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Hamburg-Marathon: Von der Lust, sich zu schinden

Blutige Hackfleischzehen, totale Erschöpfung oder himmlische Euphorie? Was mich nach 42,195 Kilometern im Ziel erwartet, weiß ich nicht. Aber schlimmer als die quälende Vorbereitung kann es auch nicht kommen.

Von Silke Haas

Am Sonntag ist es soweit - endlich! Der Hamburg-Marathon. Die Nervosität wird unerträglich, Zweifel, Selbstvorwürfe und alle "hätt' ich dochs" machen mich langsam mürbe. Meine Umwelt nerve ich auf der Suche nach Ratschlägen, welche Wäsche wohl am wenigsten scheuert. Wer ist auch so doof und läuft über 42 Kilometer?

Wie aus einer Bierlaune der Lauf der Leiden wurde

Geburtstagsfeiern können böse enden, insbesondere wenn es der 30. ist. Ein dicker Kopf und ein Tag in Essig sind zwar lästig, aber im Grunde harmlose und vor allem zeitlich begrenzte Folgen einer Party. Der Start bei einem Marathon hat ein anderes Kaliber.

Doch wie konnte es dazu kommen? Anfang November feierte ein guter Freund seinen magischen Geburtstag, natürlich mit einer diesem Ereignis entsprechenden Menge Alkohol. "2-3-4, machst Du mit? ", mit diesen Worten öffnete er die Tür. Eine Insider-Begrüßung: Die Zahlen stehen für den Hamburg-Marathon am 23. April: 2-3-4.

Virus Marathon

Der Marathon ist die Krone fast jedes ambitionierten Hobby-Runners. Er kennt daher auch die Termine der bekannten Wettkämpfe. Auch in meinem Läuferhirn regte sich schon seit einiger Zeit der Marathon-Virus. Mit einer wohligen Mischung aus Schauern und Faszination verfolgte ich die großen Läufe im Internet. Auch ein paar Marathon-Trainings-Bücher hatte ich gekauft, die jedoch alsbald friedlich und ungelesen verstaubten. Bis zu dem besagten Tag im November: Es brauchte nur ein paar Bier und aufmunternde Worte des Geburtstagskinds und ich habe es getan. Schmerzlos und ganz einfach. Die Webseite des Marathons im Internet aufgerufen. Nach wenigen Klicks war ich für meinen ersten Marathon angemeldet. Der Abend war toll, ich fühlte mich als Held, und er hatte eine Wette gewonnen und grinste sich eins.

Der nächste Morgen war ernüchternd, in jeder Beziehung. Dunkel konnte ich mich an meine Wahnsinnstat erinnern und fand die Bestätigung im Internet: meinen Namen auf der Teilnehmerliste. Ein Gefühl von Stolz, Vorfreude und Kampfgeist überkam mich: Gut vier Monate waren es noch bis April. Das musste reichen.

Die Vorbereitung auf den langen Lauf

Wettkämpfe zur Vorbereitung: 10 Kilometer im Dezember, 22 Kilometer im Februar und 30 Kilometer im März und im April die 42,195 Kilometer. Und dazwischen endlos lange Läufe am Wochenende. Das größte Problem waren weniger die schmerzenden Beine - dagegen hilft Tigerbalm - als vielmehr die grenzenlose Langeweile. Drei Stunden langsam durch die wintergraue Landschaft laufen, sind grässlich und irgendwie Zeitverschwendung. Mein MP3-Player schaffte nur die erste Stunde mit Sprachkursen zu überbrücken. Dann schmerzten die Stöpsel in den Ohren. Netter Nebeneffekt: Inzwischen spreche ich ganz passabel chinesisch.

Für die Wettkämpfe habe ich eine andere Taktik gefunden: Nach dem Start suche ich mir einen Tempomacher, meinen "Hasen", der mich zieht und im Tempo hält. Vorzugsweise einen knackigen Hintern in buntem Höschen. Allerdings hält die Freude an hübschen Pos nicht lange an, das Auge gewöhnt sich schnell dran und die Kräfte müssen sich auf die Beine konzentrieren.

Dann greift Motivations-Plan B: Dorfklatsch gegen Langeweile. Was habe ich nicht alles während stundenlanger Meilenfresserei gelernt. Wie ich Schwarzbauten genehmigt oder Mastschweine schnell fett bekomme. Auch moralische Fragen habe ich gedanklich mit meinen Mitläufern gewälzt. Das ganze Dorf kennt die Fehltritte eines Gunnars, nur dessen Frau nicht. Besteht die Pflicht, ihr die Fehltritte ihres Göttergatten zu beichten? Ein Thema, das immerhin 20 Minuten von der Monotonie der Straße ablenkt.

