VG-Wort Pixel

Buchautorin Barbara Ehrenreich "Was ich vermisse, ist ein bisschen Realismus"


Positives Denken lässt die Welt verdummen, sagt die amerikanische Autorin und Feministin Barbara Ehrenreich. Ein Gespräch über das internationale Geschäft mit Optimismus, Schönrednerei bei Krebs und illusionslose Wege zum Glück.

Frau Ehrenreich, wenn Sie an einem Baby vorbeigehen: Wollen Sie es zum Lachen bringen?
Immer! Zwanghaft! Ich mache mich zum Affen für ein Babylächeln!

Aber es irritiert Sie, wenn Ihnen im Supermarkt die Verkäuferin einen schönen Tag wünscht?
Ja, denn sie tut es nur, weil ihr Boss sie dazu anhält und weil man es von ihr so erwartet. In Amerika herrscht diese Kultur des Lächelns, die mit echter Freude nichts zu tun hat. Wir sind gut trainiert darin, so auszusehen, als wären wir glücklich und zufrieden. Wir feiern die Ideologie des positiven Denkens.

Das Sie negativ finden: "Wie die Ideologie des positiven Denkens die Welt verdummt", lautet der Untertitel Ihres jüngsten Buches. Was ist so schlecht an einer optimistischen Lebenshaltung?
Ich weiß, ich weiß, das klingt, als würde ich den Weltfrieden ablehnen. Oder als hätte ich nie gute Laune. Tatsächlich macht mich nur die Vorstellung wahnsinnig, dass man mit einem Lächeln und "positiven" Gefühlen sein Leben in den Griff bekommen soll. Dieser Mythos wird einem weisgemacht - am Arbeitsplatz, bei der Partnersuche, sogar wenn man abnehmen will: Lächle, und alles läuft prima.

Sie haben diese Attitüde kennengelernt, als es gerade nicht so prima lief.
Vor acht Jahren bekam ich Brustkrebs. Es ging mir schlecht, ich war verzweifelt und suchte Unterstützung bei anderen Patientinnen und entsprechenden Organisationen. Und da tat sich diese Welt der rosaroten Ansteckschleifchen vor mir auf: Statt dass ich meine Angst mit jemandem teilen konnte, prasselte von allen Seiten das Kommando auf mich ein, das Ganze positiv zu sehen - weil einen die Krankheit ja zwingt, sein Leben zu überdenken, spirituelle Einkehr zu halten. Eine Selbsthilfegruppe druckt sogar "Danke, Krebs!" auf T-Shirts. Ich bekam beinahe ein schlechtes Gewissen, weil ich meinen Krebs nicht willkommen hieß.

Man kann argumentieren, dass eine positive Einstellung einem hilft, solche Tiefschläge durchzustehen.
Sie hilft aber nicht, den Krebs zu besiegen! Sie können grantig sein oder fröhlich, es spielt keine Rolle. Die Krankheit nimmt ihren Gang. Und die Behandlung, Chemotherapie und so weiter, ist barbarisch, wieso sollte ich mich dafür bedanken?

Damit attackieren Sie, wovon viele Menschen fest überzeugt sind: dass innere Einstellung und Heilungschancen eng miteinander verkoppelt sind.
Wie perfide: Da bin ich krank, fühle mich schlecht und soll dann auch noch alle negativen Gefühle wie Wut und Angst unterdrücken, weil ich sonst ja nie mehr gesund werde? Wenn der Krebs also weiterwächst, ist es meine Schuld! Eine These im Übrigen, die sich als falsch erwiesen hat. Eine Studie der Stanford-Universität von 2007 widerlegt ein oft zitiertes älteres Forschungsergebnis, nach dem an Brustkrebs erkrankte Frauen, die Therapiegruppen besuchten, im Schnitt achtzehn Monate länger lebten als Patientinnen, die keine Unterstützung suchten. Positives Denken verlängert nicht das Leben.

Negatives vermutlich auch nicht.
Ich plädiere ja nicht für ausufernden Pessimismus! Was ich vermisse, ist ein bisschen Realismus. Diese Smiley-Industrie infantilisiert uns. Neulich sah ich in der Zeitung eine Anzeige für rosarote Teddybären, die man als Dankeschön für Spenden an eine Krebshilfegruppe bekommt. Sehen Sie, ich habe keine Angst vor dem Tod, aber mir graut vor der Vorstellung, mit einem rosafarbenen Teddybären im Arm zu sterben!

Geht es Ihnen heute wieder gut?
Danke, ja, ich bin fitter denn je. Das "Geschenk", das mir der Krebs gemacht hat, ist diese säkulare Religion des positiven Denkens. Ein Massenwahn, der vorschreibt, die Realität zu leugnen und fröhlich alles Unglück zu ertragen - und weit übers Gesundheitswesen hinaus- geht. In meiner Nachbarschaft gibt es sogar ein Lokal, das sich "Positive Pizza and Pasta Place" nennt - offenbar, um sich von den ganzen negativen und trübsinnigen Pizzabäckern abzusetzen.

