Interview "Frauen leiden mehr"


Eine Erektion ist nicht alles, aber ohne sie ist alles nichts, sagt Oswalt Kolle, Altmeister der Aufklärung. Deshalb können Potenzmittel ein Segen sein - nicht nur für die Männer.

Herr Kolle, Wie oft muss ein Mann können? Sexualität geht von siebenmal im Leben bis zu siebenmal am Tag - das hat Johannes Heinrich Schultz gesagt, der Erfinder des autogenen Trainings, der mich aufgeklärt hat, als mein Vater im Krieg war. Es wäre gut, wenn Männer aufhören würden, sich dauernd Gedanken darüber zu machen, ob sie irgendeiner Norm genügen.

Aber auch ohne Vergleiche ist es doch irritierend, dass der Mann sein bestes Stück so wenig unter Kontrolle hat.

Das ist natürlich ein Problem, es trifft eine Urangst von Männern: im falschen Moment eine Erektion zu bekommen - oder im richtigen Moment keine. Sie fürchten beim Duschen nach dem Sport eine Erektion und die Frage: "Bist du schwul?" Oder am Nacktstrand die Entdeckung, dass sie erregt sind. Sie fürchten das Versagen im Liebesrausch - dass er zu schnell kommt, noch bevor sie sich richtig ausgezogen haben, oder eben, dass es nicht geht.

Sind Potenzprobleme für alle Männer gleich schlimm?

Das kommt darauf an, wie sehr der Mann an Sex interessiert ist. Wenn Sex für ihn gar nicht wichtig ist - und das kommt entgegen der öffentlichen Meinung durchaus vor -, dann muss Impotenz für einen Mann kein Problem sein. Aber man darf die Frauen nicht vergessen. Es gibt in Holland eine ganze Reihe von Untersuchungen darüber, wie Paare die Impotenz des Mannes erleben. Es stellte sich heraus, dass die Frauen zu einem viel höheren Prozentsatz darunter leiden als die Männer.

Das müssen Sie erklären!

Viele Frauen fürchten zu Unrecht, sie seien ungeschickt oder würden nicht mehr begehrt oder er verschwende seinen Samen woanders. Der Stress belastet beide. Sie sagt: Das ist auch so schön, und er denkt, die will mich nur trösten. Dann wächst von Mal zu Mal die Angst, dass es wieder nicht funktioniert, und schließlich geschieht gar nichts mehr, weil er sich nicht blamieren will.

In Ihrem Buch "Die Liebe altert nicht" wird ein impotenter Mann beschrieben, der erfüllten Sex ohne Erektion hat.

Dieses Kapitel hat eine feministische Ärztin geschrieben, die ich sehr schätze. Aber ich persönlich glaube nicht an solche Geschichten. Stellen Sie sich die Reaktion der Frauen vor, wenn ein Mann schreiben würde, dass es für eine Frau eigentlich völlig unerheblich ist, ob ihre Klitoris erigiert ist und ihre Vagina feucht wird. Die Erektion ist für den Mann natürlich nicht alles. Aber man muss akzeptieren, dass ohne die Erektion alles nichts ist.

Sie sind 74 Jahre alt, vor zwei Jahren ist Ihre Frau gestorben. Spielt Potenz für Sie noch eine große Rolle? Wir hatten eine wunderschöne Partnerschaft. Und auf dem Sterbebett hat mir meine Frau drei Dinge gesagt, die ich tun soll: mich nach drei Monaten Trauer von ihr in den Arsch getreten fühlen. Mir so bald wie möglich eine neue Frau suchen. Und mir fünf Schiesser-Unterhosen Größe 7 kaufen. Mit allen Wünschen konnte ich umgehen. Inzwischen hatte ich sogar das riesige Glück, eine neue Liebe zu finden.

Sie haben einmal geschrieben, dass Ihre Potenz mit dem Alter nachlässt und es "länger dauert, bis er weint".

Dass ich ruhiger geworden bin, ist selbstverständlich. Aber nur die Potenz hat nachgelassen, nicht die Libido. Mit 19, 20 war vier-, fünfmal in einer Nacht für mich völlig normal. Heute ist es schon sehr schön, wenn es einmal passiert - oder, wenn ich sehr verliebt bin, vielleicht zweimal hintereinander. Aber das macht das Gefühl nicht weniger intensiv.

Haben Sie Ihrer Potenz schon einmal nachgeholfen?

Nein, noch nicht. Aber falls ich es einmal brauche, werde ich alles nehmen, was mir hilft. Schließlich ist die Erektile Dysfunktion sehr oft rein körperlich bedingt - und dann ist es doch schön, wenn man mit einer Pille etwas dagegen tun kann. Allerdings sollten in einer Partnerschaft beide wissen, was mit Potenzmitteln auf sie zukommt. Es ist eine Schreckensvision, dass einer nach zehn Jahren Impotenz plötzlich nackt vor seiner Partnerin steht und sagt: "Liebling, hier steht was für dich." Und dann erwartet, dass sie sofort begeistert mitmacht.

Interview: Werner Hinzpeter

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