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100 Jahre Weltfrauentag: Revolutionärin im Vorgarten

Der Weltfrauentag geht auf die deutsche Sozialistin Clara Zetkin zurück. Die Tochter eines Lehrers stammte aus dem sächsischen Wiederau. Bei den Einwohnern des kleinen Ortes hat die DDR-Staatsikone allerdings keinen einfachen Stand.

Clara Zetkin steht im Vorgarten. Eine übergroße Bronzestatue erinnert vor dem Wohnhaus ihrer Kindheit an die Revolutionärin, die vor 100 Jahren den Weltfrauentag quasi aus der Taufe gehoben hatte. Die Zweite Internationale Sozialistische Frauenkonferenz in Kopenhagen stimmte am 27. August 1910 ihrem Vorschlag zu, einen solchen Tag zu begehen. In der DDR war Zetkin eine staatliche Ikone des Sozialismus, ihr Konterfei zierte jeden Zehnmarkschein. Im sächsischen Wiederau, dem Geburtsort der Sozialistin, zeigen ihr die Menschen heute eher die kalte Schulter.

"Wir wissen noch, dass Clara Zetkin hier geboren wurde", sagt die Verkäuferin des kleinen Lebensmittelladens lächelnd. "Und wo sie jetzt steht, da steht sie doch gut." Wiederau ist ein kleiner Ort im Niemandsland zwischen Chemnitz und Leipzig mit schlichten, schiefergedeckten Häuser, umrahmt von Feldern. Die ehemalige Trikotagenfabrik - ein Bau aus roten und gelben Klinkersteinen - ist jetzt ein Seniorenheim. Die Straßen sind menschenleer, die Kaufhalle steht zum Verkauf.

Kein Platz, keine Straße trägt ihren Namen

In Wiederau zeugt fast nichts mehr von der großen Sozialistin (1857-1933) - kein Clara-Zetkin-Platz, keine Clara-Zetkin-Straße. Die einstige Clara-Zetkin-Mittelschule und die Clara-Zetkin-Gärtnereigenossenschaft gibt es nicht mehr. Selbst das frühere Wohnhaus, die einstige Clara-Zetkin-Gedenkstätte, heißt jetzt Museum "Alte Dorfschule".

Eine große rote Tafel an der Stirnseite des weißen Hauses verkündet, dass die Frau hier im Jahr 1857 geboren sein soll. Und auch das stimmt wohl so nicht ganz. "Als Clara zur Welt kam, wurde das Haus gerade renoviert. Die Lehrerfamilie war für einige Tage ausquartiert", sagt Ursula Bergmann vom Heimatverein. "Das eigentliche Geburtshaus ist längst abgerissen", weiß die 69-Jährige.

In dem Schulhaus lebte Clara, bis sie 15 war und die Familie nach Leipzig zog. Bilder und Schrifttafeln vermittelt einen Eindruck vom Leben in jener Zeit, den großen sozialen Umbrüchen und Kämpfen in der Mitte des 19. Jahrhunderts, der Welt der Eißners, Claras Familie. Da hängt eine schwarz-rot-goldene Fahne des Wiederauer Turnvereins von 1864 an der Wand. In der Ecke ein Bücherschrank, wie er einst bei den Eißners gestanden haben könnte. Daneben Zetkin-Büsten, Bilder, Bücher, Plaketten, Schülerarbeiten und stapelweise Gästebücher.

"Ein sozialistischer Wallfahrtsort"

Zu DDR-Zeiten herrschte am 8. März in der Gedenkstätte Hochbetrieb. "Jedes Jahr zum Frauentag ging es erst in die Gedenkstätte, dann gab es etwas zu Essen", erzählt Bergmann. "Die Gedenkstätte war ein sozialistischer Wallfahrtsort." Arbeitskollektive, Schulklassen und Delegationen aus aller Welt - alle erwiesen der Revolutionärin die Ehre. Die Gästebücher legen ein beredtes Zeugnis davon ab.

"Die Einwohner haben den Rummel nicht gern gesehen", meint Bergmann. Als 1989 die DDR hinweggefegt wurde, bekam auch die Zetkin-Statue den Volkszorn zu spüren. Damals an der Straßenkreuzung des Ortes positioniert, lag sie plötzlich auf der Nase - nachts einfach umgekippt. Die Revolution hatte die Revolutionärin ereilt.

Besucher des Museums sind selten geworden. Etwa 200 Menschen kommen jährlich, sagt Bergmann. Am 8. März aber ist das Haus voll. Dann rücken Abgeordnete der Linken mit Gästen an und feiern ihre Genossin Clara. Die Leute des Heimatvereins verkaufen dann Kaffee und Kuchen. "Damit etwas Geld in die Kasse kommt." Wiederauer verirren sich kaum in diese Räume. "Aber sie haben inzwischen ihren Frieden mit Clara gemacht", glaubt Bergmann.

Ralf Hübner, DPA / DPA