Hamburg nach dem Wintereinbruch: Die Stadt würde gern Olympische Spiele ausrichten, scheitert aber schon an begehbaren Bürgersteigen. Beobachtungen aus dem Schneematsch.
Hamburg mag das Tor zur Welt sein, aber wenn die Welt in Form einiger Schneeflocken über die Stadt hereinbricht, ist es schlagartig vorbei mit all der weltstädtischen Pracht.
Folgendes hatte sich zugetragen: Es war Winter geworden, und Niederschlag war gefallen. Mit Niederschlag kommt der Hamburger gut klar, sofern es sich um den üblichen Nieselregen von oben und unten und links und rechts handelt. Flüssiges Wasser kann die Hafenstadt. Gefrorenes Wasser eher nicht.
Die stärksten Schneefälle seit 2010 hatte Hamburg zu verkraften. 15 Zentimeter. Oha! An dieser Stelle des Textes bricht der wintererprobte Allgäuer oder Oberbayer in wieherndes Gelächter aus, und das völlig zu Recht. Aber die Lage in Hamburg ist ernst.
Als Erstes brach der öffentliche Nahverkehr zusammen. Massenweise fielen Busse aus, auch S-Bahnen fuhren nicht oder verspätet. Auf Instagram machte ein Reel die Runde, wie ein hilfsbereiter Eppendorfer Bürger mit seinem vierradgetriebenen Land Rover einen städtischen Gelenkbus abschleppte.
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Endlich war der für Krisengebiete konzipierte und in Hamburg ansonsten chronisch unterforderte Geländewagen mal für was gut.
Wintereinbruch in Hamburg: Radfahren ist nur was für Lebensmüde
Eine knappe Woche nach dem verheerenden Wintereinbruch lässt sich feststellen: Hamburg braucht generell mehr Geländewagen und allradgetriebene SUV, um zu überleben. Denn Bergepanzer sind knapp, Busse kommen nur manchmal, und zu Fuß und per Rad geht ohnehin nichts ohne suizidale Absicht.
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Selbstverständlich hat die Stadt längst mitgeteilt, alle verfügbaren Kräfte, einschließlich der Stadtreinigung, seien rund um die Uhr mit der Beseitigung der Schneemassen befasst. Danke dafür! Und tatsächlich: Innerorts können typische Hamburger Kraftfahrzeuge (BWM, Mercedes AMG, Porsche) häufig schon wieder mit den üblichen 85 Stundenkilometern fahren, die das Stadtleben für Anwohner so vergnüglich machen.
Sogar in manchen Tempo-30-Zonen wird die Höchstgeschwindigkeit inzwischen wieder in bewährter Weise durch das Einkommen des Fahrzeuglenkers geregelt und nicht durch die Straßenverkehrsordnung.
G-Klassen oder Land Rover, die gerade keine Busse abschleppen, tummeln sich in den spiegelglatten Nebenstraßen, wo die Fahrer (immer Männer!) endlich mal den inneren Walter Röhrl ausleben können und dabei die auf den Bürgersteigen vor sich hin schliddernden Schulkinder nur knapp verfehlen.
Räumpflicht bedeutet: eigentlich nichts
Denn merke: Bürgersteige und Fahrradwege werden bei Schneefall in Hamburg nur in Schaltjahren geräumt, wenn der HSV und der FC St. Pauli punktgleich an der Bundesliga-Tabellenspitze stehen. Dies ist derzeit erkennbar nicht der Fall. Einigermaßen verzweifelt appelliert die Stadt unter dem Motto "Gemeinsam sicher durch den Winter" an die Haus- und Wohnungseigentümer, ihrer Räumpflicht nachzukommen. Was einfach niemanden interessiert. Niemanden.
"Räumpflicht" ist ein schönes deutsches Wort. Es bedeutet so viel wie "Die Verantwortung für Knochenbrüche auf Kosten der Mieter an obskure Winterdienste abgeben." Winterdienste wiederum sind qua Definition Betriebe, die super im Frühling, Sommer und Herbst funktionieren. Man weiß aber einfach nicht, was diese Dienste im Winter eigentlich beruflich machen.
Es liegt im Wesen des Winterdienstes, dass er überfordert ist, sollte es versehentlich tatsächlich mal richtig Winter werden. Sollen die Omis und Opis doch sehen, wie sie klarkommen. Oder gleich zu Hause bleiben. Apropos Räumpflicht: Der Bürgersteig vor dem städtischen Kundenzentrum des Bezirksamtes Altona lädt seit Tagen vollkommen umgeräumt zum heiteren Oberschenkelhalsbruch ein. Macht nichts. Die Gesellschaft ist eh überaltert.
Hier freuen sich Senior und Seniorin. Unter Puderzuckerschnee blankes Eis. Schön für Curling, blöd für den Weg zum Bus, der eh nur in unregelmäßigen Abständen kommt
Seniorinnen und Senioren bewegen sich also seit Tagen in Trippelschrittchen auf rutschigem Geläuf, aber auch junge Menschen in der Blüte ihres Lebens legen sich trotz bester Körperbeherrschung formvollendet auf die Fresse.
Der Wille zur Besserung der Verhältnisse ist nur bei einzelnen pflichtbewussten Gutmenschen erkennbar: Alle paar Kilometer erspäht der Beobachter ein ausgezehrtes Väter- oder Mütterchen, das sich wacker – aber oft mit untauglichem Gerät wie dem gemeinen Haushaltsbesen – schabend und bürstend und kratzend an der Beseitigung der Eisschicht versucht. Dadurch wird die Oberfläche immerhin wunderschön poliert. Curling muss in Hamburg erfunden worden sein.
Schön, dass wenigstens die E-Scooter nicht fahren
Natürlich gibt es sie noch, die guten Dinge: Die bescheuerten E-Scooter fahren nicht mehr. Und die Stadt hat verfügt, dass nun wieder Streusalz eingesetzt werden darf – was bisher mit bis zu 50.000 Euro Bußgeld bestraft wurde. Muss halt nur jemand streuen.
"Ich nicht", sagt der Besserverdienende da selbstbewusst, "ich habe ja einen Offroader." Radfahrer sagen gar nichts mehr, wie auch, so ganz ohne Vorderzähne. Hamburg hätte gern die Olympischen Spiele, aber schon die Organisation der Eisbeseitigung auf Radwegen ist zu viel.
Ein meist freundlich lächelnder Mann namens Dr. Anjes Tjarks ist offiziell "Senator für Verkehr und Mobilitätswende" in Hamburg, aber er ist als Grüner offenbar ebenfalls mit dem Weißen überfordert, sobald Schnee in größeren Mengen fällt, als Hamburgs Werber und Künstler nasal konsumieren. In der Tat. Wir brauchen, da weitere Schneefälle angekündigt sind, die Mobilitätswende für Hamburg dringender denn je. Weg mit all den Fahrrädern! Stoppt Fußgänger! Allradantrieb für alle!