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Weltfrauentag Behaltet eure Blumen!

Blumen aller Art gibt es zum 100. Weltfrauentag
Blumen aller Art gibt es zum 100. Weltfrauentag
© colourbox
100 Jahre Weltfrauentag. Es regnet Rosen, nette Worte und jede Menge Gesten. Wirklich kein Grund zur Freude, findet stern.de-Redakteurin
Sophie Albers.

Freundlich lächelnd stellt sich mir ein Mann in den Weg: "Alles Gute zum Frauentag!" Sein Lächeln wird noch ein bisschen breiter, als er mir mit einer schnellen Bewegung aus dem Ellenbogen eine rote Rose entgegenhält, an deren Stengel auf einem Pappschildchen steht, dass es eine politische Partei ist, die mich beschenkt. Welche ist egal, denn ich frage mich gerade: beschenkt?

Jetzt bleibe ich auch innerlich stehen, nachdem dieser Clown mich im allmorgendlichen Rauschen, das der Weg zur Arbeit ist, aufgehalten hat. Moment mal, ich kriege eine Rose, weil ich eine Frau bin? Weil ich lange Haare habe, vorne ausgebeult bin und meine Schritte zu hören sind, wegen der Absätze? Weil mein Chromosomensatz zwei Xe vorweist? Weil ich seit dem 19. Januar 1919 wählen darf und die Parteien Deutschlands jede Stimme brauchen?

1040 zu 1000

Das Lächeln des Mannes wird zu einem leicht schiefen Grinsen, und der Arm mit der Rose sinkt ein paar Zentimeter.

Soll ich mich wirklich mit einer Blume als Minderheit stigmatisieren lassen, was ich rein rechnerisch nicht bin? Laut Statistischem Bundesamt kommen in diesem Land auf 1040 Frauen 1000 Männer. Ja, ich darf wählen. Aber schon die große Kämpferin des Frauenwahlrechts Clara Zetkin wusste, dass dies ein Naturrecht sein sollte und keine Errungenschaft. Ich darf abtreiben. Danke, ich wusste schon, dass mein Bauch mir gehört. Und ich darf Anzeige erstatten, wenn mein Mann mich vergewaltigt. Warum war das eigentlich je anders?

In meinem Kopf ist mittlerweile ein wütender Knoten, und der Mann mit der Rose kann Mundwinkel und Blume kaum noch oben halten.

40 Prozent der Frauen in Deutschland haben seit ihrem 16. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt erlebt, fasst der Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe zusammen. Das ist das eine Ende der Skala "Diskriminierung von Frauen in Deutschland". Am anderen Ende steht die Tatsache, dass hierzulande mehr Frauen als Männer Abitur machen (55,7%), mehr Frauen als Männer ihr Studium abschließen (51%), fast die Hälfte der Doktoranden weiblich ist (44,1%), aber gerade mal 21,7 Prozent der Führungspositionen mit Frauen besetzt sind. Und dass frau im gleichen Job weniger verdient als der Mann, aus dem einzigen Grund, weil sie eine Frau ist - da kann sie noch so viel mehr arbeiten. Besserung ist kaum in Sicht. Dazu muss man sich nur die Frauenquoten-Diskussion angucken.

Die alltägliche Frauenfeindlichkeit

Zwischen diesen immerhin öffentlich diskutierten Frauenfragen liegt die ganz alltägliche, hingenommene Frauenfeindlichkeit, die Quelle des ganzen Irrsinns. Das Verhalten und die Kommentare von Fremden, Freunden und Kollegen, die klar machen, dass der Sexismus fest verdrahtet ist im kollektiven Hirn der Gesellschaft: Ist halt so, dass Männer Karriere machen und Frauen lieber zuhause bleiben. Ist halt so, dass Frauen immer zuerst nach dem Äußeren beurteilt werden. Ist halt so, dass ein Mann eine Frau mitten in einer Konferenz unterbricht oder sie bevormundet. Ist halt so, dass Jungs und auch Männer nicht nur auf der Straße Mädchen und Frauen erst einmal "Schlampen, Schnecken, Schnitten" nennen. Und - was das Schlimmste ist: Ist doch so, dass selbst Frauen Frauen nicht alles zutrauen und abwiegeln, wenn sie nicht für voll genommen werden.

Und ich wette, dass ein paar von Ihnen gerade gedacht haben "Was für eine zickige Emanze". Behaltet eure Blumen!


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