" behandelt. In sieben Folgen begibt sich Host Lukas Sam Schreiber auf diese Suche für seine Mutter Claudia, die an Demenz erkrankt ist. Der Podcast "Die Suche nach dem guten Tod" erscheint jeden Donnerstag bei stern.de sowie bei AudioNow, SpotifyApple PodcastsAmazon Music und auf allen gängigen Podcast-Plattformen. Hier erfahren Sie in einer Schritt-für-Schritt-Anleitung, wie Sie Podcasts hören und abonnieren können.

Quellen: Berliner Zeitung, raphaelschanz.de


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