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HIV und Aids: Medikament weckt Schläferzellen auf

Das HI-Virus versteckt sich mitunter so im Körper, dass Medikamente es nicht finden können. Forschern ist es gelungen, diese "Schläfer" zu enttarnen. Es könnte ein Schritt in Richtung Heilung sein.

Eine HIV-Infektion kann heute mit einer Kombination aus mindestens drei Medikamenten in Schach gehalten werden. Diese sogenannte antiretrovirale Therapie stoppt die Vermehrung des Virus, senkt die Virenlast im Blut bis unter die Nachweisgrenze und hält damit den Krankheitsverlauf an. Doch die Medikamente müssen ein Leben lang eingenommen werden - und sie erreichen nicht alle Zellen.

Denn das HI-Virus versteckt sich auch in Zellen, die zwar das Virusgenom eingebaut haben, aber nicht aktiv sind. Das Problem: Andere Immunzellen können nicht erkennen, dass diese Zelle infiziert ist. So haben gängige HIV-Medikamente keinen Angriffspunkt - die Infektion versteckt sich erfolgreich vor der pharmazeutischen Attacke einer herkömmlichen antiretroviralen Therapie.

Die Schläferzellen machen es daher schwer, das Virus komplett aus dem Körper zu entfernen: Werden die Medikamente abgesetzt, springen sie an - und produzieren innerhalb von wenigen Tagen Milliarden neuer Viren.

Auf dem Weg zu einer Heilung von HIV sind diese Zellen, die sich gleichsam im Stand-by-Modus befinden, daher ein Hindernis. Forscher um David Margolis von der Universität von North Carolina in Chapel Hill ist es nun gelungen, dieses zumindest teilweise aus dem Weg zu räumen. Mit einem Krebs-Medikament war es ihnen möglich, diese Zellen aufzuwecken und zu enttarnen. Der Wirkstoff Vorinostat sorge dafür, dass Zellen, die zwar das HIV-Erbgut enthalten, aber keine Viren herstellen, aktiv werden: Die Viren werden zusammengebaut und aus der Zelle freigesetzt.

Damit haben auch Medikamente wieder einen Angriffspunkt gegen die Infektion. Die Ergebnisse seien ein erster Beleg dafür, dass auch eine latente HIV-Infektion behandelt werden könne, schreiben die Forscher in der Fachzeitschrift "Nature".

Virusproduktion angesprungen

Dass eine Gruppe von Enzymen HI-Viren aus schlummernden Zellen locken könne, mutmaßten Wissenschaftler schon länger: Die Histon-Deacetylase-Hemmer legen Abschnitte des Erbguts frei, aktivieren diese Gensequenzen und sorgen so dafür, dass die Baupläne abgelesen werden.

Margolis gelang es nun, zusammen mit Kollegen anderer Universitäten und dem Pharmaunternehmen Merck zu zeigen, dass dieser molekulare Mechanismus tatsächlich funktioniert. Zum Einsatz kam dabei der Histon-Deacetylase-Hemmer Vorinostat. Dieser Wirkstoff ist in den USA als Medikament gegen Krebs zugelassen und wird von Merck unter dem Handelsnamen "Zolinza" vertrieben.

Für die Studie entnahmen Margolis und sein Team zunächst 16 Versuchsteilnehmern Blut entnommen. Daraus wurden Zellen eines bestimmten Typs (CD4-positive Helferzellen) isoliert und im Reagenzglas mit Vorinostat versetzt. Nach sechs Stunden war die Genexpression in den Zellen von elf Probanden "signifikant hochreguliert". Die Virusproduktion war angesprungen, die Schläferzellen waren enttarnt.

Acht der elf Probanden, bei denen das Krebs-Medikament im Reagenzglas-Test anschlug, bekamen dann den Wirkstoff direkt. Bei allen seien die Zahl der Abschriften des Viruserbgutes in den Zellen um das 1,5- bis 10-Fache angestiegen, schreiben die Forscher.

Ein Anfang

"Diese Studie ist durchaus wertvoll", sagte Georg Behrens von der Medizinischen Hochschule Hannover, der HIV-Therapien erforscht. "Es wurde mit sehr sensitiven und auch neuen Methoden gearbeitet. Erstaunlich ist, dass der Effekt des Medikaments im Menschen noch ausgeprägter war als in der Zellkultur." Allerdings sei auf einige interessante wie wichtige Aspekte nicht näher eingegangen worden, bemängelt Behrens. So bleibe unklar, ob die Einmal-Dosis ausreiche, um alle latent mit HIV infizierten Zellen aufzuwecken - zumal nicht jede Zelle absterbe, wenn sie eine Ladung HI-Viren hergestellt und ins Blut hinausgeschleudert hat.

"Die Arbeit liefere hinreichend Beweise, dass mit dieser Strategie eine latente HIV-Infektion angegriffen und beseitigt werden könne"; sagt Margolis. Und Stephen Deeks von der University of California in San Francisco vergleicht die Ergebnisse mit der Entdeckung des HIV-Mittels AZT, das zwar selbst nur eingeschränkt wirksam war, aber den Weg zur ersten Generation antiretroviraler Medikamente ebnete.

Doch bis Vorinostat Teil einer Strategie werde, mit der es gelingen könnte, eine HIV-Infektion zu heilen, müssen ihm zufolge noch einige Fragen geklärt werden. Unter anderem sei noch nicht klar, ob der Wirkstoff tatsächlich alle HIV-Reservoire erreiche. Zudem hat auch dieses Mittel Nebenwirkungen: Es kann zu Durchfall, Erbrechen, aber auch zu Blutarmut und Lungenembolien führen.

lea/DPA / DPA

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