Kinder Wunschlos unglücklich


Auch Kindern kann die Depression alle Kraft, Fantasie und Lebenslust rauben. Ausgelöst wird das Seelenleid der Kleinen oft durch massive Belastungen in Familie und Schule.

Ein sechsjähriger Junge versucht am Heiligabend, sich an seinem Hochbett zu erhängen. Ein Siebenjähriger rennt an einem kalten Wintertag aus der Schule, will sich ausziehen, "um zu erfrieren", wie er später sagt. Beide Kinder werden in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Hamburg behandelt. Zwar seien Selbstmordversuche als letzter Weg aus schlimmen Seelenqualen bei Kindern selten, sagt Leiter Professor Peter Riedesser, aber sie zeigten, dass auch die Kleinsten nicht gefeit sind gegen die Schwermut: "Wir beobachten viele depressive Symptome, die eine Fülle von Ursachen haben."

Bei Kindern macht sich die psychische Störung in verschiedensten Verhaltensauffälligkeiten bemerkbar: Traurigkeit und Angst, aber auch Aggressivität sind mögliche Warnzeichen. Meist fühlen sich depressive Kinder über längere Zeit schlecht, sind unfreundlich, wehleidig und ausdrucksarm. Sie empfinden sich als einsam, ungeliebt, wertlos, weinen häufig, sprechen wenig und leise.

Die "Drei-Wünsche-Frage"

Aus der Vielzahl von Symptomen hat der Freiburger Kinder- und Jugendpsychiater Ulrich Rabenschlag eine Erkenntnis gefiltert: "Ein verstimmtes Kind will wieder fröhlich sein, ein trauriges will getröstet werden. Das depressive Kind will nichts - denn es kann nichts wollen." Ein Grund, warum die "Drei-Wünsche-Frage" ein guter Indikator in der Diagnostik ist, wie der niedergelassene Hamburger Kinderpsychiater Elmar Müller weiß: Auf die Frage, die im Märchen die gute Fee stellt ("Du hast drei Wünsche frei - was möchtest du?") können depressive Kinder meist nicht antworten. Ihre Krankheit verstellt ihnen den Weg zu ihren normalen kindlichen Wünschen.

Experten gehen davon aus, dass etwa ein Prozent der Kinder unter sechs Jahren und zwei Prozent der Sechs- bis Zwölfjährigen an einer Depression leiden. Ob die Zahl der jungen Geplagten zugenommen hat, ist umstritten. Fachleute wie Elmar Müller beobachten aber immer drastischere Krankheitsbilder: "Die Fälle werden härter und vielschichtiger."

"Kinder haben meist sehr gute Gründe, depressiv zu sein"

Mütter, Väter, Kindergärtnerinnen und Lehrer müssten sensibler werden für die Zeichen innerer Nöte der "herabgestimmten Kinder", fordert Peter Riedesser. Denn unbehandelt können sich auch leichtere Fälle über die Jahre in schwere Depressionen verwandeln. Allerdings müssen sich Eltern, die mit ihren schwermütigen Söhnen oder Töchtern zum Kinder- und Jugendpsychiater gehen, darauf einstellen, dass sie selbst Teil des Problems sind. Forscher sind sich weitgehend einig, dass von den inneren und äußeren Faktoren einer Depression bei den kleinen Patienten die äußeren überwiegen. "Die Kinder haben meist sehr gute Gründe, depressiv zu sein", sagt Peter Riedesser. So stammen sie häufig aus zerrütteten Familien oder aus Familien, in denen ein Elternteil schwer krank ist. Manchmal legen Väter und Mütter den Grundstein zu einer Depression, indem sie an ihren Sprössling zu hohe Erwartungen stellen, ihn "überschulen". Druck von den Lehrern, Ärger mit Freunden oder chronische Krankheiten tun dann womöglich ein Übriges - die vielfachen Belastungen addieren sich und können das Kind aus der Bahn werfen.

Nicht selten ist auch nur ein einzelner Faktor Auslöser der Krankheit. Der Verlust einer Bezugsperson kann die Seele eines Kindes ebenso verdunkeln wie ein traumatisches Erlebnis, etwa eine Gewalterfahrung. Solche "reaktiven Depressionen" seien, so Riedesser, leichter in den Griff zu bekommen als Störungen mit einem komplexen Hintergrund.

Kinder-Therapie unterscheidet sich von Erwachsenen-Therapie

Aber wie einen depressiven Sechs- oder Neunjährigen behandeln? Die Therapieansätze sind bei Kindern deutlich anders gewichtet als bei Erwachsenen. Zwar werden in besonders schwierigen Fällen auch Psychopharmaka eingesetzt, aber die klassischen Medikamente verfehlen oft ihre Wirkung. Unkonventionellere Behandlungsverfahren, die bei Erwachsenen Erfolge zeigen (wie etwa die Therapie mit Stromstößen), sind in ihrer Anwendung auf Kinder meist noch nicht abschließend erforscht, es gibt keine gesicherten Erkenntnisse über die Wirksamkeit.

So wird die Seelennot der Kleinsten überwiegend mit verschiedenen Formen von Psychotherapie bekämpft, auch mit Kunst-, Musik- und Spieltherapie. Peter Riedesser sagt: "Wir müssen es schaffen, die innere Not der Kinder zur Sprache zu bringen. Medikamente als erste Reaktion werden dem nicht gerecht." Die Kunst des Kinderpsychiaters ist die des Gesprächs, denn ältere Kinder "machen zu" und müssen erst geknackt werden, während jüngere und Kleinkinder keine direkten Aussagen über ihr Leid treffen können.

Aber auch der beste Kinderpsychiater kommt ohne Unterstützung der Eltern nicht weiter. "Wir sind ohnmächtig, wenn die Familien nicht mitmachen", sagt Peter Riedesser. Die Experten versuchen, die Angehörigen in die Therapie einzubeziehen, "Aktionsbündnisse" zu schließen. Bei besonders schweren Fällen stoßen sie jedoch oft auf Widerstände - etwa wenn Eltern von selbstmordgefährdeten Kindern einem stationären Klinikaufenthalt zustimmen sollen. Dass sich die Kooperation mit den Fachleuten lohnt, zeigen indes die Behandlungserfolge: Mittelfristig können die allermeisten Kinder geheilt werden.

Andreas Beerlage

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