HOME
#NEONDamenwahl

5 Fragen an junge Feministen: Kübra Gümüsay: "In Deutschland gibt es tausende Menschen ohne Wahlrecht"

Am 19. Januar vor 100 Jahren durften Frauen in Deutschland zum ersten Mal wählen. Wir nutzen diesen Anlass, um mit jungen Feministen und Feministinnen zu sprechen und sie zu fragen: Warum brauchen wir immer noch Feminismus? Wo hakt es noch? Und wo läuft es gut? Heute antwortet Kübra Gümüsay, Journalistin und Netz-Aktivistin.

Kübra Gümüsay Bloggerin und Netz-Aktivistin

Kübra Gümüsay schreibt auf ihrem Blog über Feminismus, Rassismus, Islam und Politik.

Picture Alliance

Unter dem Hashtag #ausnahmslos kämpft Kübra Gümüsay mit anderen Aktivist*innen gegen Sexismus und Rassismus. Die 30-jährige Deutsch-Türkin wohnt mit ihrem Mann in Hamburg und arbeitet unter anderem für die University of Oxford. Ihr Blog Ein Fremdwoerterbuch wurde 2011 für den Grimme-Online-Award nominiert - und letztes Jahr kürte das Forbes Magazin sie zu einer der "30 under 30 Europe". Für sie ist das Frauenwahlrecht in Deutschland noch lange nicht abgehakt.

1. 100 Jahre Frauenwahlrecht: Warum braucht es immer noch Feministen?

Zum einen: 100 Jahre Frauenwahlrecht, ja. Aber so schlecht war der Frauenanteil im Bundestag zuletzt 1994 - rund 30 Prozent. Um nur ein Beispiel zu nennen, weshalb wir noch lange nicht da sind, wo wir sein könnten. Zum anderen: Weil 100 Jahre Frauenwahlrecht nicht tatsächlich Wahlrecht für alle Frauen bedeutet. Noch immer gibt es tausende Frauen (und Männer) in Deutschland, die seit Jahrzehnten in Deutschland leben, zum Teil hier geboren sind, arbeiten, Steuern zahlen und trotzdem nicht einmal auf lokaler Ebene ein Wahlrecht besitzen. Andere Länder sind da weiter. In Großbritannien, Irland, Dänemark, Spanien oder Schweden dürfen beispielsweise Nicht-EU-Bürger*innen an den Kommunalwahlen teilnehmen. Die Autorin Mely Kiyak hat es in ihrer bewegenden Rede zu 100 Jahre Frauenwahlrecht im Gorki Theater treffend formuliert: "In Zahlen sind das acht Millionen Menschen, die volljährig sind und kein Wahlrecht haben. Wie beispielsweise die ehemaligen Gastarbeiter aus der Türkei. So genannte Drittstaatsangehörige, die seit 60 Jahren hier leben. Sie werden sterben, ohne einmal in Deutschland gewählt haben zu können."
Deshalb braucht es immer noch Feminist*innen, intersektionale Feminist*innen, um genau zu sein.

2. Wofür brennst du besonders – und warum?
Wenn ein Mensch um die Veränderlichkeit dieser Welt weiß, sich also dessen bewusst ist, dass die Welt, in die wir hineingeboren worden sind, nicht für immer so bleiben wird, dass es sehr viel schlimmer oder sehr viel besser werden kann, dann weiß der Mensch um seine Verantwortung. Dafür brenne ich: Eine bessere Zukunft für alle.

3. Was läuft gut? Was braucht noch Veränderung?
Es gibt mehr und mehr Menschen, die sich sensibilisieren, politisch aktiver werden. Doch es braucht mehr Solidarität, um tatsächlich etwas bewirken zu können. Ein Feminismus, der Vielfalt mit einbezieht. Ein Feminismus, der sich mit jenen solidarisch zeigt, die ökonomisch, politisch, gesellschaftlich etc. schlechter aufgestellt sind. Und um einem Irrglauben vorzubeugen: Solidarität bedeutet nicht, "Hier, ein Freischein für dich." Sondern: "Ich stehe zusammen mit dir gegen X und für Z ein."

4. Welchen Satz kannst du nicht mehr hören?

Feminist*innen und Anti-Rassist*innen seien Schuld am Aufstieg der Rechten. Die Frage ist doch: Warum gehen Regierende und Mächtige diesen Thesen rechter Thinktanks auf den Leim? Die Realität ist einen Ticken komplexer als die plumpen Thesen der Rechten. Es gibt bessere Ausreden, wenn sie Sexismus und Rassismus beibehalten wollen.

5. Wer sind deine Vorbilder?
Dieser Tage sind es insbesondere ältere Feminist*innen, aber auch Weggefährt*innen, die nach Jahrzehnten der aktivistischen, politischen, wissenschaftlichen und kulturellen Arbeit es schaffen, nicht verbittert und voller Gram und Häme auf die Welt zu blicken, sondern sich weiterhin ein offenes Herz, Ruhe, Weitsicht, starke Visionen, (Willens-)Kraft, Zuwendung und ein Lächeln im Gesicht erhalten haben. Sie sind Vorbilder für mich.  Wenn ich jetzt einzelne herauspicken müsste, würde diese Liste keiner gerecht. Nur so viel: Die feministische Geschichte in Deutschland der letzten zwanzig, dreißig, vierzig Jahre ist sehr viel diverser als wir manchmal annehmen.

Neue Astra-Werbung polarisiert - das sagen die Twitter-User