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Sprachstörungen und Legasthenie: Kampf um die passenden Wörter

Kindern fehlen oft die Worte. Bleibt ein Kind aber deutlich hinter seinen Altersgenossen zurück, kann das ein Zeichen für eine Lese- oder Schreibschwäche sein.

Nicht jedem Kind fällt das Schreiben leicht

Nicht jedem Kind fällt das Schreiben leicht

Verdreht Ihr Kind Wörter oder vergisst es Begriffe, die es eigentlich schon konnte? Kann es in der Kita oder auf dem Spielplatz nicht mit seinen Altersgenossen mithalten? Spricht es undeutlich und lieber in einzelnen Wörtern als in ganzen Sätzen, obwohl der Sandkastenfreund schon richtige Geschichten erzählt? Das alles muss Sie nicht beunruhigen, Kinder entwickeln sich nun mal unterschiedlich schnell.

Ob es sich um eine vorübergehende Verzögerung handelt oder doch um eine Lernschwäche oder Störung, erkennen nur fachlich geschulte Ärzte, Logopädinnen, Kinderpsychologinnen oder Sprach-Therapeuten. Für Eltern gilt: Seien Sie ganz Ohr, wenn Ihr Nachwuchs beginnt, die Welt der Wörter zu erobern. Und suchen Sie möglichst rasch den Rat eines Spezialisten, wenn Ihnen etwas komisch vorkommt.

Deutlichstes Zeichen einer sprachlichen Entwicklungsstörung: Das Kind macht mehrere Monate lang keine Fortschritte. Erste Hinweise dafür kann es schon im Babyalter geben. Bei Kleinkindern wird das Bild schnell klarer. Zum Beispiel, wenn ein Dreijähriger weniger als 50 Wörter kennt - so viele sollten bereits Zweijährige aktiv beherrschen. Mit drei Jahren müsste Ihr Kind bereits einfache Hauptsätze bilden und verständlich aussprechen können.

Wer nicht mitreden kann, hat es überall schwer

Experten schätzen, dass sich bundesweit bei etwa zehn Prozent aller Kinder vorübergehend Auffälligkeiten in der Sprachentwicklung zeigen. Dabei streiten die verschiedenen Berufsgruppen bis heute darüber, welche sprachlichen Lücken noch als normal gelten können. Ob ein Kind regelmäßig dazulernt, hängt schließlich auch vom sozialen Umfeld ab: Je mehr es gefördert und angeregt wird, desto schneller kommt es voran.

Sorgen Sie sich, weil Ihr Kind sich nicht gut genug ausdrückt, sollten Sie sich Hilfe suchen. Je früher Sie eine Diagnose stellen lassen, desto besser für Ihren Nachwuchs. Denn der zweifelt womöglich schon an sich selbst, weil er seine Leistungen ständig als ungenügend und enttäuschend erlebt. Vielleicht wird er sogar im Kindergarten oder in der Schule immer wieder aufgefordert, sich endlich mal Mühe zu geben. Denn leider glauben viele Erzieher und Lehrer immer noch, dass sich Verhaltensauffälligkeiten oder Lernschwächen mit der Zeit auswachsen und das Kind das Versäumte schon wieder nachholt. Doch die Aussichten dafür stehen eher schlecht, denn eine sprachliche Entwicklungsstörung zieht oft andere Probleme nach sich. Etwa im sozialen Verhalten - denn wer nicht richtig mitreden kann, hat es überall schwer.

Viele Lehrer glauben, Legasthenie gebe es nicht

Weltweit leiden etwa vier bis fünf Prozent der Menschen unter einer Lese- und Rechtschreibschwäche, auch Legasthenie genannt. Obwohl die Krankheit medizinisch anerkannt und dokumentiert ist, wird ihre Existenz von vielen Pädagogen immer noch in Frage gestellt. Was üble Folgen haben kann: Wenn Lehrer bei der Benotung keine Rücksicht nehmen, wird betroffenen Schülern die Zukunft verbaut. Dagegen können Sie sich aber zum Glück wehren, sofern der Fall Ihres Kindes medizinisch belegt ist. Unterstützung und Informationen finden Sie in zahlreichen Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen.

