„Lebt Ulrich noch?“, fragt mich mein Neunjähriger jetzt jeden Morgen kurz nach dem Aufwachen. Denn Ulrich schrieb mir letzte Woche, dass wir uns beeilen müssten, wenn wir ihn noch einmal sehen wollen. Er schickt solche Nachrichten, als wäre es nichts. Kannst du bitte Chips statt Süßes mitbringen? Lass uns doch lieber draußen am Brunnen treffen. 13 Uhr Mittagessen, bis gleich. Und jetzt eben dies: Bald will ich niemanden mehr sehen, also beeil dich.
Das Gefühl der Woche: Trauern üben
Ulrich und ich kennen uns seit 25 Jahren, wir waren Kollegen und standen bei der Gartenparty eines Chefredakteurs in der Schlange eines Food-Trucks. Du bist einer von diesen bösen Zahlenmenschen, sagte ich zu ihm, nur halb im Scherz. Und du eine dieser hochnäsigen Kreativen, sprach der Betriebswirt. Wir wurden Freunde. Ulrich suchte lange nach dem richtigen Leben, hängte irgendwann den BWLer-Job an den Nagel, studierte Psychologie, wurde Therapeut. Von ihm habe ich eines der schönsten Komplimente, die mir je gemacht wurden. Ich sei der unneurotischste Mensch, den er kenne.
Dann kam der Krebs.
Es gibt die Vorfreude, dieses innere Jauchzen über ein Ereignis, das noch kommt: wenn als Kind endlich die Tür zum Weihnachtszimmer aufgeht. Wenn die Ankunftstafel am Flughafen anzeigt, dass ein geliebter Mensch gleich durchs Gate kommt – glücklich gelandet. Wenn es freitagabends selbst gemachte Pommes gibt.
Aber gibt es auch die Vor-Trauer? Kann man Trauern irgendwie üben, bevor sie richtig wehtut? Ich bin grundsätzlich gern vorbereitet; ich weiß vor Job-Meetings, was ich sagen will, und vor Partys, mit wem ich reden, tanzen, trinken will. Für wichtige Dinge im Leben habe ich oft ein ausgedrucktes und immer ein emotionales Skript. Für das Sterben eines Freundes aber finde ich keins.
Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang von antizipatorischer Trauer. Wie bei einer Generalprobe soll sie uns wappnen für den Moment, wenn der letzte Vorhang fällt. Einen bewussten Abschiedsmoment wählen, über Erinnerungen reden, gemeinsam weinen, wütend sein. Das reduziere das Gefühl der Ohnmacht, sagen Psycho-Profis. Mir scheint allerdings, dass wir angesichts eines nahenden Todes immer Anfänger bleiben, Trauer-Azubis ein Leben lang. Ich bin nicht Ulrichs Frau, nicht seine Mutter. Nur eine Freundin. Meine Trauer-Aufgabe ist viel kleiner als die von anderen und wirkt doch überwältigend.
Nur Ulrich selbst weiß irgendwie, wie es geht. Er ist zum Profi für unsere Trauer geworden. Es ist wirklich schwer, zu heulen, wenn der zu Betrauernde dauernd Witze macht. Er bestellt Kuchen bei der Hospiz-Pflegerin, fachsimpelt mit meinem kleinen Sohn über ein Logikspiel, bei dem man Plastikautos so herumschieben muss, dass alle einen Parkplatz finden. „Nee“, ruft er, „der Gelbe passt nicht, rückwärts wieder raus!“ Lebenskluger, sterbenskluger Ulrich. Ich beeile mich jetzt.
Der Sticker der Woche...
… ist diesmal das Foto eines Filz-Krokodils, das mein Sohn nach dem letzten Besuch bei Ulrich auf der Straße fand. Es heißt auch Ulrich und macht auch dauernd Witze.
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