Nur die Marke zählt

Ja, beim Laufen gibt es sie auch: Die schicken jungen Sportler, die laufen, weil es in ist. Vorzugsweise in Zweiergrüppchen paradieren sie auf ausgewählten Strecken, um die neuesten Trends der Fitnessmode zu präsentieren. Alles, was high-tech, schick und teuer ist. Ich bin dagegen relativ immun: Ein Zugeständnis an den Marken- und Namenwahn mache ich nur bei den Schuhen. Ansonsten habe ich für die modischen Schauläufer außer Spott und Verachtung nichts übrig. Gleiches gilt wohl auch umgekehrt. Mit meinen schlammbespritzten No-Name-Höschen kann ich bei den geleckten Laufstegläufern keinen Staat machen. Mit meiner Hundebegleitung bin ich ein eingefleischter Feld-, Wald- und Wiesenrenner und kein Promenadenläufer, so sind die Begegnungen auch recht selten.

Anscheinend schlafen die Show-Jogger morgens um sechs noch. Die wenigen Sportler, denen wir begegnen, tragen ebenfalls ihre individuelle Mischung aus No-Name-Klamotte.

Bis jetzt habe ich den Unterschied zwischen meiner sieben Euro teuren Aldi-Hose und der 70-Euro-Markenhose noch nicht entdeckt. Gut, meine billigen greife ich zwischen Milch und Kartoffeln vom Grabbeltisch. Bei der teuren Hose erhalte ich noch eine stundenlange Einführung in die Vorteile von High-Tech-Materialien der verschiedenen Hersteller. Ein zweifelhafter Mehrwert.

Wie ich zum Laufen gekommen bin

Als Kind musste ich meinen Vater auf seinen sonntäglichen Touren begleiten - Waldläufen, wie es damals noch hieß. Zuerst auf dem Fahrrad, später zu Fuß. Irgendwann kam auch ein Hund ins Haus. Da ich Spazierengehen hasse, lief ich halt mit dem Hund durch die Gegend.

Es gibt noch einen Stachel, der mich immer wieder antreibt. Einmal besuchte ich meine Eltern in ihrem neuen Haus. Ich begleitete meinen Vater auf seinem Waldlauf. Nach einer halben Stunde kroch und keuchte ich hinter ihm her. Umkehren oder abkürzen konnte ich nicht. Ich hätte mich hoffnungslos verlaufen. Endlich zu Hause angekommen setzte ich mich fix und fertig auf die Treppe, keine zwei Minuten saß ich, bis mein Vater mich wieder hoch scheuchte und zum Dehnen antrieb. Höhnisch fragte er mich, ob ich mich nicht schäme, von meinem alten Vater abhängen zu lassen. Das war das erste und das letzte Mal.

Viel schlafen und essen

Heute hole ich die Startunterlagen und versuche schlau zu werden, von welcher Straße ich am Sonntag starte. Als ich mich angemeldet habe, hatte ich noch keine Erfahrung, in welcher Zeit ich die 42,195 Kilometer schaffen könnte. Nicht dass ich jetzt genaue Prognosen abgeben könnte, denn diese Distanz bin ich vorher noch nicht gelaufen. Aber immerhin weiß ich, dass ich 30 Kilometer in unter drei Stunden laufe.

In verwegenen Momenten träume ich von einer Zeit von vier Stunden. Je näher der Sonntag rückt, desto mehr zweifle ich, dass ich überhaupt ankomme. Wohlmeinende Freunde warnen vor dem Mann mit dem Hammer - der plötzlichen, totalen Erschöpfung - nach Kilometer 35. Aber als ein 32-Kilometer-Trainingslauf stattfand, musste ich ja unbedingt segeln gehen. Jetzt ist es zu spät.

Autosuggestion und Nudeln für die letzten Stunden

Nicht unterkriegen lassen. "Du schaffst es" - mein Mantra, das ich mit geschlossenen Augen gebetsmühlenartig vor mich hinmurmle. Autosuggestion, ein Ratschlag aus meinem Trainingsbuch. Der zweite Tipp für die letzten Tage heißt essen und viel schlafen. Also noch einen Teller Nudeln mampfen und ruhig bleiben. Du schaffst es. Du schaffst es. Du schaffst es.

Ich schaffe es - mit einem Lächeln!

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