Zigarettenschmuggel
Gefälschte Zigaretten sind fast so lukrativ wie Kokain

In einem aufgeschnittenen Autoreifen sind Stagen mit Zigaretten versteckt
Bei den Schmuggelverstecken zeigt sich die meist organisierte Kriminalität erfinderisch
© Bernd Settnik

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Zigarettenschmuggel klingt nach Kavaliersdelikt. Dabei es das finanzielle Fundament der organisierten Kriminalität. Die Spurensuche der Ermittler beginnt im Müll.

Sozusagen auf der Suche nach verschwundenen Einnahmen durchsucht Tabakkonzern Philip Morris auf deutschen Recyclinghöfen und Straßen den Müll. Ziel der jährlichen Aktion: weggeworfene Zigarettenschachteln. Die Ausbeute von über 100.000 Schachteln wird nach deutschen oder ausländischen Warnhinweisen sortiert und dann zur hauseigenen Forensik verfrachtet. Dort analysiert sie mit kriminalistischem Gespür jede Schachtel. "Anhand des Papiers, des Drucks, der Faltung können wir dann ermitteln, aus welchem Fälschungsbetrieb die Packung wahrscheinlich kommt", sagt Tammo Körner. Der aus Bremerhaven stammende Körner ist der Head of Fiscal Affairs & Illicit Trade Prevention, oder zu Deutsch: Er ist der Schmuggelexperte bei Philip Morris.

Seit 19 Jahren sammelt der Konzern in Deutschland und allen anderen EU-Ländern Zigarettenschachteln, um ein Bild vom Wirken seines größten Konkurrenten zu bekommen: der Industrie des Zigarettenschmuggels. Es gibt zwei Arten von illegalen Zigaretten, zum einen in Hinterhöfen illegal produzierte Zigaretten mit gefälschtem Markenaufdruck, zum anderen im Ausland legal für den dortigen Markt hergestellte Zigaretten, die dann in die EU oder innerhalb der EU geschmuggelt werden. 

Zigarettenschmuggel: Milliardengewinne für die Kriminellen, Milliardenverluste für den Staat

"Das sind keine Kleinigkeiten. In unserer neuesten Studie gehen wir in der EU von 38,9 Milliarden geschmuggelten oder gefälschten Zigaretten aus, das entspricht etwa der Hälfte des deutschen Zigarettenmarktes. Der Steuerverlust beträgt 14,9 Milliarden Euro", sagt Körner.
Zigarettenschmuggel bildet das Kerngeschäft der organisierten Kriminalität. Die Gewinnspannen sind enorm, das Risiko gering. Nicht nur, was die Entdeckung betrifft. Für den Staat ist Zigarettenschmuggel lediglich ein Delikt der Steuerhinterziehung. Kein Vergleich zu den Strafen für den Schmuggel harter Drogen.

Den besten Übersicht über den Zigarettenschmuggel liefert der Blick in den Müll. Tabakkonzerne wie Philip Morris durchforsten jedes Jahr den Müll nach den Resten des Rauchvergnügens auf der Suche nach Schmuggelware
Den besten Übersicht über den Zigarettenschmuggel liefert der Blick in den Müll. Tabakkonzerne wie Philip Morris durchforsten jedes Jahr den Müll nach den Resten des Rauchvergnügens auf der Suche nach Schmuggelware
© Patrick Lux

Vor einigen Jahren sei in Spanien eine illegale Fertigungsanlage hochgenommen worden, erinnert sich der Schmuggelexperte. Allein diese eine Produktionsstätte habe laut den spanischen Ermittlern eine halbe Million Euro Gewinn pro Woche gemacht. "Sie haben also ein Anfangsinvest von rund einer Million Euro für die Verpackungsmaschine, das Verpackungsmaterial sowie den Rohtabak und machen damit letztendlich Milliardengewinne", berichtet Körner. Nach Berechnungen des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts liegt die Gewinnspanne bei etwa 900 Prozent – fast so hoch wie bei harten Drogen.

Zigarettenschmuggel ist eine gut geölte Gelddruckmaschine

Auch die Einfuhr illegaler Zigaretten ist für die organisierte Kriminalität ein lohnendes Geschäft – und ein gut geöltes. Anfang 2025 wurde eine in Deutschland, Belgien und den Niederlanden agierende Gruppe hochgenommen, die über mehrere Jahre 150 Container mit rund 1,5 Milliarden unversteuerten und unverzollten Zigaretten in die EU schmuggelte. Entgangene Steuereinnahmen: rund 550 Millionen Euro. Die Zigaretten wurden in offiziellen Herstellungsbetrieben, zumeist in der Türkei und dem Iran, hergestellt. Die Bande aus 18 Personen mit acht verschiedenen Nationalitäten exportierte die Zigaretten zunächst in Überseehäfen, lud sie dort um, fälschte die Warenbezeichnungen und gab fiktive Empfänger in den Einfuhrdokumenten an. So präpariert wurde die Ware dann in die EU verschifft.

Tammo Körner ist der Schmuggelexperte beim Tabakkonzern Philip Morris
Tammo Körner ist der Schmuggelexperte beim Tabakkonzern Philip Morris

Zoll und Polizei wissen: Das Geschäft ist fest in der Hand der osteuropäischen organisierten Kriminalität. Die Märkte für die Hehlerware sind streng aufgeteilt und werden mit äußerster Brutalität verteidigt. Ein Geschäft mit Tradition – vor allem in Weißrussland. " Vor allem dort werden sogenannte Illicit-White-Zigaretten für den heimischen Markt hergestellt. Kriminelle schmuggeln dann diese Zigaretten ins EU-Ausland , weil dort die Gewinnmargen höher sind. Illicit-White-Zigaretten sind zum Großteil ohne länderspezifische Kennung oder ohne Gesundheitswarnungen, was die Identifikation des Herkunftsmarktes erschwert", berichtet Körner.

