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Kopfwelten: Ein Quantum Trauer

Niemand will verlieren, wen oder was er liebt. Und doch gehört der schmerzliche Verlust zum Leben. Lange haben Psychologen und Mediziner gestritten, ob Trauer ein notwendiger, hilfreicher Prozess ist - oder ein unnötiges Leiden. Inzwischen ergründen Hirnforscher, was im Kopf abläuft, wenn wir trauern.

Von Frank Ochmann

Wie lebt man mit der Sehnsucht nach einem Menschen, der nie mehr wiederkommt?

Wie lebt man mit der Sehnsucht nach einem Menschen, der nie mehr wiederkommt?

Es ist November, und ein Blick aus dem Fenster genügt vielleicht schon, um uns zu einem langen melancholischen Seufzer zu verleiten. Zwischen dem Gedenken an die Pogromnacht von 1938, dem Volkstrauertag und auch dem Totensonntag mögen uns bei so viel Tristesse Fluchtgedanken überkommen. Vielleicht suchen wir "ein Quantum Trost" bei James Bond im Kino. Wir könnten das herbstliche Grau in Grau allerdings auch nutzen, um uns ein paar grundsätzlichere Gedanken zu machen: Warum zerreißt es uns fast das Herz, wenn wir verlieren, was uns lieb und nah war?

Aus biologischer Perspektive gibt es auf den ersten Blick nur zwei Möglichkeiten: Entweder ist Trauer nötig, um in ein unausweichlich verändertes Leben zu finden. Oder sie ist eine Art Erkrankung, die wir überstehen müssen wie eine Grippe oder eine Magenverstimmung. Im ersten Fall wäre sie nützlich, da sie helfen würde, einen schweren Verlust zu überwinden und uns wieder zu Kräften zu bringen. Das macht sie nicht angenehm, kommt aber wohl dem nahe, was Sigmund Freud Anfang des 20. Jahrhunderts mit einer auf einen schweren Verlust folgenden, notwendigen "Trauerarbeit" meinte.

Oder ist sie doch nur ein - letztlich unnötiges - Leiden, ein Versehen, eine Fehlleistung der evolutionären Entwicklung? Die Trauer erfülle jedenfalls alle Kriterien einer klar unterscheidbaren Krankheit, deren Symptome und Verlauf sich recht genau vorhersagen ließen, schrieb zum Beispiel der amerikanische Psychiater George Engel 1961 in einem Klassiker der medizinischen Trauerforschung. Nur die Zeit und viel Arbeit könnten am Ende entscheiden, welche dieser Ideen falsch sei.

Wenn aus der "normalen" eine "komplizierte" Trauer wird

Fast ein halbes Jahrhundert ist seitdem vergangen, und reichlich Forschung hat zutage gebracht: Beide Ideen sind wohl richtig. Es kommt darauf an, welchen Fall und welche Trauer wir betrachten. So kann sie uns mit dem Unabwendbaren tatsächlich versöhnen. Sie kann uns aber auch in die Sackgasse unserer Gefühle führen. Noch lässt sich nicht vorhersagen, wen es wie trifft. Immerhin aber verstehen Mediziner und Psychologen inzwischen ein bisschen besser, wo die Probleme liegen, wenn aus der "normalen" eine "komplizierte" Trauer wird, wie die Experten sagen.

