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Aidstherapie: "Man kann heute mit Aids alt werden"

Die Aids-Therapie hat große Fortschritte gemacht, HIV-Positive können mit dem Virus im Körper immer länger leben. Die Nebenwirkungen sind dennoch gravierend, sagt Aids-Expertin Helga Neugebauer im stern.de-Interview.

Frau Neugebauer, welche Fortschritte hat die Behandlung von HIV-Positiven in den letzten Jahren gemacht ?

Es gibt noch keine Heilung. Die antiretrovirale Therapie gibt es jetzt seit zehn Jahren; man kann mit ihr die Virusvermehrung stoppen und den Krankheitsverlauf anhalten.

Man kann die Virusvermehrung stoppen?

Ja, aber nur, solange man die Medikamente nimmt. Und solange sie noch wirken.

Weil sich das Virus ständig verändert?

Ja. Wenn die Medikamente keinen genügend hohen Wirkspiegel im Blut haben, können sich die HI-Viren vermehren. Dabei bilden sich auch mutierte Viren, die nicht mehr auf die Behandlung ansprechen.

Das heißt, ein Patient muss darauf achten, die Medikamente regelmäßig zu nehmen?

Genau. Wobei hier die Therapie große Fortschritte gemacht hat. Vor zehn Jahren mussten Patienten noch bis zu 30 Tabletten pro Tag nehmen, verteilt über drei Portionen, zum Teil auch noch essensabhängig - manche musste man nüchtern einnehmen, manche nur zum Essen.

Wie viele Tabletten sind es heute?

Das ist sehr unterschiedlich, weil die Medikamentenkombinationen individuell angepasst werden. Meist sind es fünf bis zehn Tabletten, die ein bis zweimal am Tag einzunehmen sind. Die Wirkstoffe allerdings sind noch immer dieselben wie vor zehn Jahren.

Wie läuft eine typische Behandlung ab?

Zunächst einmal: Die Behandlung ändert sich laufend. Die Leitlinien für eine Aids-Therapie werden auf internationalen Kongressen immer wieder neu diskutiert. Der Patient muss zuerst mit seinem Testergebnis klar kommen. Ein sehr wichtiger Schritt. Ein positives Testergebnis bedeutet zwar heute nicht mehr - wie noch vor zehn Jahren - das Ende einer Karriere, weil man sich nicht mehr sofort mit dem Tod auseinandersetzen muss. Trotzdem ist es für alle erstmal ein Schock. Den Beginn einer antiretroviralen Behandlung und die Kombination der Medikamente muss man strategisch gut planen. Bedenken Sie, dass eine Aids-Behandlung ein Leben lang dauert. Man muss jede Menge Chemie schlucken und die Nebenwirkungen können gravierend sein. Alle drei Monate muss das Immunsystem kontrolliert werden. Das alles ist eine große Belastung für den Patienten. Weil es so wichtig ist, die Medikamente regelmäßig zu nehmen, möchte man, dass die Patienten gut aufgeklärt sind und mitarbeiten.

Wann sollte mit der Therapie begonnen werden?

Manchmal sofort, manchmal ist es aber besser zu warten. Es hängt vom Immunstatus des Patienten ab. Sind noch genügend Helferzellen da? Wie hoch ist die Virusvermehrung? Doch auch wenn man wartet - alle drei Monate wird der Immunstatus kontrolliert und neu entschieden. Entschließt man sich für eine Therapie, muss geklärt werden, ob der Patient dafür auch schon bereit ist. Anfangs fühlt sich der Patient meist gut und überhaupt nicht krank. Trotzdem sagt ihm der Arzt, er soll Tabletten nehmen, die bewirken, dass es ihm erst einmal schlechter gehen kann. Er muss verstehen, dass dies für ihn auf lange Sicht von Vorteil ist - nur so ist eine optimale Zusammenarbeit gewährleistet.

Wie sehen die Nebenwirkungen aus?

