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Interview: Das Perfide an der Sucht

Egal ob Alkohol, Drogen oder Glücksspiel: Wer einmal süchtig ist, bleibt sein Leben lang gefährdet. Im stern.de-Interview spricht Mediziner Thorsten Kienast von der Berliner Charité über Hirnforschung, Parallelen zwischen Abhängigkeit und Verliebtsein und die Tricks der Alkoholindustrie.

Herr Kienast, die Abteilung Suchtmedizin der Berliner Charité erforscht, wie die Sucht im Gehirn wirkt. Können Sie diese Projekte genauer beschreiben?

Wir machen verschiedene Untersuchungen: Mithilfe der Magnetresonanztomographie kann man etwa sehen, welche Hirnregionen während der Bearbeitung verschiedener Aufgaben einen höheren Sauerstoffverbrauch haben als andere - also aktiv sind. Wir haben Alkoholabhängigen sowie nicht Süchtigen während der MRT-Messung Bilder von alkoholischen Getränken gezeigt und die Reaktion des Gehirns aufgezeichnet. Dabei haben wir gesehen, dass die Fotos lediglich im Gehirn der Süchtigen den Nucleus accumbens aktivieren, eine Region, die auch als Belohnungszentrum bekannt ist.

Das Belohnungssystem hat natürlich auch bei Gesunden eine entscheidende Bedeutung beim Handeln: Wenn wir beispielsweise im Sommer Lust auf ein Eis bekommen, ist das Belohnungszentrum aktiv. Es sorgt auch dafür, dass wir morgens aufstehen, obwohl es kalt und dunkel ist – und liefert uns Antrieb. Die Reaktion des Belohnungszentrums auf diverse Reize ist also ein wichtiger und natürlicher Mechanismus - nur bei Süchtigen hat sich dieser Prozess ins Krankhafte verändert: Die Hirnregion reagiert dann sehr heftig aber auch sehr spezifisch auf entsprechende Suchtstoffe.

Warum ist das so problematisch?

So entsteht das Verlangen der Abhängigen nach dem Suchtstoff. Das nun aktivierte Belohnungszentrum sendet sofort Signale an eine benachbarte Hirnregion, die dorsales Striatum genannt wird. In dieser Region sind sogenannte Verhaltensschablonen gespeichert. Es aktiviert Handlungen, die für die Beschaffung des Suchtstoffes nötig sind. Meist ohne dabei "den Rest des Gehirns" um Erlaubnis zu fragen. Verhaltensschablonen sind komplizierte automatisierte Handlungsabläufe, die irgendwann einmal mit Aufwand gelernt werden mussten, nun aber völlig automatisch ohne Nachdenken ablaufen - wie etwa das Binden der Schnürsenkel.

"Der Rest des Gehirns wird nicht um Erlaubnis gefragt" - was meinen Sie damit?

Das Planen und differenzierte Denken, somit auch die bewusste Entscheidung für oder gegen eine Handlung, finden im Stirnlappen statt, einer völlig anderen Region im Gehirn. Aber der ist beim Zusammenspiel von Belohnungszentrum und dem dorsalen Striatum im schlimmsten Fall komplett außen vor. Deshalb denken Süchtige zwar "Wenn du jetzt nicht aufhörst, verlierst du den Job", "Ich sollte mir Hilfe suchen" oder "Dieses Mal schaffe ich es bestimmt abstinent zu bleiben", aber sie gehen oft trotzdem ihrer Sucht nach.

…und können sich nicht einfach zusammenreißen?

Nein - oder nur unter großen Schwierigkeiten. Wir nennen diesen Prozess Magnetverhalten. Die Personen fühlen sich von etwas angezogen, obwohl sie das gar nicht wollen. Das wurde - und wird - als Willensschwäche fehlinterpretiert. Aber von diesem Urteil müssen wir aus neurobiologischer Sicht definitiv Abschied nehmen. Ein Süchtiger kann natürlich den Entschluss fassen, etwas gegen die Sucht zu unternehmen - oder eben nicht -, aber das Magnetverhalten bleibt erst einmal bestehen. Das Umfeld des Betroffenen sagt dann meist: "Der will ja nicht." Das ist falsch! Er kann nicht!

Welche Vorgänge im Gehirn spielen dabei noch eine Rolle?

Mithilfe der Positronen-Emissions-Tomographie lässt sich beobachten, welches Botenstoffsystem im Gehirn an einem Prozess beteiligt ist. Bei Süchtigen ist das dopaminerge System gestört - es beeinflusst das Belohnungsverhalten. Untersuchungen deuten zum Beispiel daraufhin, dass das Verlangen nach Alkohol umso größer ist, je stärker die Störung im Dopaminhaushalt ausgeprägt ist.

Was bewirkt Dopamin?

