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Neuer stern-Podcast Lukas' Mutter hat Demenz. Er begibt sich für sie auf die Suche nach dem guten Tod

Lukas Sam Schreiber, Host des Podcasts "Die Suche nach dem guten Tod"
Lukas Sam Schreiber, Host des stern-Podcasts "Die Suche nach dem guten Tod"
© Tim Löbbert
Lukas Sam Schreiber ist Host des neuen stern-Podcasts "Die Suche nach dem guten Tod". Seine Mutter Claudia ist an Demenz erkrankt und hadert immer öfter mit dem Leben. Lukas will Antworten auf ihre Fragen finden. Im Interview spricht er über Menschen, die ihm auf seiner Suche begegneten.

Lukas Sam Schreiber steht mitten im Leben. Er ist 1991 geboren, produziert Podcasts und sagt über sich, er habe eine ziemliche Arbeitswut in sich. Ein junger Mann voller Energie, der sich intensiv mit einem Thema beschäftigt, das die meisten von uns so lange von sich wegschieben, bis es zu spät ist: dem Sterben. Lukas Sam Schreiber hat sich auf die Suche nach dem guten Tod begeben. Er möchte Antworten finden für seine Mutter Claudia Schreiber. Die Schriftstellerin ist an Demenz erkrankt und fragt ihren Sohn immer öfter, wie sie den Abschied vom Leben gestalten könnte.

Für seine Mutter spricht Lukas Sam Schreiber mit Palliativmedizinern, Psychologen und Juristen, mit Angehörigen und mit Menschen, die kurz davor sind, zu sterben. Welchen Blick haben sie auf den Tod? Und wie wollen und sollen wir als Gesellschaft mit diesem Thema umgehen? Entstanden ist aus diesen Gesprächen der siebenteilige stern-Podcast "Die Suche nach dem guten Tod".

Lukas und seine Mutter hatten bereits für den Podcast "Aitutaki Blues" zusammengearbeitet und sich darin mit der Alzheimer-Erkrankung von Claudia beschäftigt. Damals machten die beiden eine Reise ans Ende der Welt, um die Krankheit zu verstehen. In diesem neuen Podcast "Die Suche nach dem guten Tod" geht es um die verschiedenen Reisen am Ende des Lebens. Was ihn bei der Arbeit daran besonders beeindruckt hat und was er dabei für sich, seine Mutter und uns alle gelernt hat, sagt Lukas im stern-Interview. 

Lukas, du hast dich mit dem Podcast auf die Suche nach dem guten Tod begeben. Hast du ihn gefunden?
Es gibt ihn, aber er ist selten. Ich glaube, man muss sich schon der Realität stellen. Wenn Leute kurz davor sind, zu sterben, ist da nicht der helle Raum mit den wehenden Vorhängen und dem Blick aufs Meer. Im Zweifelsfall kriegt man nicht mehr viel davon mit. Es gibt dieses Lungenrasseln, das ganz viele Menschen kurz vor dem Sterben haben. Es klingt fürchterlich. Als ein Freund meiner Mutter gestorben ist, war seine Familie bei ihm und seine letzten Worte waren: "Ich sterbe so schön." Ich glaube, das können nicht viele bekommen, aber das klingt nach einem guten Tod.

Ein Podcast übers Sterben – und das auch noch mitten im Sommer. Was sagst du Leuten, die das Thema im ersten Moment vielleicht abschreckt?
Es ist kein Trauer-Podcast. Es ist im Idealfall eine Versöhnung mit dem Tod. Es könnte vielleicht eine emotionale Überwindung sein, sich diese Gespräche anzuhören, aber in diesen Folgen stecken so viel Galgenhumor und Liebe. Dieses Projekt hat Wärme in mir hinterlassen. Und es hat mich dankbarer gemacht. 

Inwiefern?
Ich nehme die kleinen Probleme weniger ernst. Ich habe eine ziemliche Arbeitswut in mir. Die habe ich von meiner Mutter. Ich will die ganze Zeit und jeden Tag arbeiten und ziehe da sehr viel raus. Durch ihre Krankheit habe ich verstanden, wie es sich anfühlt, wenn diese Kraft geht. Ich bin jetzt Anfang 30 und ich weiß, ich habe ein paar Jahre, in denen ich arbeiten kann, wie ich es gerade tue. Diese Energie ist vergänglich. Das macht mir aber keine Angst, sondern es macht mich dankbar.

