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"Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" Kinderbuchautorin Judith Kerr wird 90


In Deutschland kennt man sie vor allem als Autorin von "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl". In Großbritannien gehört Judith Kerr zu den bekanntesten Kinderbuchautorinnen. Jetzt wird sie 90 Jahre.

Wie erklärt man einem Kind den Holocaust? Wo soll man Grenzen ziehen, und wie kann man das Unbegreifliche verständlich machen? Für ihre eigenen Kinder setzte Judith Kerr bei sich selber an - und schuf damit einen Zugang für Zigtausende deutsche Schulkinder. Kerr schrieb die Geschichte, wie sie als Neunjährige mit ihren Eltern vor den Nazis aus Berlin floh, eigentlich zunächst für ihren Sohn und ihre Tochter auf. Ihr autobiografisches Kinder- und Jugendbuch "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" wurde zum Bestseller und war lange Jahre fester Bestandteil deutscher Lehrpläne. Heute wird Kerr 90 Jahre alt.

Für unzählige Kinder in Deutschland war die Erzählung von der Flucht der kleinen Anna und ihrer Familie die erste Begegnung mit der Zeit des Nationalsozialismus - verständlich gemacht unter anderem durch ein rosa Kuschel-Kaninchen, das in Berlin zurückgelassen werden muss. Annas Geschichte ist die von Judith: Sie stammt aus einer jüdischen Künstler-Familie, ihr Vater Alfred Kerr war in der Weimarer Republik ein gefeierter Kritiker. Die Nazis verbrannten seine Bücher.

Gerade noch rechtzeitig konnten die Kerrs 1933 fliehen, über die Schweiz kamen sie nach Paris und schließlich 1935 nach London. Hier lebt Judith Kerr bis heute, in einer einstigen Künstlersiedlung im Süden der Hauptstadt, umgeben von Grün und in der Nähe der Themse. Mit den englischen Versionen von Bilderbüchern wie "Ein Tiger kommt zum Tee" und der Reihe über die Abenteuer des Katers "Mog" wurde sie zu einer der bekanntesten Kinderbuchautorinnen des Landes. Heute gehören ihre Bücher auf der Insel zu den Klassikern. Auch in Deutschland sind sie bekannt, doch hier verbindet sich mit dem Namen Kerr vor allem "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl".

"Ist es nicht herrlich, Flüchtling zu sein?"

Trotz der Tragik der Geschichte bringt das Buch Spaß beim Lesen. Denn Kerr erzählt aus ihrer Kinder-Perspektive, und die war ganz anders als die, die sie später als Erwachsene entwickelte. "Wir sahen das als Abenteuer", berichtet sie über sich und ihren Bruder auf der Flucht. Einmal habe sie sogar zu ihrem Vater gesagt, als sie beide aus ihrer winzigen Unterkunft heraus über die Dächer von Paris schauten: "Ist es nicht herrlich, Flüchtling zu sein?" Sie und ihr Bruder seien sich immer einig gewesen: "Wir hätten diese Kindheit niemals missen wollen."

Die Eltern hätten es geschafft, sie nichts von der Dramatik der Lage spüren zu lassen. "Erst als ich 13 oder 14 Jahre alt war, ist mir plötzlich aufgegangen, wie schrecklich das für meine Eltern war, diese Not", erzählt sie. "Ich habe ein Riesenglück gehabt. Ich habe nie etwas Schreckliches gesehen. Ich glaube, das macht einen Riesen-Unterschied." Wenn man zum Beispiel sehe, was Flüchtlingskinder in Syrien derzeit erlebten, sei es für sie und ihren Bruder im Vergleich noch "ganz gemütlich" gewesen. "Und die Menschen waren wunderbar."

Neues Buch schon in Arbeit

Vor allem die Hilfsbereitschaft der Menschen, denen sie begegnete, habe sie gerettet, meint Kerr heute. Und das ist eine der Erkenntnisse, die Kinder aus dem Buch mitnehmen können. Kerr selber ließ die Freundlichkeit der Engländer nicht mehr los, und die Insel wurde ihre Heimat. Hier ging sie zur Schule, studierte Malerei und Zeichnen, lernte ihren Mann Nigel Kneale kennen und war bis zu dessen Tod 2006 mehr als 50 Jahre mit ihm verheiratet. Ihr Sohn Matthew wurde ebenfalls Schriftsteller, ihre Tochter Tracy arbeitet unter anderem als Malerin und war an den Special Effects der ersten Harry-Potter-Filme beteiligt.

In Großbritannien gehört Kerr zu den ganz großen Namen der Kinderliteratur, und so richtet ihr Verlag zu ihrem 90. Geburtstag einen Empfang für sie aus und bringt eine Art Biografie und Werk-Überblick in Text und Bildern über sie heraus. Für die Feierlichkeiten nimmt sich Kerr eine kleine Pause von ihrem Zeichentisch, der in ihrem Haus steht und an dem sie immer noch fast täglich sitzt. Derzeit arbeitet sie an einem neuen Bilderbuch. Mehr will sie nicht verraten - ihre Zeichnungen deckt sie bei einem Besuch im Studio schnell mit einem Papier ab. Und zum Abschied sagt sie: "Ich muss wieder zurück zur Arbeit."

Britta Gürke, DPA DPA

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