Entgegen aller Vorurteile sind Kinder mit Lese- und Rechtschreibschwäche nicht weniger intelligent als ihre Altersgenossen, sie brauchen nur andere Hilfen, mehr Ansprache und nicht selten mehr Zeit für ihre Aufgaben. Die Diagnose Legasthenie ist oft eine Erleichterung für die Schüler, von denen viele an sich selbst zweifeln, weil sie nicht die gleichen Lernfortschritte wie ihre Klassenkameraden machen.

Warum ein Kind eine Rechtschreibschwäche entwickelt, bleibt oft unklar. Manchmal erinnert sich ein Elternteil an eigene Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben. Und immer häufiger wird in der Diagnose eine Aufmerksamkeitsstörung, etwa ADHS erkannt. Aber auch körperliche Ursachen wie eingeschränkte Hör- oder Sehfähigkeiten können zu einer späteren Legasthenie führen.

Symptome

Am Anfang unseres Lebens lernen wir am meisten. Essen, Laufen und auch Sprechen. Und wer lernt, macht Fehler. Wenn Ihre Zweijährige zum Beispiel "Tanne" sagt und "Kanne" meint, ist das ganz normal, sie kriegt nur das K noch nicht richtig über die Zunge. Zwei Jahre später darf das aber kein Problem mehr sein: Eine Vierjährige sollte schwierige Lautbildungen beherrschen.

Entscheidend ist also nicht der Fehler an sich, sondern wie lange er beibehalten wird. Bei Säuglingen können Probleme beim Schlucken oder Trinken erste Warnzeichen sein. Befragen Sie auf jeden Fall die Ärztin, wenn Sie etwas in der Art beobachten. Ein Baby, das sich normal entwickelt, kann schon im ersten Monat Kehllaute, also eine Art Röcheln, formen und ab dem dritten Monat spontan Vokale von sich geben. Aber machen Sie sich keine Sorgen, wenn Ihr Baby nicht gleich voll in die Kommunikation einsteigt - 75 Prozent aller Säuglinge antworten erst im Alter von fünf Monaten.

Wie groß die Spanne innerhalb einer gesunden Entwicklung sein kann, zeigen folgende Zahlen: Manche Kinder gebrauchen Wörter schon im Alter von zwölf Monaten richtig, 75 Prozent sind dazu jedoch erst mit 18 Monaten in der Lage. Einige bilden bereits mit 14 Monaten Zwei-Wort-Sätze. Das beherrschen aber selbst unter Zweijährigen erst 75 Prozent, im Alter von 30 Monaten können dann 97 Prozent der Kleinkinder solche Sätze formulieren.

Fünfjährige sollten fragen, fragen, fragen

Mit fünf Jahren kann Ihr Sohn oder Ihre Tochter meist bis fünf zählen, Acht-Wort-Sätze nachsprechen und die Umgebung mit jeder Menge Hintergrundfragen löchern. In diesem Alter kommentieren Kinder ständig ihre Beobachtungen, sind also generell recht redselig - wenn alles seinen normalen Gang geht.

Auffallende Schweigsamkeit könnte ein Indiz dafür sein, dass das nicht der Fall ist. Am besten schon im Vorschulalter, spätestens aber, wenn Ihr Kind in die Schule kommt, sollte es der deutschen Sprache weitgehend mächtig sein, also Wörter richtig aussprechen, ihre Bedeutung verstehen und Grammatik und Satzbau beherrschen. Ansonsten wächst die Gefahr einer späteren Lese- und Rechtschreibschwäche.

Bleibt Ihr Kind zurück, sollten Sie es fördern: Von alleine, ohne professionelle Hilfestellung, kann es seine Lernlücken nicht schließen. Es wird vielleicht sogar anfangen, sich auffällig zu verhalten und Abwehrstrategien zu entwickeln, gerade weil es die eigenen Ausdrucksmöglichkeiten ständig als mangelhaft erlebt. Ein Vierjähriges, dem es schwer fällt, seine Wünsche zu äußern und das von der Umwelt nicht verstanden wird, fragt irgendwann nicht mehr. Und vielleicht stellt es das Sprechen ganz ein.

Diagnose

Dass Ihr Kind Probleme beim Sprechen hat, kann viele Ursachen haben. Bringen Sie also Zeit und Geduld mit – schließlich ist es für alle Beteiligten wichtig, genau zu wissen, womit man es eigentlich zu tun hat. Der Arzt wird Ihren Sprößling daher auf alle möglichen, auch körperlichen Einschränkungen untersuchen. Es wäre ja zum Beispiel möglich, dass Ihr Sohn oder Ihre Tochter schlecht sieht oder - vielleicht nach einer Mittelohr-Entzündung - nicht mehr gut hört.