Deine Mutter hat die Diagnose Demenz vor dreieinhalb Jahren erhalten – mit Anfang 60. Wie geht es ihr heute?
Fürchterlich. Das ist eine grausame Krankheit, die es ihr unglaublich schwermacht. Sie würde gerne schreiben. Aber es geht nicht mehr. Man kann die Krankheit nicht gut reden. Ich habe sie völlig unterschätzt. Aber Claudia macht es mutig wie keine Zweite. Was ich durch verschiedene Expertinnen und Experten gelernt habe: Wenn man auf einem intellektuell hohen Level Alzheimer bekommt, ist die Fallhöhe größer. Man hat zwar mehr zu verlieren, aber man hat auch länger zu verlieren. Meine Mutter war Journalistin und Schriftstellerin und ihr Leben lang wahnsinnig klug. Das macht ihr die Krankheit leichter, aber sie leidet schon sehr darunter. Ich fürchte, das war das letzte Mal, dass wir gemeinsam ein Projekt umsetzen konnten.

Die Journalistin und Autorin Claudia Schreiber hält ihren Sohn Lukas Sam Schreiber im Arm
Mutter und Sohn: Claudia Schreiber und Lukas Sam Schreiber 
© Tim Löbbert

Für dich persönlich geht es bei der Suche nach dem guten Tod darum, eine Antwort für deine Mutter zu finden. Konntest du sie finden?
Es ist eine skurrile Situation: Meine Mutter fragt mich mehrfach die Woche, wie sie sterben kann. Jedes Mal ist es für sie, als führe sie diese Unterhaltung zum ersten Mal. Ich habe mich so intensiv mit dem Thema beschäftigt, dass ich ihr jetzt mit bestem Gewissen Auskunft geben kann. Allerdings gibt es für meine Mutter derzeit keine Antwort auf die Frage nach dem guten Tod. Die Sterbehilfe-Situation in Deutschland ist aktuell so, dass im Prinzip jede volljährige Person Sterbehilfe in Anspruch nehmen kann, wenn sie das möchte und sie in einem urteilsfähigen Zustand ist. Bei Demenz-Erkrankungen wie Alzheimer sagt man schon früh, dass die Urteilsfähigkeit nicht mehr da ist. Das heißt, es gibt keine Option für meine Mutter, die es ermöglicht, Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Es gibt aber bessere und schlechtere Sterbeszenarien im Kontext von Alzheimer.

Wie würde das Bessere aussehen?
Es scheint, dass Menschen mit Demenz-Erkrankungen bis spät in die Krankheit hinein gute Zeiten erleben können. Wenn diese Zeiten gar nicht mehr kommen, können sie auch nicht mehr selbstständig überleben. Von Palliativmediziner Matthias Thöns habe ich gelernt, dass eine ausführliche Patientenverfügung, die alle lebensverlängernden Maßnahmen ausschließt, eine Möglichkeit für meine Mutter sein könnte. Wenn in der Patientenverfügung so etwas steht wie: "Ich möchte nicht, dass mir Menschen ein Glas Wasser reichen, wenn ich das selbst nicht mehr greifen kann." Im Zweifelsfall ist das das gute Sterbeszenario.

Hast du Ratschläge für Angehörige, die in einer ähnlichen Situation sind?
Ich glaube, Zeit hilft. Claudia hat wahnsinnig viel Angst. Es hilft, darüber zu sprechen, da zu sein und die Schönheit im Tag zu finden. Meine Mutter hatte keine Lust, ihren Geburtstag zu feiern, weil sie sich für die Alzheimer-Erkrankung geschämt hat. Am Ende haben wir aber doch gemeinsam gefeiert. Es war ein toller Tag. Wir haben richtig einen drauf gemacht. 

Du sprichst im Podcast mit verschiedenen Menschen, die kurz vor dem Tod stehen, mit kranken Menschen und ihren Angehörigen. Gibt es Schicksale, die dir besonders nahe gehen?
Beinahe alle. Eine Person, die sehr herausstach, war Matthias Tidden. Ich habe mit ihm 19 Stunden vor seinem assistierten Suizid gesprochen. Er war so angstlos. Er sagte: "Die letzten anderthalb Jahre hat sich in meiner Familie immer alles nur um Tod und Leiden gedreht und morgen ist ein Finale, auf das ich mich freue. Dann können endlich alle wieder entspannen. Die werden ein paar Wochen trauern, aber dann werden sie wieder ihr Leben leben." Am Ende des Gesprächs sagte ich ihm, ich werde eine Kerze für ihn anzünden; das ist eine Tradition meiner Mutter. "Morgen um 15 Uhr", meinte er. Das ist so unfassbar, wenn dir jemand sagen kann: "Morgen um 15 Uhr sterbe ich."

