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Kopfwelten: Hirndoping für alle

Ärzte, Piloten, Schüler - viele gesunde Menschen steigern mit Medikamenten ihre geistige Leistungsfähigkeit. Und die Nachfrage steigt. Forscher fordern jetzt: Der verantwortliche Umgang mit solchen Mitteln sollte erlaubt werden. Das wirft nicht nur medizinische Fragen auf. Was ist zum Beispiel der ethische Unterschied zwischen einem Espresso und einem Aufputschmittel?

Von Frank Ochmann

Einfach etwas fitter und freier im Kopf werden

Einfach etwas fitter und freier im Kopf werden

Kennen Sie das lähmende Angstgefühl, das einem während einer Prüfung sogar das Atmen schwer machen kann? Haben Sie schon Blackouts erlebt, wenn Sie unter zeitlichem Druck aus ihrem Gehirnkasten herauskramen mussten, was sie zuvor über Monate mit viel Fleiß hineingelegt hatten? Kam in Ihnen folglich der Wunsch auf, solche geistigen Krämpfe schnell lösen zu können? Oder überhaupt auf einfache Art etwas fitter und freier im Kopf zu werden, als Sie es von sich gewohnt sind?

Yoga oder Autogenes Training wären eine Möglichkeit. Sie könnten ihrem trägen Hirn auch mit einem akademisch zertifizierten Daddelautomaten aus Japan auf die Sprünge zu helfen versuchen, die Wirkung eines Maskottchens oder einer wundertätigen Medaille erflehen - oder Sie nehmen einfach eine Pille. Wäre das nicht verlockend, um ein bisschen mehr Dampf unter der Schädeldecke zu machen oder ihn nach Bedarf auch wieder abzulassen?

Diskussion über Hirndoping unter Chirurgen

Wie viele sich so schon intellektuell an- oder abtörnen, ist schwer herauszubekommen. Hierzulande gibt man sich noch zurückhaltend und setzt, wenn es offiziell wird, eher weiter auf preußische Tugenden wie Fleiß und Disziplin. Doch auch schon vor gut dreißig Jahren wurde an den Unis vom freundlichen Medizinstudenten um die Ecke Valium an die Bedürftigen verteilt, wenn die Examenstermine heranrückten und die Glieder angstvoll schlotterten. Und heute sind es längst nicht mehr nur Journalisten, die Gedankenblitze auch mal neurochemisch zünden, um Schreibhemmungen oder sonstigen geistigen Minderleistungen zu begegnen. (Um entsprechenden Fragen zuvorzukommen: Dieser Text entstand bis auf zwei Gläser koffeinhaltiger Brause unter drogenfreien Bedingungen.)

Anfang 2008 begannen zum Beispiel Londoner Mediziner eine öffentliche Diskussion über das Hirndoping unter Operateuren. "Patienten wird zunehmend bewusst, wie unterschiedlich die Leistungen ihrer Chirurgen sind", hieß es da in einem Fachblatt. "Und die Zeit wird kommen, in der sie uns vielleicht fragen, was wir tun oder nicht tun, um unsere geistige Leistungsfähigkeit zu steigern und worauf wir unsere Entscheidung stützen." Die öffentliche Debatte über solche Fragen sei darum unvermeidlich, schließt der Artikel. "Wir können nicht länger warten."

Es geht beim geistigen Tuning also nicht nur um ängstliche Schüler und Studenten, die sich unter dem Leistungsdruck ihrer Lehrer, Eltern und Konkurrenten nur durch Zuflucht bei der Pharmaindustrie zu helfen wissen. Auch Mediziner, Piloten, Berufskraftfahrer, "Kreative" greifen heute schon mehr oder minder gewohnheitsmäßig zu Helfern aus dem Pillenglas, von "klassischen" Drogen ganz zu schweigen. Und morgen?

"Verantwortlicher Gebrauch von kognitionsstärkenden Medikamenten"

Über das wöchentliche Magazin "Nature" - neben "Science" eine der beiden fachübergreifenden publizistischen Säulen weltweiter Forschung - haben sich nun sechs Wissenschaftler von internationalem Rang gemeinsam mit dem Chefredakteur dafür ausgesprochen, auf einen "verantwortlichen Gebrauch von kognitionsstärkenden Medikamenten durch Gesunde" zuzugehen. Kurz und knackig: Hirndoping soll sauber sein. Die Nachfrage sei wachsend, heißt es in dem Appell, und die Gesellschaft sollte nicht länger eine breite Debatte zu diesem Thema verweigern.

Die Datenlage ist noch recht mager, denn vielerorts sind solche beflügelnden Selbstmedikationen schlicht illegal. Bei Umfragen in den USA gaben anonym immerhin etwa sieben Prozent der Studierenden zu, Gehirndoping auf die eine oder andere Art schon einmal probiert zu haben. Diese Versuchung legt sich offenbar nicht in späteren Lebensjahren. Eine Umfrage unter Wissenschaftlern aller Altersgruppen ergab, dass sich 20 Prozent mehr oder minder regelmäßig per Pille stärkten, vor allem um sich besser konzentrieren zu können. An der Spitze der Drogen lag mit über 60 Prozent "Ritalin", ein Medikament gegen das "Zappelphilipp-Syndrom" bei Kindern, gefolgt von Modafinil und einem weiteren Aufputschmittel. Die meisten Hirndoper kannten auch andere, die es taten.