Es ist wahrscheinlich kein Glücksstoff, sondern hat mit Aufmerksamkeit, mit Lernen zu tun. Das ist das Perfide an der Sucht: Man lernt, auf sogenannte hinweisgebende Reize zu reagieren. Bei Spielsucht können das die Töne des Spielautomaten sein. Oder das Flackern der Automatenlichter, die man aus dem Augenwinkel wahrnimmt. Dann setzt das Magnetverhalten ein. So ein Reiz kann schnell wichtig werden, auch unabhängig von einer Sucht. Ein Beispiel: Ein verliebter Teenager weiß, dass die Familie des Mädchens einen roten Golf fährt. Plötzlich sieht er ständig rote Golfs auf den Straßen. Gegen diese Verschiebung der Aufmerksamkeit kann man sich kaum wehren. Und mehr noch: Der Anblick eines roten Golfs kann dazu führen, dass er zum Telefonhörer greift und versucht, das Mädchen anzurufen, obwohl er vielleicht weiß, dass der Anruf zu einer peinlichen Situation führen wird. Das ist das Problem. Es reichen sogar innere Bilder und Erinnerungen, um das Magnetverhalten auszulösen.

Wenn ich sehe, dass oft während eines Fußballspiels eine erstaunlich kurze Sequenz einer Bierwerbung gezeigt wird, habe ich das Gefühl, die Alkoholindustrie hat viele wissenschaftliche Studien gelesen. Denn während sich jeder gesunde Ästhet über die hektische, kurze Werbung wundert, geht der Süchtige sofort zum Kühlschrank und holt ein Bier. Und wenn dort keins ist, geht er zum Kiosk, weil das Bier dann wichtiger ist als das Fußballspiel.

Welche Rolle spielt die Vererbung bei der Entstehung einer Sucht?

Eine Alkoholabhängigkeit ist zu 50 bis 60 Prozent auf die Genetik zurückzuführen, das weiß man aus Zwillingsstudien. Aber: Sie können nicht drei Gene ausschalten und dann wird kein Mensch mehr süchtig. Es gibt sehr viele Gene, welche das Suchtrisiko beeinflussen, und wir können diese noch längst nicht alle benennen.

Können Sie ein Beispiel nennen, wie vererbte Faktoren das Risiko einer Sucht erhöhen?

Es gibt Menschen, die stark durch Alkohol beeinflusst werden, also schnell betrunken sind und immer einen Kater am nächsten Morgen haben. Und es gibt Menschen, die viel trinken und trotzdem kaum etwas bemerken. Letztere sind eher gefährdet, eine Abhängigkeit zu entwickeln, denn die Entstehung des Alkoholismus ist nicht an Betrunkenheit oder den Kater gekoppelt. Gerade diese Menschen sind oft bestürzt, wenn ihnen ein Alkoholproblem auf den Kopf zugesagt wird, weil sie schließlich immer alle unter den Tisch getrunken haben. Die Genetik ist natürlich nicht alles. Nur wenn die Umstände so sind, dass Alkohol attraktiv wird und die Verhältnismäßigkeit verloren geht, ist die Gefahr einer Suchtentwicklung deutlich erhöht.

Verändern neue Forschungsergebnisse bereits die Suchttherapie?

Wir lassen an der Charité neurobiologische Erkenntnisse in die Therapie einfließen. Wir wissen inzwischen etwa, dass Süchtige in der ersten Phase der Entgiftung ein großes Problem haben, alte Reize zu ignorieren und neue als wichtig zu erlernen. Deshalb müssen Therapeuten in dieser Phase deutlich mehr Geduld einbringen, als sie das früher getan haben. Wir schicken die Patienten auch nicht frühzeitig zurück nach Hause, wenn die Rückfallgefahr im akuten Entzug noch zu hoch ist. Es braucht einfach Zeit, bis das Gehirn sich umstrukturiert und der Stirnlappen wieder eingreifen kann, sodass der Mensch die Sucht überwindet.

Lassen sich die hinweisgebenden Reize überhaupt verlernen, sodass ein Abhängiger die Sucht komplett ablegt?

Derzeit gehen Mediziner davon aus, dass bei einem Menschen, bei dem einmal eine Abhängigkeitserkrankung festgestellt wurde, die Diagnose für den Rest des Lebens bestehen bleibt. Das ist streng genommen auch der Fall, wenn es der Person gelingt, kontinuierlich abstinent zu leben. Ein tragender Grund dafür ist, dass die Betroffenen immer wieder Gefahr laufen, rückfälliges Verhalten zu entwickeln. Vermutlich spielen hierbei solche hinweisgebenden Reize oder Erinnerungen eine entscheidende Rolle. Ein Beweis aus der Hirnforschung steht aber noch aus. Die Verlaufsbeobachtung der Patienten zeigt allerdings, dass der Einfluss hinweisgebender Reize mit zunehmender Dauer der Abstinenz abnimmt - und das stärkt wiederum das Vermögen, abstinent zu bleiben.

Interview: Nina Bublitz
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