Wie habt ihr euch verabschiedet?
Er hat mir viel Erfolg gewünscht, bei allem, was ich mache. Es hat mich richtig berührt, dass er in diesen letzten Stunden so an mich gedacht hat. Und was habe ich gesagt bei der Verabschiedung? "Bis bald". Oh, mein Gott! Das war mir so unangenehm. Aber wann redet man mit einer Person schon ganz bewusst zum allerletzten Mal? Es ist mir ganz automatisch rausgerutscht. Ich weiß von den Palliativmedizinern zum Glück, dass er mir das kein Stück übelgenommen hat.

Du sprichst im Podcast auch mit Familie Ernst. Es geht in der Folge um die Frage, was passiert, wenn das Sterben auf die Liebe fällt.
Was für eine unglaubliche Familie! Patrick hatte Krebs und sie sagten ihm bei der Diagnose, er habe noch ein paar Monate zu leben. Doch er lebte noch mehrere Jahre, seine Familie nannte ihn liebevoll "The Walking Dead". Er ist erst vor Kurzem verstorben. Er war so ein cooler Typ mit sehr viel Mut. Er hatte eine Bucket List, die immer länger wurde. Er wollte in einem Sterne-Restaurant essen und hatte am Ende beinahe den ganzen Katalog durch. Es war beeindruckend, mit wie viel Liebe seine Frau sich um ihn gekümmert hat. Sie erzählte mir, wie sich Körperlichkeit und Anziehung verändern, wenn jemand pflegebedürftig  und dem Tod nahe ist. Sie sagte ehrlich, dass ihre Lust auf ihn weg sei, was aber nicht heißt, dass ihre Liebe für ihn weg ist. Das fand ich toll, dass sie so offen war.

Würdest du sagen, der Podcast richtet sich vor allem an Angehörige, die einen lieben Menschen verloren haben oder dabei sind, ihn zu verlieren?
Die Kernessenz des Podcasts ist: Es hat schwerwiegende Folgen, wenn wir nicht über den Tod nachdenken. Es gibt bestimmte soziokulturelle und makropolitische Situationen, die dafür sorgen, dass Menschen eher an den Tod denken, wie zum Beispiel nach den Anschlägen vom 11. September. Experimente zeigen: Wenn Menschen unbewusst an den Tod denken, werden sie nationalistischer und konsumieren mehr. Sie hängen mehr mit Leuten ab, die sie kennen, und möchten weniger mit fremden Kulturen zu tun haben. Ich glaube, in einer ähnlichen Situation sind wir jetzt wieder durch Corona und den Ukraine-Krieg. Es scheint jetzt besonders notwendig, bewusst und nicht indirekt über den Tod nachzudenken. 

Wir müssen uns auch alle dringend fragen: Was sind lebensverlängernde Maßnahmen, die ich möchte? Und zwar schon in jungen Jahren. Denn jede und jeder von uns kann unerwartet ein Schicksalsschlag treffen. Wir dürfen nicht vergessen: Das Sterben ist das verbindende Element von allem, was existiert. Wenn man darüber nicht redet, kann man über gar nix reden.

Web-App "Der letzte Tag"

Diese Episode wird von der Körber-Stiftung unterstützt. Die Stiftung möchte den Themen Sterben und Tod das Tabu nehmen und ermutigen, sich mit der eigenen Endlichkeit auseinanderzusetzen. Dazu hat sie die Web-App "Der letzte Tag" entwickelt. Was wäre, wenn heute der letzte Tag Ihres Lebens wäre? Was möchten Sie noch erleben? Wen möchten Sie treffen? Auf derletztetag.de können Sie Ihren fiktiven letzten Tag planen und Ihre Gedanken teilen – und so herausfinden, was im Leben wirklich wichtig ist.

"Die Suche nach dem guten Tod" erscheint jeden Donnerstag bei stern.de sowie bei AudioNow, Spotify, Apple Podcasts, Amazon Music und auf allen gängigen Podcast-Plattformen. Hier erfahren Sie in einer Schritt-für-Schritt-Anleitung, wie Sie Podcasts hören und abonnieren können.

Rat und Hilfe

Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter (0800) 1110111 und (0800) 1110222 erreichbar. Auch eine Beratung über E-Mail ist möglich.  Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.


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