Immerhin widmet sich ein neuer Zweig der Psychologie dem Phänomen des positiven Denkens - also dem, was Menschen guttut und sie stark macht.
Diese Leute legen großen Wert darauf, dass sie nichts mit den kommerzialisierten "Pop-Versionen" des positiven Denkens zu tun haben, also mit den ganzen Motivationsrednern und Fernsehpredigern. Ich sehe keinen großen Unterschied. Einer ihrer Hauptvertreter, der Psychologe Martin Seligman, bringt Selbsthilfebücher auf den Markt, die, wie er sagt, tatsächlich helfen. Er behauptet, dass glückliche Menschen länger leben.

Er kommt nicht gut weg bei Ihnen. Dabei untersucht die Positive Psychologie Emotionen und Charakterzüge, die an sich nicht zu Realitätsverlust führen.
Zweifellos: Entschlossenheit, Ehrgeiz, Neugier, Mut - das sind Aspekte des positiven Denkens, die eine große Rolle in unserem Leben spielen. Aber es ist verrückt anzunehmen, dass die Welt sich diesen Geisteskräften unterwirft. Für den Optimisten sieht alles rosig aus, dem Pessimisten scheint alles schwarz. Es ist extrem schwierig, die Dinge so zu sehen, wie sie sind, aber ein gewisses Problembewusstsein hat noch nie geschadet.

Warum glauben so viele Menschen an ihre Selbstoptimierung?
Nun, erstens ist es ein richtiges Geschäft geworden: Viele Leute verdienen ihren Lebensunterhalt als Redner und Ratgeber, vermarkten Bücher zur Selbsthilfe und veröffentlichen DVDs, wie man durch schiere Willenskraft Millionär werden kann. Zum anderen hat sich vor allem in der globalen Geschäftswelt die positive Ideologie als Managementmethode durchgesetzt. Das wurde mir bewusst, als ich für ein Buch mit frisch entlassenen Angestellten sprach. und die rhetorische Zuckerbäckerei hörte: Die Kündigung sei gar nicht so schlimm, wurde ihnen gesagt, sondern im Gegenteil eine Chance zum Neuanfang. Mit positiver Haltung finde sich schon bald etwas Besseres. Die Botschaft also: Klage nicht, ändere deine Einstellung, und alles wird okay sein!

In Ihrem Buch schlagen Sie den Bogen von diesen Motivationsrednern zur Finanzkrise. Wie hängt das zusammen?
Ich sage nicht, dass Zwangsoptimismus der einzige Grund für den Crash war. Aber es gab Firmen, die Mitarbeiter feuerten, weil die vor Verschuldung warnten und das Platzen der Immobilienblase voraussagten. Kurz, weil sie negativ waren. Niemand mag Buhmänner, vor allem nicht im Big Business, dessen Spitzen durchdrungen sind von positivem Denken - alles ist möglich, solange wir nur fest dran glauben.

Ist solch eine Illusionsbereitschaft nicht Ausdruck uramerikanischen Pioniergeists?
Eher einer Rebellion gegen den sauren Protestantismus, der bis ins 19. Jahrhundert das amerikanische Denken bestimmte: Das Dasein ist hart, und was dich Sünder erwartet, ist ewige Hölle. Einige bemerkenswerte Zeitgenossen widersprachen: So schlimm sei das Leben doch gar nicht, man dürfe sich ruhig ein bisschen besser fühlen. Im 20. Jahrhundert entwickelte sich aus diesen eher tröstlichen, heilenden Gedanken dann die Idee, dass man mit der richtigen Einstellung zu Geld und Erfolg komme.

Führt denn dieser Boom an positiver Energie wenigstens zum Glück?
Ich bin sehr misstrauisch. Wie definiert man Glück? Etwa mit Faktoren und Formeln, wie es die Positiven Psychologen versuchen? Alles Unsinn. Wenn Sie mich fragen, ob ich glücklich bin, würde ich jetzt gerade sagen: aber ja. Weil ich nämlich gleich meine Enkelkinder von der Schule abhole und wir zusammen spielen. Aber wenn ich dann in der Post eine Rechnung finde, sieht die Sache ganz anders aus... Im Ernst: Glück ist kein Zustand, und man wird nicht glücklich, wenn man immer nur in sich hineinschaut. Es gibt so viel zu tun auf der Welt, so viel Armut, so viel Krankheit, so viel zu verbessern. Wird uns das gelingen? Wahrscheinlich nicht. Aber für mich ganz persönlich ist es der Versuch, der glücklich macht.

Christine Kruttschnitt

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker