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Gehirndoping: Forscher fordern offene Debatte

Eine Beruhigungspille gegen Leistungsdruck, ein Wachmacher bei Stress - sieht so die Zukunft aus? Sieben Wissenschaftler haben jetzt ein Memorandum veröffentlicht, in dem sie fordern, offen über Gehirndoping zu debattieren. Eine Streitschrift, die polarisieren dürfte.

Wissenschaftler sprechen sich für eine offene Debatte über das Thema Gehirndoping aus

Wissenschaftler sprechen sich für eine offene Debatte über das Thema Gehirndoping aus

Die grüne Pille für die hochkonzentrierte Prüfung oder die rote Tablette, die im Streit mit dem Partner für mehr Empathie sorgt - sie sind noch Zukunftsmusik. Wer Gehirndoping betreibt, nutzt dazu in der Regel pharmazeutische Mittel, die für Krankheiten zugelassen sind: Ritalin zum Beispiel oder den Wachmacher Modafinil oder bestimmte Psychopharmaka. Das Problem: Über die Wirkungen und Nebenwirkungen dieser Pillen bei Gesunden gibt es bis jetzt keine Studiendaten. Nach Ansicht von Wissenschaftlern ist es allerdings höchste Zeit, die Debatte um pharmazeutische "Leistungssteigerer" und "Glückspillen" offener zu führen. Sieben Mediziner, Philosophen und Juristen plädieren in dem Memorandum "Das optimierte Gehirn" nun für einen liberalen, aber kritischen Umgang mit sogenannten "Neuro-Enhancement-Präparaten" (NEP), frei übersetzt: Präparate zum Nerven-Doping.

Was passiert, wenn in Zukunft immer mehr Gesunde zu Tabletten greifen, um ihre Leistungen zu steigern? Und wenn extra Pillen entwickelt werden, um das Gehirn zu optimieren? Welche Probleme und neue Möglichkeiten - für den Einzelnen und für die Gesellschaft - resultierten daraus? Sollte Gehirndoping raus aus der "gesellschaftlichen 'Schmuddelecke'"? Diese Fragen untersuchen die Autoren des Memorandums, das aus einem vom Bundesforschungsministerium finanzierten Projekt hervorgegangen und in der Zeitschrift "Gehirn & Geist" veröffentlicht ist.

Keine grundsätzlichen Einwände

"Wir vertreten die Ansicht, dass es keine überzeugenden grundsätzlichen Einwände gegen eine pharmazeutische Verbesserung des Gehirns oder der Psyche gibt", schreiben die Wissenschaftler darin. Im Gehirndoping sehen sie vielmehr die "Fortsetzung eines zum Menschen gehörenden Optimierungsstrebens mit anderen Mitteln". Sprich, wer zum Kaffee greift, um sich wach zu halten, dürfe bei Pillen nicht plötzlich davon sprechen, dass dies unnatürlich und daher zu verdammen sei. Was spräche gegen Gehirndoping, wenn diese Mittel "tieferen Musikgenuss, größere Empathiefähigkeit oder den leichteren Erwerb von Fremdsprachen ermöglichen"? Schließlich müsse ein liberaler Verfassungsstaat jedem Einzelnen das Recht gewähren, für sich selbst zu entscheiden, ob er Medikamente einnehmen will, um seine Leistung zu steigern. Verbote, so sind die Forscher überzeugt, können nur der letzte Ausweg sein. Unter Umständen, etwa wenn soziale Ungerechtigkeiten verschärft würden, weil sich nicht jeder die Mittel leisten könnte, müssten Staat und Gesetzgeber jedoch regulierend eingreifen.

Und es müsse genau hingeschaut werden. "Wenn jemand diese Präparate nehmen würde, nur weil alle sie nehmen und er sich unter Druck gesetzt fühlt, sonst nicht bestehen zu können, dann ist das ohne Zweifel problematisch", sagt der Philosoph und Projektkoordinator Thorsten Galert von der Europäischen Akademie zur Erforschung von Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen mit Sitz in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Das grundlegende Problem seien dann jedoch nicht die Präparate, sondern der wachsende Leistungsdruck in der Gesellschaft, den es zu verändern gelte. "Die Medikamente behandeln nur die Symptome."

Daten zu Nebenwirkungen bei Gesunden fehlen

Die Krux der derzeitigen Situation: Es gibt überhaupt keine Daten zu Nebenwirkungen und Langzeitfolgen der derzeit als NEPs genutzten Substanzen bei Gesunden. Es fehlen Forschungen, die auch über eventuelle Probleme neuer Substanzen zur Leistungsoptimierung - wie Gefühle der Selbstentfremdung oder Persönlichkeitsveränderungen - aufklären würden. "Es wäre falsch, die Durchführung entsprechend komplexer Wirkungsstudien allein den Pharmaunternehmen zu überlassen", sagt Galert. Auch dem Trend zur "Pathologisierung" kleinster Verhaltensauffälligkeiten könne so begegnet werden - bisher werden Mittel wie Ritalin, Modafinil oder Antidementiva nämlich nur bei Krankheit verschrieben. Wer sie dennoch haben will, bezieht sie in der Regel illegal über das Internet.

Auch der Philosoph Thomas Metzinger, der an der Uni Mainz ein weiteres Forschungsprojekt zu diesem Thema koordiniert, glaubt, dass die Entwicklung nicht aufzuhalten ist. "Im Grunde haben wir es beim Enhancement ja mit einer 'Schönheitschirurgie für die Seele' zu tun." Deshalb sei der Trend auch in den USA mit ihrem anderen Körperbild schon viel verbreiteter als in Deutschland. Die Autoren des Memorandums sehen nun auch in Deutschland die Zeit gekommen, "das offenbar schon heute vorhandene Bedürfnis nach pharmakologischer Unterstützung der Psyche zu enttabuisieren".

DPA/lea / DPA
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