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100 Jahre Frauenwahlrecht: Emotional, ökologisch, weniger extrem: Warum Frauen anders wählen und was das bedeutet

Es war ein Meilenstein in der Geschichte: Am 19. Januar vor 100 Jahren durften Frauen in Deutschland zum ersten Mal wählen. Aber wie fiel ihre Wahl aus – und spielt das wirklich eine Rolle?

Frauenwahlrecht Angela Merkel

Frauen wie Bundeskanzlerin Angela Merkel, die als Identifikationsfiguren dienen, können bei der Wahlentscheidung von Frauen eine Rolle spielen.

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Frauen sind zu emotional für Politik, sie wollen eigentlich gar nicht wählen – und nur, weil es andere Länder so machen, muss das nicht in Deutschland so sein. Das waren nur einige Argumente, die Gegner des Frauenwahlrechts im 20. Jahrhundert gegen die Damenwahl ins Feld führten. Doch in einem Aspekt lagen sie richtig – Frauen wählen anders. 

Geburtsstunde des Frauenwahlrechts

Schon seit der Französischen Revolution, Ende des 18. Jahrhunderts, kämpften Frauen in ganz Europa vermehrt um ihr Recht, an der Entscheidung über die politische Situation ihres Landes teilzunehmen. Einige skandinavische Länder führten das Frauenwahlrecht schon Anfang des 20. Jahrhunderts ein; in Norwegen war es 1913 soweit, in Dänemark 1915. In Deutschland machten sich derweil Aktivistinnen wie Clara Zetkin, Marie Stritt oder Hedwig Dohm für die Rechte der Frauen stark. Kurz nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, im Jahr 1919, ging es dann ganz schnell: Am 11. November wurde das Wahlrecht in Deutschland reformiert und nun auch für die Frauen eingeführt. Das Reichswahlgesetz vom 30. November 1918 läutete damit die Geburtsstunde des Frauenwahlrechts ein. Jeder deutsche Erwachsene durfte sich nun zur Wahl aufstellen lassen – und jede Stimme war gleich viel wert.

Die erste Möglichkeit, vom aktiven und passiven Wahlrecht Gebrauch zu machen, gab es dann am 19. Januar 1919, vor genau 100 Jahren: Männer und Frauen wählten die Deutsche Nationalversammlung. 37 Frauen schafften es schließlich ins Parlament. Die meisten gehörten der SPD oder ihrer Schwesterpartei, der USPD, an. Aber wählten die Frauen wirklich anders als die Männer?

Das Gender Gap: Wählen Frauen anders?

Fest steht: Männer hatten Angst davor, dass Frauen anders wählen würden. Sie betonten die fehlende politische Erfahrung, die Gefühlsbetontheit oder die mangelnde Intelligenz der Frauen. Viele, vor allem konservative Kräfte, fürchteten, Frauen könnten die Linke und damit besonders die SPD stärken. Diese hatte sich als einzige Partei für die politischen Rechte der Frauen stark gemacht. Doch es zeigte sich lange ein ganz anders Bild: Bis in die 1980er-Jahre wählten Frauen mehrheitlich konservativ. Einige Wahlforscher sehen den Grund für diese "Gender Gap" in den Bedingungen der klassischen Industriegesellschaft: Männer waren lange Zeit eher in Arbeiterkreisen unterwegs, Frauen im familiären und kirchlichen Umfeld. Diese Polarisierung änderte sich erst 1972 bei der Wahl von Willy Brand – seit den 1980er Jahren gingen die Unterschiede zwischen den Geschlechtern noch weiter zurück, nun wählten Frauen sogar eher links.

"Man kann nicht den einen Faktor benennen, ob und warum Frauen anders wählen als Männer", sagt Thorsten Faas, Professor für Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut in Berlin, im Gespräch mit NEON. Auch wenn die Forschung sich nicht komplett einig über die Bedeutung des "Gender Gaps" ist – die Wahlentscheidung hat wohl mehr mit sozialdemokratischen Faktoren wie dem Alter, dem Bildungshintergrund und dem gesellschaftlichen Umfeld zu tun, als mit dem Geschlecht. Sicher ist jedoch: Frauen wählen heute genauso selbstverständlich wie Männer: "Lange Zeiten sind Frauen seltener zur Wahl gegangen als Männer – dieser Unterschied ist im Zeitverlauf geringer geworden. Bei der Wahl 2017 ist er praktisch gänzlich verschwunden. Zum gleichen Wahlrecht hat sich hier also inzwischen auch gleiche Wahlrechtsnutzung gesellt", sagt Thorsten Faas.

Frauen wählen weniger extrem

Macht es für unsere Politik also keinen Unterschied, ob Frauen oder Männer wählen? In gewissem Maße schon. Würden nur Frauenstimmen zählen, hätte Deutschland wohl nach der Bundestagswahl 2017 rein statistisch eine schwarz-grüne Koalition bekommen. Denn Frauen wählen zwar genauso häufig wie Männer, aber andere Parteien. So bekamen die Grünen und die CDU/CSU 2017 deutlich mehr Stimmen von Frauen als von Männern. Besonders im links- und rechtsextremen Bereich gaben Frauen seltener ihre Stimme ab. Die AfD erhielt von Männern bei der letzten Bundestagswahl 16,3 Prozent, von Frauen nur 9,2 Prozent. Eine eindeutige Erklärung, warum Frauen möglicherweise weniger rechtsextrem wählen, gibt es nicht. Die Internationale Forschung vermutet hier unter anderem, dass die Angst vor sozialer Stigmatisierung oder die Ablehnung von gewalttätigem Verhalten, das oft mit rechtsextremen Strömungen in Verbindung gebracht wird, eine Rolle spielt.

Deutlich wird aber, dass die CDU mehr von Frauen gewählt wird, seit Angela Merkel Kanzlerin und bis vor kurzem auch Parteichefin ist. Diese Vermutung teilt auch Wahlrechtsexperte Thorsten Faas: "Es gibt Hinweise, dass Frauen in politischen Funktionen für Wählerinnen eine Rolle bei der Wahlentscheidung spielen", so der Experte. Das zeige sich überregional, wie bei Kanzlerin Merkel, aber auch im Kleinen: "Die erste Frau auf einer Kandidierendenliste profitiert häufig in Wahlsystemen mit Personenwahl, was ja darauf hindeutet, dass Leute gezielt nach einer Frau suchen“, sagt Faas.

Meinung statt Geschlecht

Gleichwertig in der Politik repräsentiert sind Frauen jedoch trotzdem nicht, auch wenn mehr als 50 Prozent der deutschen Bevölkerung weiblich sind. Nur 218 der 709 Mitglieder des deutschen Parlaments sind Berufspolitikerinnen; gerade einmal 30 Prozent. Und das, obwohl sich Parteien wie die SPD, die Grünen und die Linke, intern eine Frauenquote auferlegt haben. Auch im europäischen Parlament stagniert der Anteil der weiblichen Abgeordneten bei circa einem Drittel. Als einziges europäisches Land hat Frankreich ein sogenanntes Paritätengesetz – nur, wenn Parteien auf ihren Listen gleich viele Männer und Frauen aufstellen, dürfen sie an Wahlen teilnehmen.

Bleibt die Frage: Ist es überhaupt wichtig, ob und warum Frauen anders wählen? In einem Interview sagte Justizministerin Katarina Barley (SPD) der Zeitung "Die Welt": "Was wichtig ist, ist, dass Frauen wählen, dass sie Politik machen, dass sie ihre Stimme laut hörbar erheben und ein für alle Mal klarmachen: Mein Geschlecht tut nichts zur Sache, meine Meinung schon."

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