Außerdem kann der Arzt prüfen, ob neurologische Störungen oder Stoffwechsel-Krankheiten vorliegen: Auch solche Probleme können unter Umständen zu Sprachschwierigkeiten führen.

Selbst die Zeit vor der Geburt kann eine Rolle spielen, zum Beispiel wenn die Mutter während der Schwangerschaft krank war. Kommt das Baby zu früh auf die Welt, kann sich das ebenfalls auf seine Entwicklung auswirken. Hinzu kommt, dass Kinder später fehlerhaft sprechen lernen, wenn sie zu wenig angesprochen und motiviert werden. Meist kommen jede Menge Verdachtsmomente zusammen, aus denen der Experte sich ein Bild zu machen versucht. Das mag mitunter frustrierend sein, aber erst wenn alle möglichen Ursachen erkannt sind, kann die Ärztin gemeinsam mit Ihnen anfangen, eine Therapie auszuarbeiten und vor allem: realistische Ziele zu formulieren.

So müssen Sie bei bestimmten genetischen Defekten damit rechnen, dass Ihr Kind wohl nie richtig sprechen wird. Bei einer drohenden Lese- und Rechtschreibschwäche hingegen können Sie viel unternehmen, um schon im Vorschulalter entsprechend vorzubeugen. Weniger optimistisch ist die Prognose bei einer Lese- und Rechtschreibstörung. Bei dieser Diagnose sollten Sie sich auf umfangreiche Leistungsausfälle in verschiedenen Bereichen einstellen. Die Betroffenen haben nicht nur massive Probleme mit der Aussprache, oft verstehen sie auch gar nicht, was man ihnen sagt.

Spätentwickler können das Versäumte wieder aufholen

Heute sehen Mediziner das Problem der Spätentwickler übrigens weit weniger gelassen als früher. Diese so genannten Late Talkers sind mit zwei Jahren noch weit von einem Wortschatz von 50 Wörtern entfernt und bilden nur Ein-Wort-Sätze. Inzwischen wissen Forscher, dass nur 50 Prozent dieser Kinder das Versäumte bis zum dritten Lebensjahr wieder aufholen.

Um wirklich sicher zu gehen, wie es um Ihr Kind steht, wird die Ärztin auch Sprach- und Intelligenztests anordnen. Und natürlich zählt Ihre Erfahrung als Mutter oder Vater - die wird sie mittels Elternfragebögen ermitteln. Bei den meisten Tests geht es nicht nur darum, wie gut Ihr Kind sprechen kann, sondern auch darum, ob es sich altersgemäß bewegt, wie gut es hört und sieht, wie selbständig es Entscheidungen trifft und ob es leicht Kontakt zu anderen Menschen findet.

Wenn Sie mit der Beurteilung des Arztes nicht einverstanden sind, sollten Sie eine zweite Experten-Meinung einholen. Sprachliche Entwicklungsstörungen sind ein komplexes Gebiet; eine Prognose über die künftige Entwicklung ist grundsätzlich schwierig. Dennoch hat sie weit reichende Auswirkungen. Immerhin hängt von der Diagnose ab, wie Sie Ihr Kind weiterhin erziehen und welche Maßnahmen Sie ergreifen. Ganz wichtig: Förderprogramme sollten nicht allein darauf zielen, Versäumtes nachzuholen, sie sollten auch die Stärken Ihres Kindes fördern.

Therapie

Wagen Sie sich nicht allein ins Dickicht der Therapie-Varianten, lassen Sie sich ausführlich beraten. Denn Sie und Ihr Kind haben viele Möglichkeiten: Es gibt vorschulische sonderpädagogische Betreuung, Frühförder- und Beratungsstellen, Therapiepraxen, spezialisierte Kindergärten und Sonderschulen sowie sozialpädiatrische Zentren.

Weil sich unterschiedliche Berufsgruppen aus jeweils anderen Blickwinkeln mit Sprache und deren Störungen beschäftigen, können sich auch unterschiedliche Beurteilungen und Behandlungsansätze ergeben. Sie können wählen zwischen Logotherapien, auch Sprachtherapien genannt, Ergotherapien, also Beschäftigungstherapien, Psychotherapien und zahlreichen Förderprogrammen.

