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Kopfwelten: Vertrauen ist wie Schokolade

Was passiert im Gehirn, wenn wir einen anderen Menschen einschätzen? Wenn wir mittags ein Gericht auswählen? Forscher ergründen und vergleichen diese Prozesse immer genauer - und kommen zum Teil zu Ergebnissen, die manchen schwer irritieren.

Von Frank Ochmann

Ständig entscheiden wir, mit wem wir Zeit verbringen möchten - und mit wem nicht

Ständig entscheiden wir, mit wem wir Zeit verbringen möchten - und mit wem nicht

Allein sind wir selten: Wir wachen vielleicht schon neben einem anderen Menschen auf, begegnen einander auf der Straße oder bei der Arbeit, in der Kneipe. Wir grüßen uns, nicken, scherzen oder grummeln auch mal. Wenn es ernst wird, müssen wir miteinander verhandeln, streiten, Zusagen machen oder fordern. Und ständig rattert es in unseren Köpfen: Wer ist dieser Mensch da gegenüber? Was denkt und fühlt er? Was hat er vor? Letztlich müssen wir einschätzen (da sind wir alle ein bisschen wie George Bush): Bist du für mich oder gegen mich? Freund oder Feind?

Ganz automatisch finden solche gegenseitigen Abschätzungen statt und zumeist tief in unserem Unbewussten. Trotzdem kommen wir dadurch Tag für Tag zu handfesten Ergebnissen: Wir arbeiten und teilen unsere Zeit am liebsten mit Menschen, denen wir vertrauen. Auf der anderen Seite meiden wir, so gut es geht, alle, die wir nicht mögen oder von denen wir sogar Übles befürchten. Solche Entscheidungen sind uns so geläufig, gehören so untrennbar zu jedem unserer Tage, dass wir uns darüber kaum Gedanken machen. Wissenschaftler versuchen trotzdem, diese Prozesse zu ergründen.

Wer ist vertrauenswürdig und wer nicht?

Timothy Behrens und seine Psychologenkollegen von der Universität Oxford wollten wissen, wie wir gelernte Informationen aus unserer Umgebung so verarbeiten, dass es am Ende unser Verhalten beeinflusst. Wie kommen wir zum Beispiel durch Erfahrungen zu dem Schluss, wer vertrauenswürdig ist und wer nicht? Dass der im Gehirn reift, war natürlich klar. Aber wo genau? Und wie?

Da soziale Abschätzungen kompliziert sind, werden sie im besonders hoch entwickelten vorderen Teil unseres Gehirns vorgenommen, der geschickt mit den verschiedenen Fürs und Widers umgehen kann. Das Ziel bei den Entscheidungen letztlich immer gleich: Möglichst gut soll es uns gehen. Darum tendieren wir zu Handlungsalternativen (und Menschen), die viel Spaß und wenig Kummer versprechen. Oder zu Gerichten, die besonders schmackhaft sind. Oder zu wärmendem Sonnenschein am Strand statt zu kaltem Schmuddelwetter in der Stadt. In jedem Fall ziehen wir Informationen aus unserer Umgebung und kommen dann zu entsprechenden Schlüssen. Aber muss es nicht Unterschiede geben?

Tatsächlich nahmen viele Experten an, dass zum Beispiel die Wahl zwischen Spaghetti Carbonara und Vongole auf die eine Art im Gehirn geschieht und die zwischen Vertrauen oder Misstrauen auf eine andere. Was uns besser schmeckt, wäre demnach eine einfachere Entscheidung als die, ob wir uns einem Menschen nahe fühlen oder nicht. Behrens und seine Kollegen zeigten durch Kernspinuntersuchungen, dass wir doch eher simpel gestrickt sind: Ob es um's Fressen geht oder die Moral, alles läuft offenbar über dieselben abwägenden Systeme im Kopf. Letztlich zählt, was uns angenehmer erscheint.

Nur Natur?

Hätten wir gern ein anderes Ergebnis gesehen? Der amerikanische Psychologe John B. Watson beklagte bereits Anfang des 20. Jahrhunderts, dass viele sich wenigstens ein Stück weit über die Natur erheben möchten, und dass es ihnen darum schwer fällt, ihr hoch geschätztes Seelenleben auf chemische Prozesse und elektrische Signale reduziert zu sehen. Sie leugnen deshalb zwar nicht gleich die komplette Evolutionsgeschichte wie viele Bibeltreue. Sie gestehen auch durchaus noch ein, dass die den Menschen über viele Jahrmillionen hervorgebracht hat. Aber trotzdem: "Menschen möchten sich nicht mit anderen Tieren in einer Klasse sehen. Sie sind bereit zuzugeben, dass sie Tiere sind, aber 'dazu noch etwas anderes'. Es ist dieses "etwas andere", das den Ärger macht." Den Ärger, den spätestens seit Darwin alle zu spüren bekommen, die Probleme damit haben, den Menschen als "Krone der Schöpfung" zu sehen.

Auch Timothy Behrens wird sich vermutlich vorhalten lassen müssen, er "reduziere" den Menschen auf "bloße Biologie". Kann es denn sein, dass Aktivierungsmuster im Gehirn für unsere Gesinnungen und Tugenden stehen? Gegenfrage: Ist es wirklich so ehrenrührig "nur" Natur zu sein angesichts einer überwältigenden Vielfalt und Komplexität in der Natur, die wir selbst mit den modernsten Methoden gerade erst ein bisschen mehr zu verstehen lernen? Müssen wir uns denn wirklich schämen, "natürlich" zu sein und nicht noch "etwas anderes"?

Literatur:

Amodio, D. M. & Frith C. D. 2006: Meeting of minds: the medial frontal cortex and social cognition, Nature Reviews Neuroscience 7, 268-277
Behrens, T. E. J. et al. 2008: Associative learning of social value, Nature 456, 245-249
Roitman, M. F. et al. 2008: Real-time chemical responses in the nucleus accumbens differentiate rewarding and aversive stimuli, Nature Neuroscience
Watson, J. B. 1924: Behaviorism, New York: The People's Institute Publishing Company; deutsch z.B. 2000: Behaviorismus, Eschborn: Klotz