Dass es verschiedene psychische Phasen gibt, die nach einem schweren Verlust durchlaufen werden, wurde schon vor Jahrzehnten vermutet. Am Anfang, so nahm man bei solchen Theorien an, stünde die Zurückweisung der neuen Realität: Wir wollen demnach zum Beispiel nicht wahr haben, dass wir nie wieder mit einem Menschen zusammen sein können, mit dem wir bis dahin unser Leben geteilt haben. Jüngste Untersuchungen aber bestätigen diese Annahme nicht. Vielmehr zeigte sich, dass ein solcher Verlust schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt von fast allen Trauernden mehr oder weniger stark akzeptiert wird. Wer akzeptiert, hat damit allerdings noch längst nicht alle Schmerzen hinter sich gelassen. So war die Sehnsucht das stärkste Gefühl, das bei den Trauernden über den Studienzeitraum von zwei Jahren beobachtet werden konnte. Unter wiederkehrenden Sehnsuchtsgefühlen litten deutlich mehr Teilnehmer als unter depressiven Stimmungen. Alle negativen, als Schmerz empfundenen Regungen erreichten etwa sechs Monate nach dem erlittenen Verlust ihren Höhepunkt und klangen dann allmählich ab. Nicht aber bei allen. Offenbar hängt es neben Persönlichkeitsmerkmalen besonders vom "Wie" des Schicksalsschlages ab, wie hoch das Risiko ist, in der Trauer stecken bleiben. Todesfälle durch Krankheit zu verwinden fällt beispielsweise im Normalfall leichter als der Unfalltod eines Angehörigen oder eine Tötung. Knapp die Hälfte der Angehörigen von Menschen, die beim Terroranschlag am 11. September starben, litten drei Jahre später nach klinischen Kriterien unter "komplizierter Trauer" - so eine Studie.

Kann Trauer glücklich machen?

Forscher der University of California at Los Angeles versuchten kürzlich, im Hirnscan zu entdecken, was in solchen Fällen den Unterschied zur normalen Trauer ausmacht. Der Befund war verblüffend: Bei den Probanden, die unter nicht oder kaum nachlassendem Gram litten, war ein Areal besonders auffällig aktiviert, mit dem in diesem Zusammenhang kaum zu rechnen ist: ein Teil des Belohnungssystems im Gehirn. Kann Trauer also glücklich machen? Das Belohnungssystem wurde dann aktiv, wenn die Versuchspersonen im Scanner mit einem Bild des betrauerten Toten oder einem anderen Hinweis auf den Verstorbenen konfrontiert wurden. Das Gehirn wertete das offenbar wie eine erneute Begegung. Fast jedenfalls. Es tat gut, das so vermisste Gesicht wieder zu sehen. Und doch ... Natürlich konnte das Bild nicht ersetzen, was durch den Tod unwiderruflich verloren war. Die Forscher aus Los Angeles entdeckten bei ihrer Analyse Ähnlichkeiten zu den Hirnbefunden, die sie von Suchtkranken kannten. Auch denen bringt eine weitere Dosis ihrer Droge zwar eine kurzfristige Erleichterung ihres Befindens, aber keinen wirklichen Genuss, kein wirkliches Glück. Denn auf das vergängliche Wohlgefühl folgen schnell die anhaltenden Qualen der Entbehrung. Ganz ähnlich erleben offenbar auch Menschen ihr Leiden, die aus der Trauer keinen Ausweg finden. Wenn es also künftig gelänge, dieses nagende, unstillbare Verlangen therapeutisch zu lindern, wäre das vermutlich der Schlüssel, um Menschen ins Hier und Jetzt zurückzuholen, die vor Sehnsucht in der Vergangenheit gefangen sind.

Literatur:

O'Connor, M.-F. et al. 2008: Craving love? Enduring grief activates brain's reward center, NeuroImage 42, 969-972
Maciejewski, P. K. et al. 2007: An Empirical Examination of the Stage Theory of Grief, JAMA 297, 716-723
Neria, Y. et al. 2007: Prevalence and psychological correlates of complicated grief among bereaved adults 2.5-3.5 years after September 11th attacks, Journal of Traumatic Stress 20, 251-262
Glass, R. M. 2005: Is Grief a Disease? Sometimes., JAMA 293, 2658-2660
Bonanno, G. A. & Kaltman, S. 1999: Toward an Integrative Perspective on Bereavement, Psychological Bulletin 125, 760-776
Averill J. R. 1968: Grief: It's Nature and Significance, Psychological Bulletin 70, 721-748
Engel, G. L 1960: Is Grief a Disease?, Psychosomatic Medicine 23, 18-22