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Kopfwelten: Die Angst vor dem Unbegreiflichen

Die Physiker am Cern werden die Welt zerstören: Das fürchteten viele zum Start des neuen Teilchenbeschleunigers LHC. stern-Redakteur Frank Ochmann erklärt, warum die Urknall-Experimente Ängste wecken. Seine These: An dieser Stelle haben die Wissenschaftler versagt - und nicht die Laien.

Da haben wir ja noch mal Glück gehabt. Der Großbeschleuniger im europäischen Kernforschungszentrum Cern wurde angeworfen - und wir leben trotzdem noch. Haben Sie sich also beruhigt zurückgelehnt, die Schweißperlen von der Stirn gewischt und ein Fläschchen auf den Fortbestand unseres Planeten und seiner näheren Umgebung geköpft?

Wenn ja, war es deutlich zu früh. Die Entwarnung vieler Nachrichtensender kam nämlich so voreilig wie zuvor schon der Weltuntergangsalarm. Denn erst am 21. Oktober - falls der aktuelle Zeitplan eingehalten werden kann - soll es richtig knallen. Erst dann werden die Protonenschwärme im "Large Hadron Collider" nicht nur Karussell fahren, sondern auch zusammenstoßen. Tut sich dann ein Schwarzes Loch auf und verschlingt uns mit Haut und Haaren? Kommt das Weltenende?

Mit dem geballten Wissen der Physik: Nein! Jedenfalls geht die Welt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht unter, weil es im kilometerlangen Ring des LHC rumst. Natürlich kann nicht ausgeschlossen werden, dass exakt zu diesem Zeitpunkt ein außerirdisches Raumschiff die Erde ins Visier nimmt und die dann trotzdem am 21. Oktober vernichtet wird. Oder Gott beschließt vielleicht just für dieses Datum das Ende der Geschichte. Am LHC aber wird es bestimmt nicht liegen. Warum aber regt sich trotzdem ein klitzekleiner Zweifel in uns? Ist die Katastrophe nicht doch möglich trotz aller Berechnungen, die wieder und wieder zum selben Ergebnis kommen? Vielleicht? Unter Umständen?

Was da in Genf oder hundert Meter darunter beim bevorstehenden Big Bang des "Large Hadron Collider" veranstaltet wird, ist schlicht und einfach unvorstellbar. Nicht nur für vermeintlich dumme Laien, sondern auch für die beteiligten Wissenschaftler, deren Gehirne nämlich nicht anders arbeiten als unsere. Und darum haben auch hochgebildete Hochenergiephysiker nicht den Hauch einer Ahnung, wie ein Raum mit vier, sieben oder elf Dimensionen "wirklich" aussieht. Wir können mit unserem Kopf nämlich nur drei - Länge, Breite, Höhe. Mehr geht nicht, weniger auch nicht.

Wir tappen mit dem Experiment von Genf darum in gewisser Weise im Dunkeln, und im Dunkeln packt viele die Angst - weil sie nicht wissen, was um die Ecke oder zwei Schritte vor ihnen wartet. Wer sieht, kann ausweichen oder sich zurückziehen. Wer nicht sieht, ist ausgeliefert. Das erzeugt unweigerlich Verunsicherung. Darum muss sich erstmal keiner schämen, dem das Genfer Experiment Bauchgrimmen bereitet. Und Wissenschaftler, die - wie im Vorfeld des LHC-Betriebs geschehen - gleich mit der "Unsinn!"-Keule kommen, sind vielleicht glänzende Forscher, ganz sicher aber lausige Pädagogen.

Gute Lehrer nehmen die Besorgnisse ihrer Schüler nämlich ernst, versuchen zu verstehen und dann einfühlsam zu entkräften, was sie aufgrund ihres - hoffentlich überlegenen - Wissens an unnötiger Sorge entdecken. Es sind solche Lehrer, denen wir im Gegenzug Vertrauen entgegenbringen. Solches Vertrauen aber wurde schon in der Vergangenheit verspielt, weil "Laien" viel zu lange auf dem Feld der Wissenschaft als Störenfriede empfunden wurden, die mit ihren unvernünftigen Ängsten die Experten nur von der Arbeit abhalten. Die Folgen solcher Arroganz sind die immer neuen Gleisblockaden bei jedem Castor-Transport mit radioaktiven Abfällen. Die Folge sind Eltern, die nicht wissen, ob sie ihre Kinder der Leukämie aussetzen, wenn sie auch nur in Sichtweite zu einem Kernkraftwerk wohnen. Und die Folge sind schließlich auch Menschen, die den Untergang der Welt für möglich halten, weil Protonen¬bündel unter der Schweiz aufeinanderprallen. Wer als Wissenschaftler solche Ängste nicht ernst nimmt, muss sich jedenfalls nicht wundern, wenn er selbst nicht mehr ernst genommen wird. Da helfen dann auch keine noch so eleganten Formeln, da helfen nur vertrauensbildende Maßnahmen.

Literatur

Birch, S. A. J. & Bloom, P. 2007: The Curse of Knowledge in Reasoning About False Beliefs, Psychological Science 18, 382-386
Informationen des Cern (englisch) über den Large Hadron Collider
Laney, C. et al. 2008: The persistence of false beliefs, Acta Psychologica 129, 190-197
Purkis, H. M. & Lipp, O. V. 2007: Automatic Attention Does Not Equal Automatic Fear: Preferential Attention Without Implicit Valence, Emotion 7, 314-323