Während Ihr Kind in einer Logotherapie verschiedene Sprech- und Artikulationsmuster übt, lernt es in der Ergotherapie, sich kontrolliert zu bewegen und Hören und Sehen zu trainieren. Ärzte verordnen Ergotherapien häufig bei Kindern, die sich schlecht konzentrieren können oder verhaltensauffällig sind. Am Ende soll das Kind alltägliche Verrichtungen selbstständig ausführen können.

In der Ergotherapie lernt Ihr Kind spielerisch, zu planen, zu gestalten und Aufgaben zu bewältigen. Es muss sich dabei wohlfühlen, das ist wesentlicher Bestandteil der Behandlung. Ergänzend können Psychotherapien, besonders Verhaltenstherapien, Ängste nehmen und helfen, ein gesundes Selbstbewusstsein aufzubauen.

Bewusster Umgang mit der Sprache hilft

Lassen Sie sich nicht überwältigen von der Fülle des Angebots! Gerade bei sprachlichen Entwicklungsstörungen kann weniger manchmal mehr sein. Eltern oder Therapeuten wollen manchmal zu viel auf einmal. Aber wenn Ihr Kind übertherapiert wird, kann das dazu führen, dass es sich erst richtig krank fühlt. Und damit ist dann keinem geholfen.

Vor allem bei kleinen Kindern spielen vorbeugende Maßnahmen im Elternhaus eine große Rolle: Gehen Sie in Hörweite Ihres Sprößlings bewusster mit der Sprache um, lernen Sie gemeinsam, gehen sie zusammen zum Sport - all das fördert seine Entwicklung. Bei Kindern mit ausgeprägten Störungen empfiehlt es sich allerdings, frühzeitig, also zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr, mit einer logopädischen Behandlung zu beginnen.

Falls Ihr Kind sprachauffällig war, sollte es spätestens ein Jahr vor der Einschulung noch einmal einen Test machen. So erkennen Sie, ob möglicherweise doch eine Lese- oder Rechtschreib-Schwäche droht. Ist das der Fall, kann es schon im Vorschulalter entsprechend trainieren.

Tipps

Sie sind die erste Person, mit der Ihr Kind kommuniziert. Das heißt, Ihr Einfluss ist gar nicht zu überschätzen. Eltern, die ihren Nachwuchs fördern und seine Freude an der Sprache wecken, tun schon eine ganze Menge, um späteren Problemen vorzubeugen. Ihre Rolle als erster Gesprächspartner beginnt natürlich gleich nach der Geburt: Sprechen Sie beim Wickeln und Stillen mit Ihrem Baby und schauen Sie es dabei an.

Achten Sie darauf , dass Sie selbst korrekt sprechen, aber verbessern Sie Ihre Kleinen nicht ständig. Kindern helfen auch Variationen in der Antwort weiter. Sagt Ihre Tochter zum Beispiel: "Ich Auto haben", kann der Vater antworten: "Ja, du möchtest ein Auto haben." Diese Art des Lernens funktioniert allerdings nur dann richtig gut, wenn die Eltern die Sprache, in der sie die Kinder aufwachsen lassen, fließend beherrschen.

Sport macht fit fürs Sprechen: Viele Ärzte empfehlen Eltern, ihre Kinder mit Bewegungsspielen zu unterstützen. Auch dann, wenn die Sprachprobleme körperliche oder genetische Ursachen haben. Der Zusammenhang zwischen Körper- und Sprachbeherrschung ist zwar noch nicht durch Studien belegt, es gibt aber entsprechende Beobachtungen.

Machen Sie Musik! Dann kann der Nachwuchs nach Herzenslust dazu tanzen, klettern, schaukeln. Das kann Sprechen, Sehen, Hören und die Körperbeherrschung fördern. Fachleute vermuten schon lange, dass Bewegungsmangel Wahrnehmungsstörungen begünstigt, die dann eventuell zu einer Lese-Rechtschreibschwäche, einer Rechenschwäche oder zum Zappelphilipp-Syndrom führen.

Expertenrat

Professor Hans-Michael Straßburg, Leiter der Neuropädiatrie der Uniklinik Würzburg, antwortet
Mein Kinderarzt hat bei meinem Sohn den Verdacht auf eine Lese-Rechtschreibstörung. Was soll ich jetzt tun? Sie sollten den Verdacht auf jeden Fall an anderer Stelle überprüfen lassen. Gehen Sie mit Ihrem Kind zu einem Kinder- und Jugendpsychiater oder einem niedergelassenen Neuropädiater, der mit einem Psychologen zusammenarbeitet, oder in ein sozialpädiatrisches Zentrum. Mit einer Lese-Rechtschreibstörung wird Ihr Kind vermutlich große Schwierigkeiten haben, lesen und möglicherweise auch rechnen zu lernen, auch wenn ihm nach einem Test eine normale Intelligenz bescheinigt wird.

Wer zahlt eigentlich Therapie und Betreuung für mein Kind?

Die Therapie einer Lese-Rechtschreibstörung zahlen die Krankenkassen leider nicht. Wenn jedoch aufgrund der Diagnose festgestellt wird, dass das Kind von einer seelischen Behinderung bedroht ist, kann nach dem Sozialgesetzbuch (§ 35a SGB VIII) beim zuständigen Jugendamt eine zusätzliche Hilfe beziehungsweise Betreuung in der Schule beantragt werden. Die Betreuung von Kindern mit Lese-Rechtschreibstörung ist von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedlich und muss im Einzelfall besprochen werden.

Was kann ich meinem Kind noch Gutes tun?

Neben unterstützenden Hilfen in der Schule können spezielle pädagogische Übungen und psychologische Therapiemaßnahmen dem Kind weiterhelfen. Sinnvoll ist auch, das Selbstwertgefühl des Schülers zu unterstützen, ihn zum Sport zu schicken, ihm anregende neue Perspektiven mit Hobbys und Freunden zu vermitteln. Viele Kinder mit Lese- und Rechtschreibstörung gehen auf normale Schulen, zum Beispiel werden dann Diktate nicht benotet oder die Leistungen mehr mündlich als schriftlich überprüft.

Stimmt es, dass so genannte Hand-Abzählreime und Knetgummi-Aktionen die sprachlichen Fähigkeiten fördern können?

Einmal am Tag oder gar nur einmal in der Woche Abzählreime mit den Händen oder Knetgummi-Aktionen zu machen, sei es zu Hause oder im Rahmen einer Therapiestunde, ist völlig unsinnig, wenn das Kind nicht konsequent sinnvoll angesprochen und beschäftigt wird, sondern Stunden vor dem Fernseher sitzt. Es sollte auch gut schlafen können, gesund essen und möglichst keine Streitigkeiten in der Familie mitbekommen. Zuerst kommt jedenfalls immer die differenzierte Diagnose und dann die individuelle Besprechung verschiedener Möglichkeiten, um dem Kind einerseits die bestmögliche Förderung zu bieten, es andererseits aber auch vor Überforderungen zu bewahren.

Forschung

Macht Fernsehen sprachlos? Bislang konnte durch Studien nicht belegt werden, dass Kinder weniger lernen, wenn sie ständig vor dem Fernseher sitzen. Aber es verdichten sich die Hinweise darauf, dass es einen Zusammenhang gibt. Fleißige Leser sind in der Regel eben keine Dauer-Glotzer und umgekehrt. Folglich wird den Vielsehern bescheinigt, dass sie einfach lesefauler sind als andere.

Erste Ergebnisse einer Studie der Uni Würzburg zeigen zumindest, dass Jungen und Mädchen, die sehr oft vor dem Bildschirm hocken, in Sprach- und Lesetests am schlechtesten abschneiden. Besonders deutlich stellte sich der Zusammenhang bei Kindern mit einer verminderten Intelligenz dar.

Die Wissenschaftler vermuten allerdings, dass es weitere Gründe für die schwachen Leistungen dieser Testpersonen gibt. Berücksichtigt werden sollte daher neben dem Fernsehkonsum auch der familiäre Hintergrund: Kümmern die Eltern sich auch um die Schulaufgaben, werden die Kinder in ihrer Umwelt ausreichend angeregt und motiviert? Denn Fernsehen ist auch bei Kindern manchmal schlicht eine Flucht vor Frust und Langeweile.

Mechthild Klein
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