Corona veränderte alles

Der Warenstrom von Osteuropa in die EU erhielt in der Coronazeit einen spürbaren Dämpfer. Grenzkontrollen und Kontrollen zwischen den Bundesländern innerhalb Deutschlands störten das Geschäft mit den gefälschten Glimmstängeln. Die osteuropäische Mafia lernte daraus. Sie verlegte kurzerhand ihre Produktionsanlagen nach Deutschland, vor allem nach Nordrhein-Westfalen.

"NRW ist mit seiner industriellen Struktur ideal. Man kann leicht eine Lagerhalle anmieten, in der wird eine zweite Halle gebaut, um die Geräusche der Produktion zu dämpfen. Dort wohnt ebenfalls das Personal. Ein- und ausfahrende Lkw sind in diesen Gegenden normal und fallen nicht auf", weiß Körner. Deutschland ist heute das Transit- und Produktionsland für die organisierte Kriminalität. Allein im vergangenen Jahr seien sieben solcher illegalen Produktionsstätten hochgenommen worden.

Deutschland ist mehr Drehscheibe als Absatzmarkt

Und noch eines mache NRW so beliebt: die Nähe zu Frankreich und Holland. Derzeit sei Frankreich der präferierte Absatzmarkt für gefälschte Zigaretten. Daran, so Tammo Körner, sei Frankreich selbst schuld. Die französische Regierung habe den Fehler begangen, in kürzester Zeit die Steuern auf Zigaretten deutlich zu erhöhen. Höhere Steuern bedeuten für die organisierte Kriminalität nichts anderes als höhere Gewinnmargen, so Körner. Über alle EU-Länder hinweg sei jede zehnte Zigarette gefälscht oder geschmuggelt, in Frankreich seit der Steuererhöhung jede dritte. Holland habe nach einem drastischen Steuersprung ebenfalls ähnliche Probleme.

Deutschland setzt dagegen auf Steuererhöhungen in kleinen Schritten, um die Organisierte Kriminalität zu bekämpfen Vor 2022 wurde die Tabaksteuer in Deutschland sieben Jahre lang nicht angetastet. Die erste Erhöhung verteuerte die Packung um rund zehn Cent, 2023 folgten weitere zehn Cent und bis 2026 sollen zwei weitere Anhebungen um jeweils 15 Cent hinzukommen. 

Die Zigarettenmafia freut sich über Steuererhöhungen 

Entsprechend kritisch sieht Körner die derzeit diskutierte Überarbeitung der Tabaksteuer-Produktrichtlinie – ein EU-Rahmenwerk, das die Mindestsätze für Tabaksteuer in den EU-Mitgliedstaaten harmonisieren soll. Diese Harmonisierung gilt jedoch für einen  Mitspieler nicht: den organisierten Tabakschmuggel. "Die Richtlinie sieht enorme Steigerungen der Tabaksteuer vor. Wenn das tatsächlich umgesetzt wird, reden wir künftig nicht über sieben illegale Produktionsstätten, sondern 15 oder noch mehr, und dass nur in Deutschland. Da organisierte kriminelle Gruppen länderübergreifend operieren, wird das massive Auswirkungen auf die gesamte EU haben", ist Tammo Körner überzeugt.

Der Zoll zieht beim Ausheben von Produktionsstätten oft die Fachabteilungen der Zigarettenindustrie hinzu. Die Experten würden sich die verwendeten Maschinen, das Material sowie die Feintechnik anschauen – in der Hoffnung, weitere Erkenntnisse daraus zu ziehen.

Die meisten Maschinen zur Herstellung von Zigaretten und deren Verpackung sind kopierte Industrietechnik aus China oder Indien. "In diesem Geschäft ist derart viel Geld, dass die kriminellen Netzwerke immer einen Zugang zur Technik, zu Rohstoffen und gefälschten Steuerbanderolen und Markenverpackungen sowie zu Fachpersonal finden", so Körner.

Kleindealer und Kioske sind die Vertriebswege

Die Vertriebswege für die gefälschte oder geschmuggelte Ware sind kleinteilig und ähneln dem Drogenhandel. Viel wird über Kleinhändler verkauft – entweder privat oder in kleinen Kiosken unter der Ladentheke. Manchmal würden vermeintlich plausible Geschichten dazu erfunden werden, wonach die angebotenen Markenstangen aus dem Duty-Free kämen und daher so billig seien. Aber auch online und WhatsApp-Gruppen seien ein immer wichtigerer Vertriebskanal. Als neuen Verkaufskanal hat der Zoll Nagel- und Fußpflegestudios ausgemacht.

Trotz der Kleinteiligkeit lohne sich das schnell, so Körner. Statt legal sieben Euro werde eine Schachtel für etwa vier Euro angeboten – bei zehn Schachteln wären das 40 Euro. Die Herstellungskosten seien schon fast vernachlässigbar gering, zumal sich die Hinterhofstätten an keine gesetzlichen Auflagen halten müssten. Geschmack, Qualität des Tabaks, mögliche Schadstoffe wie Cadmium, Blei und andere Schwermetalle spielten bei den Kunden keine Rolle. Der niedrige Preis steche alles, so Körner.

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