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Gehirndoping: "Wir müssen mit dem Fortschritt umgehen"

Höher, schneller, weiter. Was Sportler seit Langem antreibt, ist auch in der Arbeitswelt angekommen. Um dem Leistungsdruck standzuhalten, greifen immer mehr Menschen zu Medikamenten. Forscher fordern daher schon länger, eine öffentliche Debatte über die Konsequenzen des Gehirndopings zu führen.

Von Marie-Luise Braun

Ein Löffel voller Pillen für eine bessere Leistung? Forscher fordern eine öffentliche Debatte über Gehirndoping mit Medikamenten

Ein Löffel voller Pillen für eine bessere Leistung? Forscher fordern eine öffentliche Debatte über Gehirndoping mit Medikamenten

Psychopharmaka werden nicht nur von Kranken genommen. Auch Gesunde greifen zu den Pillen, um ihre Leistung zu steigern. Eine im Februar veröffentlichte Studie der DAK zeigte, dass das Pillenschlucken auch im Arbeitsalltag angekommen ist. Aber im Gegensatz zu den verschriebenen Medikamenten entscheidet dort jeder selbst, ob und wann er welches Mittel nimmt. Saskia Nagel, Neuroethikerin am Institut für Kognitionswissenschaft der Universität Osnabrück, stellt das infrage. "Wenn vier Kollegen einer Arbeitsgruppe zu solchen Mitteln greifen, muss sich der fünfte entscheiden, ob er darauf verzichten will. Es entsteht sozialer Druck und der ist problematisch", sagt die Wissenschaftlerin.

Der Einzelne ist mit der Entscheidung überfordert

Der Einzelne könne jedoch kaum die Folgen überschauen und mit einer Entscheidung für oder gegen die Einnahme überfordert sein, meint Nagel, die sich in ihrer Doktorarbeit mit den ethischen und sozialen Konsequenzen der Manipulation des Gehirns beschäftigt hat und dafür mit dem Barbara-Wengeler-Preis ausgezeichnet wurde. Ihr Fazit: Wir brauchen eine öffentliche Diskussion zu diesem Thema. Wie viel Leistungsdruck ist gesund und ethisch vertretbar? Wann hört der Wettbewerb auf und wo fangen Selbstausbeutung und Gesundheitsgefährdung an? Und wer soll entscheiden, ob und wie viel Cognitive Enhancement erlaubt sein soll?

Die Tendenz, sich auszuprobieren, sich zu verändern, Grenzen auszuloten und sich zu verbessern bezeichnet Nagel als normal. "Der Forschergeist ist eine entscheidende Eigenschaft des Menschen - und die sollte auch nicht voreilig eingeschränkt werden", meint die 28-Jährige. Schwierig sei es indes für den Einzelnen und die Gesellschaft, eine Balance zu finden zwischen der Neugier und der Vorsicht im Umgang mit dem eigenen Körper. Beim Doping im Gehirn verschiebt der Mensch seine Grenze. Zumeist werden Mittel eingenommen, die die Konzentration fördern oder dabei helfen, länger wach und aufmerksam zu sein. Laut DAK-Studie greifen vor allem Männer zu aufputschenden, konzentrationsfördernden Pillen, Frauen dagegen nehmen eher Medikamente zur Beruhigung oder gegen Ängste.

"Man kommt an die Mittel relativ einfach dran", meint Nagel. Wie die DAK-Studie gezeigt hat, werden verschreibungspflichtige Mittel abweichend von ihrer Zulassung oder ohne Diagnose verschrieben. Ein Beispiel: Der Wirkstoff Piracetam ist eigentlich gegen Demenz zugelassen. Die Verschreibungspraxis lege aber den Verdacht nahe, dass es als Aufputschmittel für das Gehirn eingesetzt wird.

Das Nervensystem braucht Entspannung und Ruhe

Für eine dauerhafte Belastung ist das Nervensystem allerdings nicht gemacht. Es braucht Schlaf, Phasen der Entspannung und Ruhe. Überstimulation kann Folgen haben, wie Burn-out oder Depressionen. Dies wiederum wirkt sich auf das soziale Miteinander und das Gesundheitssystem aus. Möglicherweise wird somit das Ziel - die Leistungsfähigkeit zu erhöhen - langfristig gerade verfehlt. Um das beurteilen zu können, bräuchte es allerdings Studien, die untersuchen, ob die Mittel bei Gesunden überhaupt wirken und welche Gefahren eine Einnahme über eine längere Zeit in sich birgt. Nagel fordert daher Langzeitstudien, die sich dem auch in Deutschland stärker werdenden Enhancement widmen. Als grundsätzlich gefährlich würde sie die Einnahme solcher Pillen zur Steigerung der Leistung nicht bezeichnen - jedoch sind es immer Eingriffe in das Nervensystem, die auch unvorhersehbare und tiefgreifende Folgen haben können. Das gelte vor allem dann, wenn sie ohne genaue ärztliche Kontrolle eingenommen werden.

Wer aber soll entscheiden, wie weit für wen die Verantwortung geht, wie frei der Einzelne in seiner Entscheidung für oder gegen die Einnahme solcher Mittel ist? "Es dauert lange, bis so eine Diskussion bei den Entscheidungsträgern ankommt - die Entwicklungen in den Laboren gehen oft so schnell, dass die Reflektion kaum rechtzeitig geschehen kann", sagt Nagel. Sie sieht es positiv, dass der Deutsche Ethikrat sich im Frühjahr dieses Jahres erneut mit Fragen über die Manipulation des Gehirns befasst hat.

In Amerika ist die Diskussion schon längst angestoßen. Dort hat die Neuropsychologin Barbara Sahakian aus Cambridge gemeinsam mit Kollegen gefordert, sich auf eine Zukunft vorzubereiten, in der Berufstätige zur Leistungssteigerung Pillen schlucken. Mit der Psychiaterin Sharon Morein aus Oxford hat sie vor einem Jahr durch einen Beitrag in der Fachzeitschrift "Nature" eine Diskussion über Enhancement bei Professoren und Studenten ausgelöst. In einem anderen Beitrag sehen Neuroforscher, Ethiker und Juristen um Henry Greely von der Stanford Law School Wissenschaftler und Politiker in der Pflicht, die Wirkung der Arzneimittel bei Gesunden zu untersuchen, Richtlinien zu entwickeln und über Risiken, Vorteile und Alternativen zu informieren.

"Die Erkenntnisse der Neurowissenschaften und die Medikamente sind ein wichtiger Fortschritt, und mit diesem Fortschritt müssen wir umgehen", sagt Nagel. Eine Handlungsempfehlung für den Umgang mit Enhancement zu geben, hält sie allerdings für unangemessen, klare Gesetze zu formulieren sei schwierig. "Die Mittel können nicht einfach verboten werden", sagt die Wissenschaftlerin. Ob ein Mensch bestimmte Medikamente nehmen darf, müsse immer in Abhängigkeit von der Situation beurteilt werden, in der er sich befindet. "Dabei muss auch das gesellschaftliche Umfeld berücksichtigt werden." Deshalb fordert Nagel letztlich auch eine öffentliche Debatte darüber, wie weit das Streben nach dem persönlichen Optimum gehen darf - sowohl in der Arbeitswelt, als auch im persönlichen Bereich. Wer Enhancement betreibe, versuche, sich selbst zu kontrollieren. Und da sei es wichtig, sich auch selbst zu fragen: Wie viel Kontrolle ist eigentlich gesund?