Es gibt die Kurzzeitnebenwirkungen zu Beginn einer Therapie, die zwar nicht alle Patienten bekommen, aber oft auftreten: Übelkeit, Kopfschmerzen, Durchfall. Die legen sich aber gewöhnlich nach zirka vier Wochen. Die Langzeitnebenwirkungen sind viel drastischer: Nervenschäden verbunden mit Gefühlsverlusten. Weiterhin treten Fettverteilungsstörungen auf, die Blutfettwerte erhöhen sich und damit steigt das Schlaganfall- und Herzinfarktrisiko. Neben diesen gefährlichen Folgen gibt es auch optische: Das Fettgewebe des Körpers verlagert sich. Im Gesicht und an den Armen verschwindet es, dafür kann der Bauch sehr dick werden. Manche Patienten bekommen auch noch einen Höcker unter der Halswirbelsäule. Diese äußerlichen Nebenwirkungen sind eine große psychische Belastung, da sie den Menschen äußerlich sehr verändern und sie auch oft von anderen darauf angesprochen werden. Zwar kann die plastische Chirurgie da etwas helfen. Das ist aber teuer und die Krankenkasse zahlt eine plastische Operation nicht. Die Nebenwirkungen bilden sich auch nicht mehr zurück, selbst wenn man die Medikamente absetzt. Dadurch sinkt natürlich die Bereitwilligkeit des Patienten, die Tabletten weiter zu nehmen.

Gibt es auch Patienten, die eine Therapie ablehnen?

Ja. Dann ist es wichtig, die Gründe zu klären, oft besteht ein Informationsdefizit. Auch wenn es schwer fällt, sollte der Arzt versuchen, es zu verstehen und zu akzeptieren. Es darf auf keinen Fall soweit kommen, dass das Vertrauensverhältnis leidet und der Patient womöglich gar nicht mehr zum Arzt kommt. Es gibt aber auch Patienten, bei denen eine Therapie tatsächlich nicht nötig ist. Ich kenne Menschen, die seit zehn Jahren infiziert sind und keine Behandlung benötigen. Das Virus vermehrt sich in ihrem Körper kaum. Doch leider sind diese Leute eher die Ausnahme.

Wie hoch ist die Lebenserwartung eines HIV-Positiven heute?

Man kann heute mit Aids alt werden - aber nur wenn alles optimal läuft. Die Lebenserwartung lässt sich nicht in Jahren beziffern, weil so viele Faktoren eine Rolle spielen: Wird der Patient gut behandelt? Wurde die richtige Medikamentenkombination gewählt? Wie viele Begleiterkrankungen hat er? Ein Arzt, der HIV behandeln möchte, muss sehr gut ausgebildet sein. Man kann Fehler machen. Und das kann für die Patienten Verlust von Lebensjahren bedeuten. Es sterben heute weniger Menschen an Aids. Aber dennoch: Eine Therapie kann schlecht laufen. Sie kann auch nicht anschlagen, oder der Patient kann an den Folgen der Nebenwirkungen sterben.

Wieso gibt es wieder so viele Neuinfektionen?

Weil das Thema nicht mehr so präsent ist. Ich erlebe tagtäglich Situationen, dass sogar Kollegen oder medizinisches Personal keine Ahnung von HIV-Übertragungswegen haben. Auch in der Schule wird das Thema viel weniger behandelt als früher. Wir haben daher das "Schoolworker"-Projekt gestartet, um die Aufklärung bei Jugendlichen zu verbessern.

Verleihen die Therapie-Erfolge den Leuten womöglich auch eine trügerische Sicherheit, dass es nicht mehr so sehr auf Safer Sex ankommt?

Auf jeden Fall. Da haben auch die Medien ihre Rolle gespielt. Man darf Erfolge in der Forschung zu sehr hochjubeln, dass die Menschen denken, Aids ist kein Thema mehr. Ganz wichtig ist nach wie vor die Prävention. Die Menschen verändern sich, es gibt neue Medien - Internet, Chatrooms. Die muss man mehr einbeziehen. Zugleich werden aber immer mehr Gelder gestrichen.

Was kostet eine Therapie?

Die ist teuer: Ein Patient kostet rund 1500 Euro pro Monat, und das über viele Jahre. Jeder Neuinfizierte ist eine enorme Belastung für das Gesundheitssystem und jede verhinderte Infektion spart Leid und Geld. Von daher ist es absolut unverständlich, warum die Politik sich mehr und mehr aus der Prävention zurückzieht und Gelder streicht.

Helga Neugebauer ist Fachärztin für Innere Medizin und seit zehn Jahren bei der Aids-Hilfe Hamburg

Interview: Jens Lubbadeh

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