Was ist der Unterschied zwischen Espresso und Modafinil-Tablette?

"Cognitive enhancement", wie Fachleute sagen, kann als wachsendes Phänomen offenbar nicht länger geleugnet werden, auch wenn die Fallzahlen noch ziemlich überschaubar sind. Das muss kein Nachteil sein, denn damit ist es möglich, grundlegende Fragen zu diskutieren und vielleicht auch im gesellschaftlichen Konsens zu beantworten, bevor alle Dämme gebrochen sind. Fragen wie diese: Was macht ethisch gesehen den Unterschied zwischen einem überall willkommenen doppelten Espresso und einer Modafinil-Tablette aus, wie sie amerikanische Kampfpiloten schon seit einigen Jahren einwerfen? Ist die Absicht sich aufzuputschen nicht in beiden Fällen identisch oder wenigstens sehr ähnlich? Ist beides darum gleich "gut"?

Irgendwas sträubt sich vermutlich bei vielen von uns in der Magengegend. Denn ist von Drogen die Rede, kommen einem schnell Bilder in den Sinn, wie sie alle Großstädter kennen: Verwahrloste, zugedröhnte Gestalten auf Bahnhöfen und an einschlägigen Treffpunkten, die zitternd Bares gegen Pulver und Pillen tauschen. Trotzdem machen wir Unterschiede. Denn auch Alkohol, Koffein und Nikotin sind Drogen. Letztere rutscht zwar gerade immer tiefer in den sozialen Igitt-Bereich. Doch was gesetzlich gebilligt wird und was nicht, ist in erster Linie keine Frage der Gefährlichkeit, sondern des jeweiligen gesellschaftlichen Geschmacks. Und der beurteilt nicht nur den Stoff selbst, sondern auch die Situation, in der er zum Einsatz kommt. Wohl niemand bei Verstand käme auf den Gedanken, Krebskranken Morphin, das aus dem sonst so geächteten Opium gewonnen wird, verbieten zu wollen.

Ja, es gibt einen ganzen Sack voll Bedenken gegen das Hirndoping. Auch medizinische. Denn was solche Medikamente vor allem auch beim Dauergebrauch durch Gesunde anrichten, ist so gut wie unbekannt. Dasselbe gilt für ihr Suchtpotenzial. Immerhin etwa die Hälfte derer, die ihre geistige Leistung per Pille steigern wollen, berichten von unangenehmen Nebenwirkungen und fordern ärztliche Kontrollen oder klare Altersbeschränkungen. Abgesehen davon bleibt die ethische Frage: Wollen wir das? Soll es künftig erlaubt sein, unsere grauen Zellen nicht nur durch Gehirnjogging fit zu machen, sondern auch mit Mitteln aus der Apotheke?

Ein bisschen lässt es einen vielleicht auch noch erschaudern, bei zweien der Unterzeichner des Nature-Appells den Namen des einstigen Pharmariesen Wellcome als Sponsor der jeweiligen Institute zu lesen. Der Wellcome Trust, eine gemeinnützige Stiftung zur Förderung der medizinischen Forschung, hat zumindest direkt längst nichts mehr mit der Medikamentenindustrie zu tun. Und doch ließe sich zweifellos viel Geld machen, wenn potente Pillen künftig einen selbstverständlichen Platz neben Blackberry und goldfarbenen Plastikkarten fänden. Es gibt also massive finanzielle Interessen auf diesem Feld. Aber auf welchem nicht?

Zweifellos stehen wir somit vor einem moralischen Dilemma: Soll es künftig erlaubt, erwünscht oder auch nur schick sein, die Neurochemie des Gehirns gezielt zu stimulieren? Damit wir tiefer denken, schneller assoziieren oder vielleicht auch intensiver fühlen können? Könnten wir das überhaupt verhindern, wenn wir wollten? Bevor wir in spontane Entrüstung ausbrechen und Moralinsaures verbreiten, sollten wir jedenfalls einen Moment still werden und in uns hineinhören. Verlogene Debatten haben wir nämlich schon genug.

Literatur:

Gazzaniga, M. 2005: The Ethical Brain, Chicago: University of Chicago Press; deutsch 2007: Wann ist der Mensch ein Mensch? Antworten der Neurowissenschaft auf ethische Fragen, Düsseldorf: Patmos
Greely, H. et al. 2008: Towards responsible use of cognitive-enhancing drugs by the healthy, Nature 456, 702-705
Maher, B. 2008: Poll results: look who's doping, Nature 452, 674-675
Metzinger, T. 2005: Neuroethik - Unterwegs zu einem neuen Menschenbild, Gehirn&Geist 11/2005, 50-54
Sahakian, B. & Morein-Zamir, S. 2007: Professor's little helper, Nature 450, 1157-1159
Warren, J.O. et al. 2008, The Neurocognitive Enhancement of Surgeons - An Ethical Perspective, Journal of Surgical Research, vorab online

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